Wir müssen alle durch den Feuerbach

Bruch-Werk Anmerkungen zur Neu-Edition der "Deutschen Ideologie" von Karl Marx und Friedrich Engels

In diesem Jahr ist nicht nur des 200. Todestags von Immanuel Kant, sondern auch des 200. Geburtstages von Ludwig Feuerbach zu gedenken. Anders als Kant, dessen Schriften rege rezipiert worden sind, ist die allgemeine Nachfrage nach der philosophischen Aufklärung Feuerbachs traditionell gering gewesen, woran wohl auch das bevorstehende Jubiläum wenig ändern wird. Es scheint eben Feuerbachs Schicksal zu sein, hinter den breiten Rücken von Hegel oder von Marx und Engels zu verschwinden.

Andererseits sind es immer wieder gerade die Diskussionen um die Väter des Marxismus gewesen, die eine Auseinandersetzung auch mit Feuerbach angestoßen haben, und es dürften nicht wenige sein, die ihre nähere Bekanntschaft mit Feuerbach der Lektüre der Deutschen Ideologie verdanken. Es kann jedenfalls als ein glücklicher Umstand angesehen werden, dass die im Rahmen des von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung herausgegebenen Marx-Engels-Jahrbuches 2003 vorgelegte Neupublikation von Manuskripten zur Deutschen Ideologie die Öffentlichkeit ausgerechnet im Vorfeld von Feuerbachs 200. Geburtstag erreichte.

Für den Werdegang der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus und für das Verhältnis Feuerbach-Marx ist dieses Werk insofern von großer Bedeutung, als Marx und Engels hier zum ersten Mal die grundsätzliche Differenz artikulieren, die den neuen Materialismus von der nachhegelschen deutschen bürgerlichen Philosophie unterscheidet. Im Vorwort zu seiner Kritik der politischen Ökonomie (1859) hat Marx rückblickend den Bruch mit den Vertretern der deutschen Ideologie so dargestellt: "Als er (Engels) sich im Frühjahr 1845 ebenfalls in Brüssel niederließ, beschlossen wir, den Gegensatz unsrer Ansicht gegen die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten, in der Tat mit unserm ehemaligen philosophischen Gewissen abzurechnen. Der Vorsatz ward ausgeführt in der Form einer Kritik der nachhegelschen Philosophie." Mit dieser Bemerkung hat Marx der Auffassung den Boden bereitet, er und Engels hätten schon im Frühjahr 1845 beschlossen, gemeinsam die Deutsche Ideologie zu verfassen. Die im Rahmen der Arbeit an der zweiten Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) erfolgte Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte der Deutschen Ideologie hat jedoch zu Ergebnissen geführt, die diese Auffassung als falsch erweisen.

"Die hier publizierten Textzeugen belegen, daß es weder im Frühjahr noch im Herbst 1845 den Plan eines zweibändigen Werkes ›Die Deutsche Ideologie‹ gab", schreiben Herfried Münkler und Gerald Hubmann im Editorial des - im April 2004 verspätet erschienenen - Marx-Engels-Jahrbuches 2003. Vielmehr haben sich Marx und Engels zunächst nur im Rahmen eines Aufsatzes mit einem Vertreter der deutschen Ideologen, mit Bruno Bauer, auseinandergesetzt, der sie aufgrund ihrer Ausführungen in der 1845 erschienenen Heiligen Familie für Anhänger des Philosophen Feuerbach hielt. Später planten Marx und Engels dann das Projekt einer Vierteljahresschrift, in der sie sich gemeinsam mit anderen Autoren kritisch mit den Vertretern der junghegelianischen Bewegung auseinandersetzen wollten. Und erst nachdem dieser Plan gescheitert war, begannen sie damit, die unterdessen verfertigten Manuskripte zur Deutschen Ideologie zusammenzufassen. Weil sich kein Verleger für das Werk interessierte, stellten Marx und Engels die weitere Arbeit an den Texten ein und überließen das Manuskript, wie Marx im schon erwähnten Vorwort bemerkt, "der nagenden Kritik der Mäuse um so williger, als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten - Selbstverständigung."

Auch Friedrich Engels hat in der Vorbemerkung zu seinem Alterswerk Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie (1886) auf den provisorischen Charakter der Deutschen Ideologie hingewiesen: "Der Abschnitt über Feuerbach", so heißt es dort, "ist nicht vollendet. Der fertige Teil besteht in einer Darlegung der materialistischen Geschichtsauffassung, die nur beweist, wie unvollständig unsre damaligen Kenntnisse der ökonomischen Geschichte noch waren. Die Kritik der Feuerbachschen Doktrin fehlt darin".

