"Wir mussten die Bilder löschen"

Im Gespräch Ein Zeitungsredakteur, der anonym bleiben muss, erklärt, warum die türkischen Medien über die jüngsten Proteste kaum berichten
Torsten Landsberg | Ausgabe 24/2013 12
"Wir mussten die Bilder löschen"
Zu Beginn der Woche ging die türkische Regierung mit Tränengas und Panzern gegen die Demonstranten auf dem Taksim-Platz vor
Foto: Bulent Kilic/ AFP/ Getty Images

Unser Gesprächspartner ist Redakteur bei einer Zeitung in Istanbul und Mitglied der Media Ethics Platform, eines Zusammenschlusses türkischer Journalisten, die Ethikverletzungen in den Medien kritisieren. Weil er berufliche Konsequenzen befürchten müsste, will er das Interview nur anonym geben.

Der Freitag: Wie beurteilen Sie die Berichte der türkischen Medien über die aktuellen Proteste, die vom Gezi-Park ausgingen?

Die Medien haben furchtbar schlechte Arbeit gemacht. Besonders als die Proteste eskalierten und die Gewalt durch die Polizei ihren Höhepunkt erreichte. Die TV-Stationen stellten sich blind, die Menschen verfolgten die Entwicklungen deshalb auf Twitter. Dort kommt es aber häufig zu Fehlinformationen, was die Situation eher zuspitzt. Es ist ein Dilemma, dass die Massenmedien nicht umfassend und objektiv berichten.

Wie haben die Medien den Beginn der Proteste begleitet?

Anfangs dachten alle, die Demonstrationen würden schnell beendet. Mein Arbeitgeber veröffentlichte auch Fotos und Videos auf unserer Website. Als der Protest von Tag zu Tag größer wurde, erhielten wir eine Mail vom Chefredakteur, dass wir das Material löschen sollen. Es gab keine Debatte darüber. Natürlich fühlen sich viele Redakteure nicht wohl damit, aber ihre Haltung ist: Wir können nichts machen.

Was geschähe, wenn ein Redakteur widersprechen würde?

Er würde wohl sehr scharf ermahnt werden, danach würde man ihm mit der Kündigung drohen.

Und wenn ein Chefredakteur kritische Berichterstattung zuließe?

Er würde sicher auf der Stelle gefeuert werden. Es haben schon lange vor den Gezi-Protesten bekannte Kolumnisten ihre Jobs verloren, weil sie die Regierung kritisierten.

Der Protest im Gezi-Park richtete sich anfangs gegen ein Bauvorhaben, ein geplantes Einkaufszentrum nach dem Vorbild historischer Militärbaracken, denen der Park weichen soll. Inzwischen hat er eine viel größere Dimension und richtet sich direkt gegen die Politik des konservativen Regierungschefs Recep Erdoğan.

Richtig, was zur Folge hat, dass die Journalisten noch vorsichtiger geworden sind. Ein Kollege einer regierungsnahen Zeitung schickte mir eine Mail: „Wir hatten schon vorher Probleme mit freier Berichterstattung, aber jetzt haben wir ein neues Level.“ In vielen Redaktionen wird erst gar nicht über die Möglichkeit einer objektiven Berichterstattung diskutiert.

Eine kleine Demonstration ist leicht zu ignorieren, aber nun gehen Hunderttausende auf die Straßen. Viele Menschen wurden verletzt durch das brutale Vorgehen der Polizei. Einige haben sogar ihr Leben verloren. So etwas lässt sich doch nicht übersehen!

Es wird berichtet, aber nicht objektiv oder gar kritisch. Einige Medien, die der Regierung nahestehen, schrieben, dass die Demonstranten die Reaktion der Polizei provoziert hätten. Die meisten Massenmedien halten sich zurück. Als Todesursache schreiben sie etwa „Schlag gegen den Kopf“, nicht: „Schlag durch einen Polizisten“.

Die Demonstranten kritisieren auch Erdoğans Einflussnahme auf die Medien. Gibt es Reaktionen auf diese Vorwürfe?

Davon ist mir nichts bekannt. Die Fernsehsender NTV und CNN Turk, die sehr stark in der Kritik standen, haben nach und nach angefangen, Bilder der Proteste zu zeigen. Ich weiß aber nicht, ob das eine Reaktion auf die Vorwürfe ist.

Die linken Medien in der Türkei sind klein und unabhängiger. Wie haben diese auf die Demonstrationen reagiert?

Sie haben die Proteste gut abgebildet. Das linke Blatt Birgün hat eine Beilage zum Gezi-Protest veröffentlicht. Aber die Zeitung hat nur ein sehr kleines Publikum, die Auflage liegt bei 5.000 Exemplaren. Halk TV, das der oppositionellen Partei CHP nahesteht, begann, 24 Stunden über Gezi zu berichten. Die Zuschauerzahlen stiegen, denn anders als andere Sender über-trugen sie live, also ungeschnitten.

Sie sind Mitglied der Media Ethics Platform, einem Zusammenschluss von Journalisten, die Manipulationen in den Medien kritisieren. Ist die Mitgliedschaft ein Problem bei Ihrem Arbeitgeber?

Nein, dafür sind wir zu klein, die Plattform ist noch jung. Unser Newsletter erreicht über 100 Journalisten, aber unser harter Kern umfasst nur zehn Leute. Wir haben Pressemitteilungen verschickt, in denen wir die Berichterstattung über Gezi kritisieren. Diese Mitteilungen verschicken wir aber allgemein im Namen der Organisation, nicht personalisiert mit unseren Namen unterzeichnet. Wir verstecken uns nicht, aber niemand von uns hat bislang Probleme bekommen. Solange man klein ist, wird man nicht als Bedrohung gesehen.

