Wir müssen auch nicht immerzu verreisen

Corona-Tagebuch Unser Autor sitzt auf seiner gemauerten Gartenbank und hat das Geschwätz der Medien satt
Wir müssen auch nicht immerzu verreisen
Abstand für immer? Irgendwann reicht es auch

Foto: Maja Hitij/Getty Images

„Wir sind emporgewachsen über die Mitte des Lebens, wo es grünt und warm ist. Aber es ist nicht das Schlimmste, was die Jugend überlebt.“ Das schreibt Friedrich Hölderlin in seinem Hyperion.

Allerschönstes Frühlingswetter, und das im sonst so häufig verregneten April. Ich sitze in der Sonne in meinem Garten, oben am Hang über Heidelberg-Rohrbach, mit weitem Fensterblick über die Rheinebene bis zur Haardt, ab und zu taumelt ein Zitronenfalter vorüber. Amseln zwitschern, Narzissen duften, es ist die reine Idylle, die es angeblich nicht mehr gibt.

Natürlich ist es anstrengend, die Esswaren, da ich kein Auto besitze, mit dem Fahrrad den Kühlen Grund emporzuschleppen, zumal ich 81 bin, doch vermutlich ist meine Kondition gerade deshalb so gut. Meine Frau ist seit Jahren schwer krank und muss von mir mit allem versorgt werden. Wegen Corona darf sie die Tagespflege im Stadtteil Kirchheim nicht mehr aufsuchen. Und die Ergotherapeutin meidet seit Wochen unsere Wohnung.

Und die allgemeinen Sorgen wachsen, Ängste, Beschwerden gerade in diesen Tagen, auch wenn ich sie zu relativieren oder herunterzuspielen versuche, indem ich auf Krieg und Nachkrieg verweise, auf eine gewisse Unaufgeregtheit, die damals unter den Leuten zu herrschen schien, trotz Fliegeralarm, Luftschutzbunker, Sperrstunde und Lebensmittelmarken.

Die Menschen hamsterten bei Kriegsende, stahlen auf den Feldern Gemüse, raubten furchtlos selbst Güterwaggons aus. Ich erinnere mich auch an die einfachen Speisen, die in meiner Kindheit so beliebt waren und an die wir uns, ärmer werdend, vielleicht wieder gewöhnen sollten, Gemüse-Eintöpfe, Reibekuchen mit Apfelmus oder Pellkartoffeln mit Quark. Wir müssen auch nicht immerzu verreisen.

Unser Sohn, Chirurg in Darmstadt, signalisiert per Telefon höchste Gefahr, vor allem für uns Greise und Großeltern, wenn wir es wagen sollten, einfach so das Haus zu verlassen. Denn wir zählen angeblich zu einer „Risikogruppe“. Er prognostiziert für die nahe Zukunft eine katastrophische Entwicklung mit vielen Toten und erinnert mich schroff an die weltweiten Folgen von Tschernobyl …

Während mich ja eher Kleinigkeiten wie die Absage der vielleicht allzu aufwendig geplanten Veranstaltungen zu Hölderlins 250. Geburtstag bekümmern, besonders natürlich die Tatsache, dass mein Vortrag entfällt. Zumal ich sowieso kaum noch Auftritte habe und im Alter sämtliche Pfründen einbüße. Einen Verlag habe ich auch nicht mehr, keine Zeitungs- oder Radiokolumne; alle meine literarischen Stadtführungen fallen aus, sage ich etwas wehleidig zu meinem Sohn.

Ich sitze noch immer auf meiner selbst gemauerten Gartenbank, habe mangels Beschäftigung Zeit und habe mir deshalb einen besonders dicken Roman herausgefischt, den ich schon immer lesen wollte. Der Turm von Uwe Tellkamp (erschienen 2008 bei Suhrkamp) beschreibt dicht und präzis das Dasein einer bildungsbürgerlichen Minderheit, einer Elite von „Türmern“ in einem Dresdner Villenviertel in den 1980er Jahren, er schildert im Detail ihren langsamen „Verfall“ im Staub- und Aschegeruch der untergehenden DDR.

Das ist insofern auch auf unsere Situation im Westen übertragbar, als literarische, musikalische und philosophische Traditionen hier aus ganz anderen, zum Teil medialen Gründen fast schon verloren gegangen sind – Wertorientierungen, die im Fall der „Krise“ nun fehlen.

Unsere Tochter ist mit ihren drei eigentlich schulpflichtigen Kindern eingetroffen, sie haben für uns eingekauft, weigern sich aber wegen Corona, das Haus zu betreten. Die Enkel hocken also mit frisch desinfizierten Händen im Gras auf einer mitgebrachten Decke; durch ihre Gesichtsmasken entstellt, schauen sie mich wie Gespenster an.

Sie trinken aus mitgebrachten Bechern, dürfen die Großeltern aber, um sie vor Ansteckung zu schützen, nicht berühren oder sich von ihnen berühren lassen – ein schwer hinnehmbarer, auch irgendwie diskriminierender Zustand, dessen Ende gar nicht absehbar ist.

Lohnt es sich wirklich, für eine geraume Zeit, vielleicht für viele Monate, auf Nähe und Unmittelbarkeit zu verzichten, nur um ein wenig länger zu leben? Sind 81 Jahre nicht ausreichend? Das über die Medien vermittelte Durchhaltegeschwätz einerseits und das panische Gewusel andererseits sind jedenfalls kaum erträglich.

Dagegen würde ich gern noch einmal all meinen „Jugendmut“ (Oleg Jurjew) mobilisieren.

Michael Buselmeier, geboren 1938 in Berlin, lebt seit langem als Publizist, Schriftsteller, Herausgeber und literarischer Stadtführer in Heidelberg. Zuletzt erschienen der Gedichtband Mein Bruder mein Tier im Morio Verlag (2018), der Essay Man macht alles nur mit Fanatismus! Anmerkungen zum Freundeskreis Stefan Georges in und um Heidelberg (Verlag Ulrich Keicher 2019) sowie Der gelbe Akrobat 3. 60 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert (mit Michael Braun, poetenladen 2019)

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06:00 01.05.2020

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