Wir können auch anders

Wahlen Das Engagement und das Interesse an Politik geht bei Jugendlichen seit Jahren zurück. Ein Berliner Schüler erklärt, warum das so ist. Eine Freitag-Serie zur Wahl

Aristoteles sagt: "Der Mensch ist von Natur aus ein politisches Wesen."Damit ist jeder Mensch gemeint, auch die Jugendlichen. Dass diese These der Wahrheit entspricht, hat uns die Geschichte gelehrt. Es waren schließlich die jungen Studenten, die sich in den 68ern mutig in Bürgerrechtsbewegungen organisiert und durch Demonstrationen gegen den Krieg, gegen die Diskriminierung von Homosexuellen sowie für eine offene und tolerantere Gesellschaft große Aufmerksamkeit erhalten hat.

Politisches Interesse bedeutet Neugier, Zuwendung, Aufmerksamkeit und Wachheit gegenüber politischen Angelegenheiten. Es sind gerade die Jugendlichen, die doch eigentlich die Kraft verfügen, politisch etwas zu bewegen. Doch wo ist sie hin, diese Kraft? Wo ist das Interesse mitzureden, über die Kürzungen von Bildungsgeldern, über mangelhaft ausgestattete Schulen, über überfüllte Klassen. Wo das Engagement, dagegen zu protestieren?

Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Allensbach (2008), interessieren sich nur 36 Prozent der 14-29-jährigen für politische Themen. Im Jahre 2000 waren es noch 44Prozent. Bei der Studie des Hochschul-Informations-Systems und der Zeitschrift Zeit Campus gaben nur 14 Prozent der Befragten an, sich politisch stark zu engagieren. 2002 waren es noch 25 Prozent. Die Differenz der Abnahme des Wähleranteils zwischen 1980 und 2002 war bei den Jugendlichen stärker (10,5 Prozentpunkte), als bei der gesamten Bevölkerung (8 Prozentpunkte). Tendenziell gesehen scheint das Engagement über die Jahre hinweg abzunehmen. Geht man von diesem Trend aus, kann man bei den bevorstehenden Bundestagswahlen von einer sehr geringen Beteiligung der Jugendlichen ausgehen.

Wer den Ton angibt

Viele meiner Freunde antworteten mir auf die Frage, was sie über Politik denken mit: " Politik ist scheiße", oder :" Das ist nur etwas für alte Männer in teuren Anzügen." Oft höre ich Sachen wie: "Man kann als Einzelner eh nichts erreichen", "Es verändert sich ja sowieso nichts."

Ich denke jedoch, dass auch das Desinteresse an Politik etwas Politisches ist. Die Leute haben sich schon Gedanken darüber gemacht, sie waren neugierig, sie haben Erfahrungen gesammelt, haben jedoch nichts gefunden, womit sie sich identifizieren können und was sie anspricht. Was die meisten Jugendlichen anspricht, ist shoppen gehen, saufen, kiffen, Party machen, am Computer abhängen und Klatsch und Tratsch à la Axel Springer. Es geht nicht mehr darum, wie man das, was drum herum geschieht, sondern wie man sich am besten integriert oder vor der Realität flieht.

Beim genaueren Hinschauen sieht man, dass es die großen Konzerne sind, die hier den Ton angeben. MTV sagt uns, was wir zu hören haben, McDonalds, was wir zu essen haben. Es geht soweit, dass das Fernsehen uns sagt, wann wir zu lachen haben. In den Boulevard-Zeitungen dreht sich alles um Fußball, Partys und die großen Brüste der Prominenten. Wir werden tagtäglich mit so vielen Informationen über das Fernsehen, Radio, Zeitungen und dem Internet bombardiert, dass es fast unmöglich scheint, Wichtiges und Unwichtige auseinander zuhalten. Politische Diskussionen finden auf einem sprachlich so hohem Level statt, dass nur hochgebildete, ältere Menschen einen Zugang dazu finden. Uns wird dadurch keine Möglichkeit mehr gegeben, uns als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu verstehen, die die Gesellschaft mit-formen können mit-entscheiden und vor allem mit-denken können. Das hat zur Folge, dass die Seele für Veränderungen, die in den Jugendlichen steckt, erlischt.

Was die Bertelsmann-Stiftung sagt

Wer trägt die Verantwortung für diese Misere?

Ich denke, jeder in unserer Gesellschaft trägt eine Mitschuld. Über allem steht das System, das allen Formen von Veränderung entgegensteht. Der Staatsapparat begrüßt es offenbar, dass unsere Generation maulfaul geworden ist, depolitisiert wird und dazu gebracht wurde, ihre Kraft in "ungefährlichere" Angelegenheiten zu investieren. Die Erwachsenen und älteren Mitmenschen, die in den Jugendlichen oft nur nichtsnutzige Rabauken sehen, kommen ihnen nicht entgegen. Dann wären da noch die Jugendlichen selbst, die sich manipulieren lassen und den ersten Schritt nicht wagen wollen.

Aber:
Wir sind politisch! Und wir sind unzufrieden! Wir ziehen uns kaputte Hosen an und wir hören laute Musik, weil wir nicht mit den Spielregeln, die "die da oben" beschlossen haben, einverstanden sind. Wir haben das Vertrauen in die Politik verloren, weil zum Beispiel die Grünen in Hamburg ein Kohlekraftwerk bewilligen und die Sozialdemokratische Partei HartzIV eingeführt hat. Die Bertelsmann-Stiftung sagt dazu: "Die Ergebnisse der Wahlen bedeuten aber nicht, dass die Jugend weniger engagiert ist, sondern eher, dass sie sich nicht mehr mit den aktuellen Strukturen identifizieren kann."

Wir dürfen jedoch nicht vergessen: Wenn uns etwas in unserer Gesellschaft stört, so sind nicht nur die Politiker dafür verantwortlich. Uns stehen die Möglichkeiten offen, etwas zu verändern. Wir sind auch ein Teil der Gesellschaft, müssen uns auch als Solches verstehen. Wir sind es, die neue Ideen, Anregungen und Bewegung in die Politik bringen müssen.


Dogus Darici ist 18 Jahre alt und besucht das 3.Semester an der Leonardo-da-Vinci-Oberschule in Berlin-Neukölln

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16:00 25.09.2009

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