Wir müssen hier raus

Markt Wie der heimische Film doch noch zu retten wäre. Eine Systemkritik und ein Finanzierungsvorschlag

Weit über 200 deutsche Filme werden jedes Jahr produziert und kommen ins Kino. Aber nur etwa zehn Filme bringen es auf Besucherzahlen um eine Million. Mit anderen Worten: Ungefähr 500 Millionen Euro werden investiert, um lachhaft magere Resultate zu erzielen. Noch nicht einmal fünf Prozent der produzierten Filme erreichen Besucher in nennenswerter Zahl.

Das sind die Zahlen des Markts. Und über das Auslandsgeschäft mit deutschen Filmen sowie deren Präsenz bei A-Festivals schweigt man ohnehin besser. Auch was die sogenannte Qualität angeht, die dem deutschen Film immer wieder von gutwilligen Kritikern bescheinigt wird: Wer sich das jährliche Paket der Filmakademie reinzieht, ist mit einer Box der grauen, grauenvollen Langeweile konfrontiert. Und dann wundert es nicht mehr, dass niemand diese bemühten Konsensprodukte sehen will und dafür auch noch fünf bis zehn Euro Eintritt zahlen will.

Was ist passiert? Das Hauptproblem: Dem deutschen Film geht es gut. Zu gut. Es gibt genug Förder- und Fernsehgelder, um die Produzenten mit Porsches und anderen Luxusattributen auszustatten. Es fließt ausreichend Geld, um alle glücklich zu machen, auch wenn sich kein Mensch die hochgeförderten und fernsehfinanzierten Erzeugnisse ansehen will. Es wird heute am Produzieren verdient und nicht am Vermarkten. Schön, wenn sich ein paar Leute in einen deutschen Film verirren, aber auch gut, wenn sie es nicht tun.

Dafür gibt es zwei Gründe. Der eine ist die unheilige Allianz zwischen Fernsehen und Kino. Die TV-Redakteure sitzen heute in fast allen Gremien, sie entscheiden auch außerhalb der Beiräte mit, was geschieht. Zu den Fernsehdelegierten gesellen sich in den Gremien entwürdigte, getretene und kompromissbereite Vertreter der Industrie. Und dann noch die regionalen Gremienherrscher, die Bürokraten, die schon laut Auftrag dafür sorgen müssen, das nichts entsteht, was zu böse, zu sexy, zu wild, zu drastisch, zu anders, zu ungezähmt, zu unkontrolliert ist. Eine Zensur zum Mittelmaß. Diese unheilige Allianz aus Fernsehen, Bürokratie und Industrie der Bundesländer funktioniert als Verhinderungsinstallation von Mut und Zivilcourage. Entscheidungen, die mit der Leichenruhe des deutschen Films aufräumen könnten, sind da jedenfalls nicht zu erwarten.

Die Folge dieser Situation ist, dass selbst junge Hochschulabgänger bereits mit der spießbürgerlichen Schere im Kopf Projekte entwickeln und produzieren wollen. Sie wollen an den fetten Förderungs- und Fernsehbraten ran, sie wollen Geld machen wie ihre älteren Vorbilder, und sie haben gelernt, dass das Publikum bei ihren Überlegungen absolut keine Rolle spielen muss. Hauptsache, man kennt die Redakteure und einige Gremiumsgrößen. Was diese wollen, ist schließlich entscheidend, was das Publikum will, egal. Und so sehen die meisten deutschen Filme denn auch aus. So kommt es, dass nur unter fünf Prozent der hochgeförderten Filme funktionieren.

Hinein ins Grab

Das wissen alle. Und alle wissen auch, dass es so eigentlich nicht weitergehen kann. Einige haben sogar den Mut, es laut zu denken und es sich vielleicht sogar einmal zuzuflüstern. Aber ändern will niemand etwas. Denn alle verdienen gut, und der Steuerzahler ist geduldig. Dem Publikum ist es letztlich auch egal, denn es sieht sich vor allem die Produkte aus Hollywood an. Der deutsche Film? Was ist das? So kommt es, dass dieser am Startwochenende einen Kopienschnitt von zehn Besuchern pro Vorführort erzielt.

Aus zahlreichen Gesprächen weiß ich, dass viele der abgehenden Filmhochschüler liebend gern in dieses trostlose Grab namens deutscher Film gewinnbringend einsteigen wollen, denn auch sie haben häufig keine gravierenden Probleme: Die meisten von ihnen werden von ihren Eltern finanziert, und sie brauchen nur zu warten, bis die Alten das Zeitliche segnen, um für immer ausgesorgt zu haben.

