Wir leben nach unserer persönlichen Risikoformel

Umweltpsychologie Umweltkatastrophen wie die Elbüberflutung rufen starke Gefühle hervor, ändern jedoch wenig an unserem Verhalten

Das Leben in Deutschland", so spottete der Essayist Erich Wiedemann vor gut einem Jahrzehnt, "ist ein einziges perpetuum terribile, die Deutschen sind ein Volk ohne Zukunft, beladen mit Erbschande und dazu verurteilt, zwischen sterbenden Wäldern, Meeren und Flüssen ein grausames Dasein zu fristen".

Rückläufiges Umweltbewusstsein

In den achtziger Jahren war sie weit verbreitet und gehörte zum guten Ton: Die Angst eines jeden Deutschen vor Umweltkatastrophen. In einer Umfrage aus dem Jahr 1985 äußerten 76 Prozent aller jungen Deutschen die Überzeugung, dass der technologische Fortschritt unseren Lebensraum zerstören werde. Doch seit Mitte der 90er Jahre nimmt die Angst vor Umweltschäden kontinuierlich ab. Das Umweltbewusstsein der Deutschen ist nicht mehr so stark ausgeprägt wie noch in den achtziger Jahren, und auch die umweltbedingten Ängste und Beschwerden weisen eine rückläufige Tendenz auf.

Waren in den achtziger Jahren noch zwei Drittel aller Bundesdeutschen überzeugt, dass der Themenkomplex "Umwelt" eines der dringlichsten gesellschaftlichen Probleme darstellt, so sind es im Jahr 2002 nur noch 16 Prozent. Die von dem Marburger Pädagogen Udo Kuckartz im Auftrag des Bundesumweltamtes durchgeführten Untersuchungen belegen: Das bundesrepublikanische Umweltbewusstsein ist in den letzten Jahren "geschrumpft", nachdem es in den Jahrzehnten zuvor kontinuierlich gewachsen war.

Und so verwundert es nicht, dass der Rostocker Umweltsoziologe Peter Preisendörfer eine "abnehmende Zahlungsbereitschaft für einen verbesserten Umweltschutz" konstatiert. Denn mit schwindendem Umweltbewusstsein geht auch die Bereitschaft zurück, für die Umwelt finanzielle Opfer zu bringen oder sich in seiner individuellen Lebensgestaltung zu beschränken. Glaubt man den von Preisendörfer ermittelten Zahlen, so sind immer weniger Bürgerinnen und Bürger bereit, höhere Müll- und Parkgebühren zu zahlen, Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Straßen einzuhalten oder auch nur autofreie Innenstädte zu akzeptieren.

Während die Bundesbürger mittlerweile mehrheitlich also jedes finanzielle Engagement für die Umwelt ablehnen, sehen sie stärker als früher die Politik in der Pflicht. Die Forderungen an die Politik sind gestiegen, die Ansprüche ans eigene Handeln dagegen gesunken. Auf diesen Nenner lässt sich die neue deutsche Umweltbefindlichkeit bringen.

Umweltpsychologen haben mittlerweile erforscht, wie groß die Kluft zwischen Umwelteinstellung und Umwelthandeln ist: Nur vier Prozent der Variation im Umweltverhalten lassen sich aus den Einstellungen einer Person zur Umwelt vorhersagen. Umgekehrt formuliert: Die Sensibilität einer Person für Umweltthemen sagt fast gar nichts darüber aus, wie sich eine Person gegenüber der Umwelt verhält. Allgemein gilt: Der korrelative Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten ist nicht besonders hoch. Das Verhalten eines Menschen lässt sich nur zu zirka 25 Prozent aus seinen Einstellungen vorhersagen. Wie die Untersuchungen des in Magdeburg lehrenden Psychologen Urs Fuhrer zeigen, ist der Zusammenhang zwischen Umwelteinstellung und Umweltverhalten eher noch etwas niedriger.

Einige Forscher halten den geringen Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten im Umweltbereich jedoch für ein Methodenartefakt. Der Grund: Einstellungen werden abstrakt gemessen (Wie wichtig ist ihnen die Unversehrtheit der Natur?), wohingegen Verhaltensweisen auf einer konkreten Ebene abgefragt werden (Wie oft vergessen Sie in der Woche den Müll zu trennen?). Würde man das Umweltverhalten ebenfalls auf einer abstrakteren Ebene abfragen (Wie wichtig ist es Ihnen, durch umweltbezogene Handlungen einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten?) und neben manifesten Handlungen auch Handlungsintentionen zu erfassen suchen, so fiele der korrelative Zusammenhang wesentlich höher aus.

Die Wissenschaft kennt eine Vielzahl von Faktoren, die unsere subjektive Einschätzung von Umweltrisiken beeinflusst. So unterschätzen wir Risiken, die wir absichtlich eingehen, die mit der Zeit nur langsam steigen oder die wir für kontrollierbar halten, andererseits überschätzen wir Risiken, die wir nicht über die Sinne wahrnehmen können, die neu und unbekannt sind oder die wir nicht durch unser Verhalten steuern können. "Konsequenzen", so die Psychologin Gisela Böhm von der Universität Bremen, "die zeitlich verzögert eintreten, werden für weniger schwerwiegend gehalten als kurzfristige Folgen".

