Wir Opfer

Polen Der Rechtsruck wurzelt in politischer Machtlosigkeit und Enttäuschung, sagt der Psychotherapeut und Philosoph Andrzej Leder
Wir Opfer
Die Wahlergebnisse drücken Ressentiments aus, deren Ursachen weit vor 1990 liegen

Foto: Wojciech Crzedzinski/laif

Kann ein geisteswissenschaftlicher Text, in dem es mit kulturphilosophischen Instrumentarien durch die polnische Geschichte geht, ein Licht auf die Erfolge von PiS, Victor Orbán und der AfD werfen? Auch wenn er sich auf den Zeitraum zwischen dem deutschen Überfall auf Polen 1939 und Chruschtschows Geheimrede 1956 konzentriert? Der das Gelände mit psychotherapeutischer Theorie vermint, damit Konsequenzen bis in die Gegenwart freilegt? Hilft der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan bei der Frage, wieso sich ein bedeutender Teil der osteuropäischen und ostdeutschen Gesellschaften autoritären, weltvereinfachenden, nicht selten chauvinistischen, rassistischen Versprechen zuwenden? Müssen wir etwas über das Konzept der Interpassivität lernen, über die Juissance, also die stumpfe, sinnlose Form der Befriedigung? Ja, müssen wir, wollen wir, ist wichtig!

Ein Hotel neben der Hamburger Universität, Andrzej Leder wird später einen Vortrag halten, ist zu einigen Podiumsveranstaltungen eingeladen. Sein bemerkenswerter Band Polen im Wachtraum hat vor fünf Jahren eine größere Diskussion in Polen provoziert, in Deutschland hat das kaum jemand mitbekommen. Nun ist der Essay übersetzt und vom Osteuropa-Historiker Felix Ackermann hervorragend eingeleitet worden. Er sei kein Spezialist der deutschen Gesellschaftsgeschichte, sagt Leder gleich zu Beginn des Gesprächs, aber der Transfer sei nicht kompliziert: „Nach 1989 hat sich in Ostdeutschland das Gefühl breitgemacht, keine politische Wirkmacht zu haben. Vielleicht sogar selbst involviert gewesen zu sein, aber abseits der persönlichen Ebene dann keinen Einfluss mehr zu haben.“

Andrzej Leder, rahmenlose Brille, Resthaarkranz, Spitzbart, ist Kulturphilosoph, Professor an der polnischen Akademie der Wissenschaften, aber auch Therapeut. Erzählt, dass sich freuen dürfe, wer in Polen eintausend Kopien einer akademischen Abhandlung verkauft. Schüttelt dann ganz leicht den Kopf, angedeutetes, überraschtes Achselzucken: Sein Buch hat sich über zwanzigtausend Mal verkauft.

Erzählung von Unschuld

Mag daran liegen, dass er eine der großen politischen, bis ins persönliche Leben reichenden Erzählungen attackiert, nämlich die der polnischen Unschuld nach dem Überfall durch die Deutschen 1939 und beim Aufbau der realsozialistischen Gesellschaft nach dem Krieg. Die Erzählung von Unschuld und Abwesenheit hält sich trotz der Ermordung von Millionen Juden innerhalb des „Gewaltraumes“, den Wehrmacht und SS in Polen etablierten, das Schlafwandeln – Leder leiht sich hier einen Begriff von Christopher Clark aus – sei auch durch die Nachkriegsjahre weitergegangen: Bodenreform, Enteignung und Vertreibung der landadeligen Großgrundbesitzer und des städtischen Bürgertums. „Der wichtigste Prozess ist dabei die Etablierung einer polnischen Mittelklasse, zusammen mit der Urbanisierung der Gesellschaft. Allerdings ohne einen Akt der Legitimierung.“

Dieser Kerngedanke, deren longue durée Leder in Polens Geschichte festgemacht hat, markiert die Historie Osteuropas und geht weit darüber hinaus: Während die Mittelklasse sich herausbildet, machen sich also Gefühl und Erzählung einer fehlenden politischen Wirkmacht breit. Sie fehlte, weil politisch-moralische Handlungsträger ausgeschaltet, abwesend waren, das Land besetzt, allenfalls zur Kollaboration gezwungen gewesen sei. Die Erzählung ermöglicht ein Achselzucken: Wir hatten keine Verantwortung.