Aber diese Mentalität haben vielleicht doch nicht alle. Vor allem die nicht, hoffentlich, die aus anderen Ländern bei uns gelandet sind und Filme machen wollen. Sind sie, die Migranten der zweiten oder dritten Generation, die einzige Chance, das deutsche Kino zu retten? Ich kenne einige mächtige Filmmanager, die nach der Fack ju Göhte-Erfahrung so denken.

Aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass unter den jungen Autoren und Regisseuren noch ein kleiner Impuls von Kreativität verbreitet ist, obwohl mir Produzenten, die es wissen müssten, aus eigener – und bitterer – Erfahrung sagen: Dem ist nicht so.

Hier ein Verbesserungsvorschlag: Allen, die noch jung an Jahren oder im Kopf sind und einen Kinofilm machen wollen, sollte man zwei Millionen Euro in die Hand drücken. Ohne Fremdkontrolle über das jeweilige Projekt. Ohne Diskussion. Einfach mit der Freiheit, genau das zu realisieren, was man sich vorgenommen hat. Experimentieren. Alle Regeln missachten. Andere Filme machen.

Der Risikofonds

Ich plädiere also für einen mit 100 Millionen ausgestatteten Risikofonds, durch den 30 bis 50 solcher anderen deutschen Filme im Jahr entstehen können. Ohne die bewährten Produzentenversager, ohne die Stargesichter, die keiner im deutschen Film sehen will, ohne die bewährten Autoren und Regisseure, die den deutschen Film zur Leichenruhe geschrieben und inszeniert haben. Ohne die Namen, die seit Jahren oder Jahrzehnten den deutschen Film ruinieren und sich dabei eine goldene Nase verdienen. Ohne die alten Strukturen, Namen und Gesichter. Ohne die Gremien, Beiräte und Ausschüsse, ohne die Redakteure und die Bürokraten, ohne die Anwälte und Verbände.

100 Millionen Euro, das ist ungefähr das Budget eines mittleren High-Budget-Films aus Hollywood. Ich denke, dass sich mit dieser so gesehen lächerlich kleinen Summe die deutsche Filmwelt bewegen lässt. Ich denke, dass bereits nach ein, zwei Jahren das Publikum wieder in die deutschen Filme zurückkehren wird, weil sich da endlich etwas Spannendes, Unvorhergesehenes, Frisches und Freches abspielt, das anders ist als die übliche gepflegte Konsenslangeweile.

Ich denke, dass auf diese Weise der deutsche Film nach ein, zwei Jahren wieder bei sehr vielen internationalen Festivals eine Rolle spielen könnte, weil er endlich wieder einmalig, wild, mutig, anarchistisch sein dürfte.

Wenn die Kritiker und Skeptiker tatsächlich Recht haben und dem deutschen Film wirklich jegliches Kreativpotenzial fehlen sollte, ja dann gute Nacht. Dann ist dieses früher einmal so spannende Filmland eben tot. Dann wird man alle Hoffnung fahren lassen müssen. Aber selbst dann hätte man mit dem Risikofonds zumindest versucht, in der Zeit des totalen Umbruchs der Medienwelt wenigstens ein kleines Zeichen zu setzen, um dieses Schicksal zu abzuwenden.

Unser Auto und das geld

Die Filmförderung ändert sich in Deutschland gerade, der Deutsche Filmförderfonds (DFFF), von 70 Millionen Euro 2013 bereits auf 60 Millionen 2014 gesenkt, könnte 2015 nach dem Entwurf des Bundeshaushalts nur noch 50 Millionen Euro betragen. Betroffen wäre davon etwa Studio Babelsberg, wo mit dem deutschen Fördergeld ausländische Produktionen realisiert werden.

Diese Zahlenspiele beschäftigen Branchenvertreter wie die Produzentenallianz – einen ewigen Außenseiter wie Eckhart Schmidt würden sie wohl kaltlassen.

Schmidt, geboren 1938, war Filmkritiker bei der Süddeutschen Zeitung und Herausgeber eines Punk- Magazins. Er ist Regisseur, Autor (der Film Mädchen, Mädchen von 1967, an dessen Drehbuch er mitschrieb, war vergangenen Freitag in einer Raritätenreihe im Berliner Zeughauskino zu sehen) und Fotograf. Seine Arbeiten handeln von der Liebe, ihn interessieren, noch immer, Jugend und Pop. Von Rock zu New Wave und Rap bleibt Schmidt auf der Höhe der Zeit, immer beeinflusst von den Melodramen seines Freunds und Mentors Douglas Sirk.

Schmidts bekanntester Film ist Der Fan (1982), der im Herbst auf Blu-Ray erscheint. Mit Anspielungen auf den Hitlerkult folgt die „kannibalistische Lovestory“ einem jungen Mädchen (Désirée Nosbusch) auf der Suche nach Vereinigung mit seinem Star. SKa

06:00 23.07.2014
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