Haben Sie sich selbst an den Protesten im Gezi-Park beteiligt?

Ja, natürlich. Ich bin regelmäßig dort. Ich war in den vergangenen Jahren auch oft am 1. Mai am Taksim-Platz und habe sehr unterschiedliche Menschen dort protestieren gesehen, jedes Jahr wurden es mehr. Aber was sich jetzt im Gezi-Park abspielt, ist etwas Besonderes. Nachdem mein Vater das gesehen hatte, sagte er: „Ich bin stolz auf diese jungen Menschen. Sie stehen zusammen – anders als wir in den Siebzigern.“ Auch damals protestierten Bürger, aber sie zogen nicht an einem Strang.

Müssen Journalisten Konsequenzen fürchten, wenn ihre Teilnahme an Protesten bekannt wird?

Bislang ist das nicht zu erkennen. Sehr viele Journalisten haben sich im Gezi-Park beteiligt und ihre Eindrücke auf Twitter verbreitet. Mir ist nicht bekannt, dass deshalb jemand seinen Job verloren hätte.

Der Gezi-Park soll einem Bauvorhaben weichen. In seiner Nähe wird das Viertel Tarlabasi dem Erdboden gleich gemacht, Menschen sind vertrieben worden, Luxuswohnungen sollen entstehen. Viele Medien gehören Konglomeraten, die auch Baufirmen haben. Sind diese Firmen in die Pläne am Gezi-Park involviert?

Gerüchte besagen, dass die osmanischen Militärbaracken von der Calik-Gruppe gebaut werden sollen. Deren Geschäftsführer ist der Schwiegersohn des Premierministers. Der Gruppe gehört auch die Zeitung Sabah. Calik hat bestritten, daran beteiligt zu sein. Es würde mich aber nicht wundern, wenn Leute involviert sind, die der Regierung nahestehen.

Erdoğan ist selbst nahe des Gezi-Parks aufgewachsen. Warum unterstützt er das Bauprojekt so unnachgiebig?

Ich glaube, seine Motivation ist ideologisch begründet. Die Militärbaracken haben in der türkischen Geschichte eine große Symbolik, sie waren das Hauptquartier islamischer Militaristen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Anhänger von Ismet Inönü, einem strikten Säkularisten, zerstörten sie in den vierziger Jahren. Erdoǧan will sich nun dafür revanchieren. Erst war von einer Mall die Rede, dann von einem Hotel, nun von einem Museum – die künftige Nutzung des Gebäudes ist Erdoğan aber egal. Er glaubt, die Rekonstruktion ist ein Sieg über die Anhänger des Säkularismus.

Vor einigen Tagen sind mehrere Zeitungen wie Sabah und Zaman mit der identischen Schlagzeile auf der ersten Seite erschienen – einem Zitat Erdoğans.

Ja: „Wir würden unsere Leben für demokratische Anliegen geben.“ Es stammt aus seiner Rede am Flughafen, in der er die Demonstranten als Terroristen bezeichnete. Es ist kein Zufall, dass diese Blätter das am gleichen Tag gebracht haben. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass sieben voneinander unabhängige Tageszeitungen den exakt gleichen Titel hatten.

Ist das ein Zeichen dafür, wie es um die Unabhängigkeit der türkischen Presse bestellt ist?

Ja, und zwar ein sehr deutliches.

Seit sich der Protest gegen Erdoğans Politik richtet und immer mehr Menschen einbindet, sprechen Beobachter schon von einem „Türkischen Frühling“.

So weit würde ich nicht gehen. Sollte Erdoğan seinen Konfrontationskurs herunterfahren und auch auf die Demonstranten zugehen, den Dialog suchen, dann würden sie das begrüßen. Präsident Abdullah Gül sagte, der Protest sei eher mit Occupy Wall Street zu vergleichen. Ich bin aber sicher, dass sich die Türkei dadurch verändert. Erdoğans Hegemonie hat irreparablen Schaden erlitten. Er sollte künftig kooperativer sein.

Die Eigentumsstrukturen türkischer Medien

Die großen Medien in der Türkei sind meist im Besitz von Mischkonzernen. Der Doğuş Holding zum Beispiel gehören neben dem Fernsehsender NTV Türkei auch Bau- und Immobilienunternehmen. Doğuş ist in der Autoindustrie und der Energiewirtschaft vertreten und unterhält auch eine der größten Banken des Landes, die Garanti.


Kritiker sehen in den teils widersprüchlichen Konzerninteressen eine Ursache für die Beschränkung der freien Presse. Tenor: Eine Zeitung, deren Besitzer ein Kraftwerk baut, berichtet nicht kritisch über die globale Erwärmung. Die Folge ist Selbstzensur. Viele Medien berichten zudem unkritisch über die Regierung, weil Aufträge für das Konzernkonglomerat von der Regierung abhängen. Beobachter sprechen daher von einem korrupten System. Und immer wieder erzählen Redakteure auch von direkter Einflussnahme durch Politiker. Mehr als 90 Journalisten sitzen nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) derzeit in türkischer Haft, Hunderte stehen auf schwarzen Listen. Meist wird ihnen willkürlich die Unterstützung terroristischer Organisationen unterstellt. Auf der ROG-Rangliste der Pressefreiheit liegt die Türkei auf Platz 154 von 179. TL

 

06:00 14.06.2013

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