Hier müssen wir einen Schlenker machen, macht Leder einen Schlenker: Auf persönlicher Ebene waren die Bewohner Polens, aber auch Tschechen, Slowaken oder Thüringer, nicht passiv, sondern sogar sehr umtriebig. Die angelsächsische Philosophie kennt den Begriff der political agency, der sich nur unzureichend übersetzen lässt: Leder geht es um politische Vertretung und Vermittlung, um symbolische Begründung, die die Richtung vorgibt, verkörpert und zumindest eine Mehrheit der Gesellschaft vertritt. Die habe gefehlt. Inzwischen haben Forschungsarbeiten in etlichen Ländern Osteuropas den erstickenden Mantel des Schweigens über Denunziation, tätige Mithilfe und Selbstbereicherung während Besatzung und Aufbau des realexistierenden Sozialismus an etlichen Stellen zerrissen. Für Polen stellt Felix Ackermann fest, dass sich unabhängig von „der strittigen Frage, wie groß genau die Entscheidungsspielräume der kommunistischen Führung in Warschau vis-à-vis dem geopolitischen Zentrum in Moskau waren, [...] die Etablierung eines stalinistischen Gewaltregimes in der polnischen Nachkriegsgesellschaft nicht als Fremdherrschaft im Sinne einer Besatzung beschreiben [lässt].“ Selbstverständlich behauptet die PiS genau das Gegenteil: Weil es komfortabler ist.

In der DDR sollte der „antikapitalistische Schutzwall“ die Gesellschaft auch antifaschistisch imprägnieren, die Behauptung, dass die Nationalsozialisten eben auf der anderen Seite ihr Nachkriegsheim fanden, ist ein Beispiel für regionale Besonderheit der Reinwaschung. Die Tabus wirken auf persönlicher Ebene noch immer.

Das sind Prozesse, die Andrzej Leder als Aspekt des Imaginariums untersucht, also als Vorstellungen, die in ethischer Orientierung gründen, aber auch mit Emotionen verknüpft sind. Dazu gibt es eine materielle Basis und psychologische Komponenten: Leder schaut auf einen kurzen Prozess, in der eine noch spätmitteralterliche Gutshof- und Landadelsgesellschaft zerschmettert und in die sowjet-industrielle Moderne katapultiert wurde. Mit einigem Recht nennt er das Revolution. Indem diese aber von Deutschen und Russen vorangetrieben wurde, gab es keine Identifikationsfiguren. Nicht einmal negative, denn Revolution, Ermordung der jüdischen Bürger und die Vertreibung der Eliten erfüllte die rachsüchtigen Phantasien vieler Polen.

Leder lässt Kollaborateure und die Knüppel-aus-dem-Sack-Täter beiseite, blickt vor allem auf die sozialen Konsequenzen der gesellschaftlichen Umwälzung: Nicht wenige Gewaltträume erfüllten sich interpassiv, indem die Nazis Menschen abtransportierten, gettoisierten, terrorisierten, ermordeten. Nachbarn profitierten, weil sie kurz darauf eine größere Wohnung beziehen oder Silberbesteck abgreifen konnten. Soziale Funktionen im Bürgertum wurden frei. Später sorgten Industrieanlagen, Bildungseinrichtungen, Großbetriebe nach sowjetischem Vorbild für enorme Modernisierungsschübe und soziale Mobilität: Ganze Gesellschaftskohorten, deren Eltern einfache Landarbeiter waren, wechselten durch ihre Ausbildung ins gehobene Industrieproletariat oder konnten studieren. Wurden mit Parteibuch in der Tasche Teil von Apparaten, Militär, Verwaltungen, Gewerkschaften. Tatsächlich beharrt Leder aber auf einer Bindung des sozialen Unterbewusstseins an die Opfer, auf „eine verdrängte Erinnerung an Taten und Unterlassungen, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind [...]. Die an den Deutschen verübten Verbrechen und erstaunlicherweise auch die Vernichtung des Landadels werden beinahe beiläufig [...] erwähnt. Wie sehr die Polen, mit ihren Eigenschaften von heute, durch diese [...] Ereignisse geprägt sind, bleibt unausgesprochen, wie der Inhalt eines ungewollten Traums.“

