Wir können das Thema wie ein Gespenst behandeln

Ansprache Aus der Rede von Barack Obama am 18. März 2008 in Philadelphia über den Wahlkampf und die verhängnisvolle Macht des Rassismus

Ich bin der Sohn eines schwarzen Mannes aus Kenia und einer weißen Frau aus Kansas. Ich wurde erzogen von einem weißen Großvater, der die Zeit der Depression überlebte und im Zweiten Weltkrieg in der Armee des Generals Patton diente, und von einer weißen Großmutter, die in Fort Leavenworth arbeitete, während ihr Mann in Übersee war. Ich habe einige der besten Schulen in Amerika besucht und in einer der ärmsten Nationen der Welt gelebt. Ich bin mit einer schwarzen Amerikanerin verheiratet, die in sich das Blut der Sklaven und der Sklavenhalter trägt - ein Erbe, dass wir an unsere geliebten Töchter weitergegeben haben. Ich habe Brüder, Schwestern, Nichten, Neffen, Onkel und Cousins von jeder Rasse und jeder Farbe auf drei Kontinenten - und so lange ich lebe, werde ich nicht vergessen, dass solch eine Geschichte in keinem anderen Land der Welt möglich ist. (...)


Zu Anfang der Wahlkampagne erlebten wir - jeder Vorhersage zum Trotz -, wie hungrig die Menschen nach einer Botschaft der Eintracht waren. Obwohl es die Versuchung gab, meine Kandidatur durch eine rassisch gefärbte Brille zu betrachten, gewannen wir in Staaten mit der weißesten Bevölkerung des Landes. In South Carolina, wo die Flagge der Konföderierten noch weht, errichteten wir eine mächtige Koalition von Afroamerikanern und weißen Amerikanern.

Das heißt keineswegs, dass es einen Wahlkampf ohne das Rassenthema gab. Immer wieder nannten mich Kommentatoren "zu schwarz" oder "nicht schwarz genug". Gerade in der Woche vor den Vorwahlen in South Carolina sahen wir den Rassenkonflikt unter der Oberfläche brodeln. (...)

Die Presse durchsuchte jede Umfrage nach Beweisen für eine Polarisierung, nicht nur zwischen schwarz und weiß, auch zwischen schwarz und braun. Aber erst in den vergangenen Wochen hat das Rassenthema begonnen, eine spaltende Richtung einzunehmen. (...)

Ich habe bereits mit unmissverständlichen Worten die kontroversen Aussagen von Reverend Jeremiah Wright missbilligt. Für einige Menschen aber bleiben Fragen. Ob ich wusste, dass er zuweilen ein harter Kritiker der US-Politik ist. Natürlich. Ob ich von ihm strittige Bemerkungen hörte, während ich in seiner Kirche saß? Ja. Ob ich vielen seiner Wertungen widerspreche? Absolut - genauso wie ich sicher bin, dass viele von Ihnen den Bemerkungen Ihres Pastors, Priesters oder Rabbis vehement widersprechen.

Die Aussagen, die den Sturm der Entrüstung auslösten, waren nicht nur kontrovers und nicht nur einfach Sätze eines religiösen Mannes, der sich gegen die von ihm wahrgenommenen Ungerechtigkeiten wehrt. Sie artikulierten vielmehr eine verzerrte Sicht auf unser Land, die davon ausgeht, dass der Rassismus der Weißen endemisch ist. Sie betonten zu sehr, was schlecht an Amerika ist, und zu wenig, was gut ist.

Dass die Wut in einigen von Reverend Wrights Predigten so viele Menschen überrascht, erinnert uns schlicht daran, dass amerikanisches Leben zu keiner Zeit gespaltener ist als am Sonntagmorgen. Solche Wut verhindert zu oft, dass ernste Probleme gelöst werden. Sie hält uns davon ab, dass wir uns der Mitschuld an unseren Verhältnissen stellen. Und sie hindert die afroamerikanische Gemeinschaft, eine Allianz für wirklichen Wandel zu formen. Wut ist stark. Sie einfach fort zu wünschen, sie zu verdammen, ohne ihre Wurzeln zu verstehen, fördert nur das Missverständnis zwischen den Rassen. (...)

Für die afroamerikanische Gemeinschaft heißt es, die Bürden der Vergangenheit abzuwerfen, ohne zum Opfer zu werden. Es bedeutet, volle Gerechtigkeit für jeden Hauch amerikanischen Lebens zu fordern. Aber das heißt ebenfalls, die Missstände zum Wohl aller Amerikaner zu überwinden: Im Interesse einer besseren Gesundheitsversorgung, besserer Schulen, besserer Jobs - für die weiße Frau, die sich in ihrer Karriere behindert sieht; für den weißen Mann, der entlassen wird; für den Migranten, der seine Familie ernähren will. Es bedeutet, die Verantwortung zu übernehmen, indem wir von unseren Vätern verlangen, mehr Zeit mit unseren Kindern zu verbringen, sie zu unterrichten und gegen Diskriminierung zu schützen, so dass sie nie Verzweiflung oder Zynismus erliegen. Sie müssen sich stets sicher sein, dass sie ihr Schicksal bestimmen können.

Ironischerweise läuft dies in der Quintessenz auf einen amerikanischen - ja, einen konservativen - Gedanke hinaus: das Motiv der Selbsthilfe, die Reverend Wright häufig in seinen Predigten benannte. Nur hat mein früherer Prediger oft nicht verstanden, dass dazu der Glaube an die Veränderbarkeit der Gesellschaft notwendig ist.

Der Fehler seiner Predigten besteht nicht darin, dass er über den Rassismus in unserer Gesellschaft sprach, sondern dass er diese Gesellschaft für statisch hält, als habe es keinen Fortschritt gegeben. Dabei unterstützt derzeit eine Koalition von Weißen und Schwarzen, von Latinos und Asiaten, Reichen und Armen, Jungen und Alten einen der ihren bei der Kandidatur um das höchste Staatsamt. Wer das übersieht, ist in der Vergangenheit gefangen. Wir wissen und haben bereits erlebt, dass Amerika sich ändern kann. Dies ist das wahrhaft Geniale an dieser Nation.

Wir haben die Wahl. Wir können eine Politik hinnehmen, die Spaltung, Konflikte und Zynismus fördert. Wir können das Rassenthema wie ein Gespenst behandeln - wie wir es im Simpson-Prozess taten oder nach der vom Hurrikan Katrina 2005 ausgelösten Tragödie - als Futter für die Abendnachrichten. (...)

Oder wir sagen: "Dieses Mal nicht." Dieses Mal wollen wir über die schlechten Schulen sprechen, die den schwarzen und weißen Kindern, den asiatischen und hispanischen Kindern sowie denen der Indianer die Zukunft stehlen. Dieses Mal wollen wir den Zynismus zurückweisen, der uns sagt, dass diese Kinder nicht lernen können. Dass diese Kinder, die so anders aussehen, nicht unser Problem seien.

Aber die Kinder Amerikas sind unsere Kinder, und wir werden sie nicht hinter die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts zurückfallen lassen. Nicht dieses Mal. (...) Ich würde nicht für das Präsidentenamt kandidieren, wenn ich nicht mit ganzem Herzen glauben würde, dass eine solche Politik von der großen Mehrheit der Amerikaner gewollt ist.

Übersetzung Dirk F. Schneider

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00:00 04.04.2008

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