Der ökologische Laie ist kaum in der Lage, Gefahren realistisch einzuschätzen. Experimente von Umweltpsychologen zeigen immer wieder, dass das Wissen über Umweltprobleme verhältnismäßig undifferenziert ist. Darüber hinaus werden unterschiedliche Phänomene wie "Ozonloch" und "Treibhauseffekt" häufig verwechselt oder fälschlicherweise auf die gleiche Ursache zurückgeführt. Dass das Ozonloch auf FCKW zurückgeht, der Treibhauseffekt aber auf einen CO2-Anstieg, ist den wenigsten Versuchspersonen bewusst. Die Liste fehlerhafte Vorstellungen ließe sich fortsetzen.

Monokausales Denken und "Dammeffekt"

Schwerer aber als solche "unrealistischen" Vorstellungen wiegt etwas anderes: Wie die Untersuchungen des Bamberger Experimentalpsychologen Dietrich Dörner gezeigt haben, neigen Personen dazu, etwaige Fehlentwicklungen auf einige wenige Ursachen zurückzuführen: Ihr Denken ist monokausal. Auch gehen sie von der irrigen Annahme aus, eine Ressource verbrauche sich linear.

Dass viele Entwicklungen einen exponentiellen Verlauf zeitigen, wird von kaum einer Person bedacht. Die Konsequenz: Ist einmal das Ausmaß an Ressourcen- oder Energieverbrauch erkannt, ist es kaum noch möglich, dagegen zu steuern. Werden beispielsweise Versuchspersonen gebeten, komplexe ökologische und ökonomische System am Computer zu "steuern", führt fast jeder "Spieler" das System in den Niedergang - und zwar meist deshalb, weil er zu viele Entscheidungen in zu kurzer Zeit trifft und Entwicklungen wie die Verknappung von Ressourcen oder die kumulativen Effekte der Verschuldung nicht richtig antizipiert.

Bei realen Umweltkatastrophen beobachtet man noch einen weiteren Effekt, der langfristige Planungen erschwert. So sind Menschen, die einmal von einer Katastrophe heimgesucht wurden, in besonderem Maße davon überzeugt, in Zukunft verschont zu bleiben. Dieser naive Gerechtigkeitsglaube firmiert in der Forschung unter dem Schlagwort "Dammeffekt". Das meint, dass derjenige, der hinter einem brüchigen Damm wohnt - und die Erfahrung eines Dammbruchs bereits gemacht hat - von der Festigkeit des Damms in einer rational nicht nachvollziehbaren Weise überzeugt ist. Auch Menschen, die leidvolle Erfahrungen gemacht haben, zeichnen sich durch das aus, was die Psychologie "unrealistischen Optimismus" nennt.

Menschen bestimmen ein Umweltrisiko nicht nach Art eines Buchalters. Sie lesen keine Statistiken und addieren auch keine Todesfälle im Kopf. Und so kommt es, dass uns ein tatsächlich großes Risiko klein vorkommt und ein kleines Risiko groß. "Der Mensch", so Risikoforscher Helmut Jungermann von der Technischen Universität Berlin, "unterschätzt jene Risiken, die er durch sein eigenes Verhalten beeinflussen kann, und überschätzt dagegen jene, die er nicht selbst zu kontrollieren vermag".

Subjektive Risikoabwägung

Wie groß uns ein Risiko erscheint, hängt von den "Eigenheiten" des Risikos ab: Wir fürchten ganz besonders jene Risiken, die wir nicht schmecken, nicht riechen oder nicht sehen können. Dazu gehört die Bedrohung durch Strahlung, durch Bio-Waffen oder durch Umweltgifte.

Experten wie Helmut Jungermann legen an alle Risiken den gleichen Maßstab an. Sie multiplizieren die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Umweltrisikos mit der Schwere des Schadens. Wenn Laien Risiken "berechnen", dann richten sie den Blick vorrangig auf den möglichen Schaden. Wie wahrscheinlich es dabei ist, dass ein Ereignis eintritt, spielt bei ihrer subjektiven Risiko-Einschätzung eine geringere Rolle. Laien haben eben ihre ganz persönliche Risikoformel.

Und so konnten Forscher in einem Experiment zeigen, dass Personen ein Kind auch dann nicht impfen lassen würden, wenn es mit größerer Wahrscheinlichkeit an den Folgen des fehlenden Impfschutzes sterben würde als an den Folgen einer Überreaktion durch das Impfmittel. Was zeigt: Personen sehen vor allem den Schaden, also den möglichen Todesfall durch die von ihnen angeordnete Impfung. Wie wahrscheinlich dieser Schadensfall ist, hat für sie nur eine untergeordnete Bedeutung.

Natürlich gibt es auch Umweltgefahren, die sich nicht "objektiv" bestimmen lassen, dann nämlich, wenn ein bestimmtes Risiko neu auftaucht. In solchen Fällen ist es unmöglich, in die Vergangenheit zu gehen und nachzusehen, wie häufig das Risiko-Ereignis aufgetreten ist und welchen Schaden es angerichtet hat. "Bei Risiken, die zum ersten Mal auftreten", stellt Helmut Jungermann fest, "haben wir keine Erfahrungsbasis und können deshalb keine Aussagen machen, was in Zukunft passieren wird."

Die neusten Zahlen sind nachzulesen unter: www.umweltbewusstsein.de

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00:00 06.09.2002

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