Wir können nur Anders

Medientagebuch Song Contest statt Grand Prix: Wie der Sozialstaat wird auch der Schlager reformiert

Fertige Antworten hat nicht mal die Bild-Zeitung. Aber um sich dem Problem zu nähern, warum Deutschland zur großen Überraschung der ganzen Welt auch in diesem Jahr den European Song Contest, wie der frühere Grandprix mittlerweile heißt, nicht gewonnen hat, hält sich das Blatt immerhin Experten.

"Wieviel hat die Punktvergabe mit Politik zu tun?" wollte Bild nach dem achten Platz wissen, den, naja: unser Max in Istanbul erreichte, und einige Befragte äußern sich interessant. Der Grand Seigneur des deutschen Schlagers, Dieter Thomas Heck, analysiert traurig: "Viele Nachbarländer geben sich gegenseitig Punkte. Wir haben zwar auch Nachbarn, aber die denken nicht so sehr an uns." Mögen uns die Anderen etwa nicht? "Das ist teilweise leider immer noch so." Aber Pop- und Soapstar Jeannette Biedermann weiß, wie man´s beheben könnte: "Wir müssen offensichtlich an einem besseren Image arbeiten."

Welche Imagekampagne wäre je ohne kulturelle Einbettung ausgekommen. Und schon ist man wieder beim Grandprix. Gewonnen hat am vergangenen Wochenende eine Sängerin aus der Ukraine, bei der man schon an ihrem Vornamen Ruslana und an ihrem Song, der an Ralph Siegels Mongolei-Hymne Dschingis Khan erinnert, ihren Anspruch, den gesamten osteurasiatischen Raum repräsentieren zu wollen, heraushören kann.

Der Grandprix sollte in diesem Jahr nicht zuletzt durch die Initiative Deutschlands, das ein nicht unwichtiger Financier des Spektakels ist, vom belächelten Schlagertreffen zum modernen Popfestival aufsteigen. Schon bei der deutschen Vorauswahl ging von DJ Westbam über Scooter bis Sabrina Setlur allerlei Nichtschlagerprominenz an den Start.

Mit dem Schlager ist´s nämlich wie mit dem Sozialstaat: Er rechnet sich nicht mehr. Also soll er modernisiert, umgekrempelt und runderneuert werden, damit Deutschland endlich in Europa wieder die Nummer eins wird. Aber herausgekommen ist bei der großen Schlagerreform so viel wie bei Wolfgang Clements Minijobs, Ich-AGs und Personalserviceagenturen. In der Bilanz des diesjährigen Grandprix steht Deutschland wieder auf Platz acht. Und weil der deutsche Schlager auch seinen Wolfgang Clement hat, der sogar so aussieht, aber bloß Stefan Raab heißt, darf man getrost damit rechnen, dass der Umbau weitergeht.

Die Bild-Experten sind sich nämlich einig, dass es nicht nur auf die Stimme, "sondern auch auf die Performance" (Dieter Bohlen) ankommt, denn "es reicht eben nicht aus, auf einem Barhocker ein nettes Liedchen zu trällern" (Ralph Siegel).

Nichts reicht aus, dass ahnt unsere Elite, die bekanntlich von Bohlen bis Clement, von Heck bis Schröder reicht. Aber da sie nicht weiß, wo dieses Nichts anfängt und wo es aufhört, ist sie sogar noch froh, in diesem Jahr nur den beinah obligatorischen Deutschlandachter kassiert zu haben.

Die Show fürs deutsche Publikum sendete die ARD in diesem Jahr wieder aus dem Hamburger Schmidt´s Tivoli, und die Moderation übernahm Thomas Anders, der Ex-Sänger von Modern Talking.

Schon in der typischen ARD-Idee, weil man den Siegertyp Dieter Bohlen nicht bekommt, halt seinen geschassten Kompagnon zu verpflichten, drückt sich die hiesige Dürftigkeit im Umgang mit Weltkultur aus. Die ARD hätte auch Eckermann verpflichtet, wenn Goethe gerade bei RTL unter Vertrag wäre. Und den hiesigen Frank Sinatra hat ja lange genug Harald Juhnke gegeben.

Thomas Anders, der gewiss allerlei und nicht unbedingt Unsympathisches symbolisiert, aber gewiss dieses eine nicht, eine Number One zu sein, sang zum Auftakt den Beitrag von Max, Can´t Wait Until Tonight, dann ließ er das Publikum und alle Gaststars den Song trällern, und als Interviewer kitzelte er zur allgemeinen Beruhigung aus Max die Information heraus, dass er heute ohne Rollkragenpullover auf die Bühne gehen wollte.

Als Anders Stefan Raab, Entdecker und Produzent von Max interviewte und Raab irgendwas von "auf den Sack gehen" sagte, tadelte Anders: "Ein anderes Wort haben wir von dir gar nicht erwartet." Was macht die ARD eigentlich, wenn die Modernisierung des europäischen Schlagers in Richtung Gangstarap oder Punk ginge? Werden dann die F....- und Sch...-Pünktchen akustisch in die Übertragung eingefiepst?

Man wär´ halt gern ganz oben, will aber nicht, dass es dann so zugeht wie es zur Zeit ganz oben zugeht. Während Eminem die Welt erobert, hält man sich hierzulande an Karl Moik, aber dass sich weder der Eine noch der Andere benehmen kann, nimmt man nicht zur Kenntnis. Während beim Istanbuler Grandprix osteuropäische Länder wie Albanien, Bosnien-Herzegowina, Serbien-Montenegro und nicht zuletzt die siegreiche Ukraine sich als fit für den europäischen Markt präsentierten, sicherte sich die ARD an der Hamburger Heimatfront mit Rosenstolz und Yvonne Catterfeld ab. "Ich find´s toll, dass Max Deutschland vertritt", lächelte Catterfeld, die ihr Geld als Sänger- und Schauspielerdarstellerin verdient, und ließ sich im herzlichen Gespräch von Thomas Anders die brutalstmögliche News entlocken, dass sie leider erst im Januar ihren nächsten Urlaub machen kann. Sie hat nämlich so viel zu tun, aber das ist ja positiver Stress. Das ist nicht die Modernisierung des deutschen Schlagers, sondern seine Vercarmennebelisierung.

Im Vergleich zu diesen Darbietungen war Max in Istanbul erstaunlich cool. In einer an die MTV-unplugged-Konzerte gemahnenden Kulisse saß er mit dunklem T-Shirt auf einem Barhocker, sang sein Lied, und um ihn herum hockte eine von einem feist grinsenden Stefan Raab angeführte Gitarristengruppe, die eifrig zupfte.

Nach dem Song, den wir deutschen Zuschauer ja auch schon von Anders gehört hatten, jubelte der im Istanbuler Kabützchen hockende Kommentator: "Er hat´s getan, er hat die Augen aufgemacht." Es war halt eine eher minimalistische Performance, die gegen die siegreiche Ukraine, deren Sängerin in verdammt an den Film Mad Max erinnernden Klamotten daherkam, nicht viel ausrichten konnte.

Mad Max, wird man sich in der ARD gedacht haben, war bestimmt eine böse Spitze gegen unseren deutschen Teilnehmer. Bislang können wir nur Anders. Aber wenn die Schlagerreform weitergehen und dieses Land über den Deutschlandachter hinauswachsen soll, dann muss halt im nächsten Jahr der Florian Gerster ran.


00:00 21.05.2004
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