Die besondere Charakteristik der Editionsgeschichte der Deutschen Ideologie besteht darin, dass die späteren Herausgeber die von Marx und Engels überkommenen Manuskripte in einer Form veröffentlicht haben, in der der fragmentarische, unabgeschlossene Charakter dieses Werkes weitgehend getilgt worden ist. Wie die Bearbeiter der Neupublikation in ihren einführenden Bemerkungen darlegen, erweist sich diese editorisch nicht gerechtfertigte und auch in den editorischen Bemerkungen nicht hinlänglich ausgewiesene Veröffentlichungspraxis als politisch motiviert: die Deutsche Ideologie wurde zum Werk der Grundlegung der materialistischen Geschichtsauffassung stilisiert, das sich als Waffe im Kampf gegen die bürgerliche Philosophie einsetzen ließ. Insbesondere der Begriff der "Praxis" fungierte in der Folge als eine Art Zauberformel, die den wesentlichen Unterschied des alten, bürgerlichen vom neuen Materialismus auf den Punkt zu bringen meinte.

Weithin unberücksichtigt blieb, dass sich bereits Feuerbach bei seinem Bruch mit dem Hegelianismus auf die Umwälzungen der zeitgenössischen Praxis berufen hatte, und dass Marx und Engels noch eine andere Version der Kritik am alten Materialismus angedeutet hatten, in deren Mittelpunkt nicht der Begriff der Praxis, sondern die Konzeption der "revolutionären", "praktisch-kritischen" Tätigkeit steht. Den akademischen Verwaltern der proletarischen Sache war diese Konzeption suspekt. Entweder wurde der Begriff der revolutionären Praxis mit dem Begriff der Praxis identifiziert oder die Zensur kassierte ihn. Der "subjektive Faktor" sollte am objektiven, naturgesetzlichen Gang der Geschichte sein Genügen finden.

Die nun vorliegende Neu-Edition der Texte zur Deutschen Ideologie könnte einen Anstoß dazu geben, nicht nur die Ausführungen von Marx und Engels neu zu lesen, sondern auch das Verhältnis des alten zum neuen Materialismus neu zu überdenken. Ein Problem der Neu-Edition ist allerdings darin zu sehen, dass mit ihr zwar ein Meisterwerk editorischer Arbeit, aber zugleich auch ein Werk entstanden ist, das sich bei weitem schwerer aneignen lässt als die alte Version der Deutschen Ideologie in der MEW-Ausgabe: ein Umstand, der generell für das Mammutunternehmen der zweiten MEGA gilt, die nach ihrem Abschluss 114 Bände umfassen wird.

Die jetzt von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung unternommene Neubegründung des Marx-Engels-Jahrbuchs lässt sich jedoch als ein Versuch begreifen, einer drohenden Departementalisierung der offiziellen Marx-Forschung entgegenzuwirken. Nachdem die im Zeitraum zwischen 1994 und 2002 erschienenen MEGA-Studien, die die Nachfolge der alten Marx-Engels-Jahrbücher angetreten hatten, zunächst weitgehend dem Themenkreis der Restrukturierung der zweiten MEGA verpflichtet waren, ist es nun nach der Konsolidierung dieses Unternehmens der Internationalen Marx-Engels-Stiftung ein Bedürfnis geworden, mit der Herausgabe eines neuen Jahrbuches der Diskussion um das Marxsche Werk eine breitere Grundlage zu verschaffen.

Von Herfried Münkler und Gerald Hubmann, die zusammen das Editorial zur Neuausgabe verfasst haben, werden der Anspruch und die Hoffnung des neuen Unternehmens so zusammen gefasst: "Insgesamt steht das hier avisierte Programm unter der Erwartung wechselseitiger Impulse: so sollen die Ergebnisse historisch-kritischer Edition und Forschung ebenso den wissenschaftlichen Diskurs, die Beschäftigung mit allgemeineren Aspekten der Marxschen Theorie und deren Neubewertung anregen, wie diese ihrerseits befruchtend auf die editorische Arbeit zurückwirken können." Auch wer sich an der Rede vom nachideologischen Zeitalter stört, die im Editorial gleich an zwei Stellen auftaucht, wird diesem Neuanfang nur alles Gute wünschen können. Die Vorabpublikation von Manuskripten der Deutschen Ideologie dürfte jedenfalls einen markanten Ausgangspunkt für neue Diskussionen um das Marxsche Erbe bilden. Und vielleicht fällt in diesem Zusammenhang auch wieder etwas Licht auf den Philosophen Ludwig Feuerbach, den vernachlässigten Haupthelden des umstrittenen Frühwerks, dessen 200. Geburtstag im Juli diesen Jahres ansteht. In diesem Sinne und im Hinblick auf das umstrittene und jetzt neu edierte Kapitel "I. Feuerbach" ließe sich ein Satz verstehen, der lange als ein Satz von Marx angesehen worden ist, bis man herausfand, dass er von Feuerbach stammt: "Wir müssen alle durch den Feuerbach."

Marx-Engels-Jahrbuch 2003. Erschienen in zwei Bänden im April 2004. Herausgegeben von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung Amsterdam. Akademie-Verlag, Berlin, 256 S., 59,80 EUR


00:00 18.06.2004

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