Tumber G’schaftlhuber

In dem Moment schließlich, in dem die Profiteure von einst nach 1990, wie Leder erzählt, „absolut bereit dafür waren, die Dinge zu übernehmen“, sich aus ihren staatlichen Posten zu lösen und von den ersten Schritten der Privatisierung erneut zu profitieren, erfüllten sich viele Hoffnungen nicht. Sie verloren ihre Posten, kamen in der sich rasch radikalisierenden Welt von Markt und Geschäft weniger klar als gedacht. Ihren Kindern zerbröselte die Fortsetzung der Aufstiegsversprechen vor ihren Augen. Dazu die überraschenden Folgekosten all der naiven Freiheitsgesänge: Unsicherheit, soziale Deklassierung, und der tumbe G’schaftlhuber von nebenan verdiente sich vielleicht mit irgendwas Banalem eine goldene Nase.

In all dem wird ein Opferbegriff fest, macht sich ein Gefühl des Unrechts, das ihnen widerfahren sei, breit. Und dieser Blick auf die Geschichte führt konsequent über Polen hinaus – das psychotherapeutisch geschulte Instrumentarium wird historisch geschärft und öffnet einen Blick in die Herzkammer der Malaise: Misstrauen, Neid, Benachteiligungsgefühl, schlechte Laune. Im Ergebnis werden die Verlierer von 1990, die ihren sozialen Aufstieg als selbstverständlich vorausgesetzt und die Opfer ihres eigenen Fortkommens verdrängten hatten, zu unempathischen, gesprächsunfähigen Figuren, die sich vom Gemeinwesen abwenden und ganz auf das Universum des Unrechts fixiert sind. Das Gegenbild des „Fremden“, vormals randständige Figuren (Zuwanderer, Homosexuelle, Juden), wird zur militanten Bedrohung der eigenen Stellung. Und jedes Zeichen von Benachteiligung zum bitteren Triumph.

Die Wahl einer Truppe von intellektuellen Witzfiguren wie der AfD funktioniert also als Ausdruck von Ressentiment, dessen Wurzeln weit vor 1990 liegen; die Zustimmung zu Viktor Orbán ist ein kurzes Flackern von „eigen“ im Konzert der „fremden“ Europäischen Union. Es geht um die übelwillige Freude, mit einem Stück seiner Rohheit es „denen“ zu zeigen, das sind Besitzer des elaborierten kulturellen Kapitals, die aus „dem Westen“, „die da oben“. Ähnliche Prozesse kann man mit etwas Geduld in Österreich finden, in Italien, Frankreich und mittlerweile auch Spanien: Irgendwer lässt sich finden, der als Laus über die Leber der enttäuschten Gewinner von einst gelaufen sein soll. Und jetzt in Sushi-Bars Weltläufigkeit imitiert.

Also geht die Geschichte dummerweise weiter, schreibt Leder. Den Verlierern von 1990 gehe es um das konkurrenzlose Herausstellen des erfahrenen Unrechts, die Bestrafung von vorgeblichen Peinigern: „Solange es keine Genugtuung gibt, ist alles andere unwichtig. Der Schmerz dauert an und verschließt gegenüber allem anderen. [...] Völlig ausgeschlossen ist eine Situation, in der derjenige, dem Unrecht zuteil wurde, darüber nachdenkt, dass er selbst Quelle von Unrecht sein könnte.“ Sehr häufig – und nicht nur in Ostdeutschland – kann man feststellen, dass nicht einmal materielle Armut dafür nötig ist.

Andrzej Leder argumentiert, dass nur die Übernahme von Verantwortung für die Geschichte weiterführen kann. Dass wir akzeptieren müssen, dass unsere Väter, Großväter, wir selbst mindestens von Gewalt, Vertreibung, Mord, gesellschaftlicher Differenzierung profitierten. Wenn man ihn fragt, weil das doch irgendwie dünnes Eis ist, kommt er noch einmal auf die Auflage seines Essays zurück. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil ihn jetzt Briefe erreichen, in denen Menschen nach der Lektüre die eigene Familienhistorie durchforsten. Nach dem großen Haus fragen, in dem die Familie lebte. Nach dem jüdischen Bekannten.

Kleiner Seufzer in Hamburg, penetranter Geschmack im Mund, wie blind all die kurzfristige Aufgeregtheit den tiefen Wurzeln der Malaise gegenüber sind. Wie schlicht der liberale Das-tut-man-nicht-Gestus, wie schnell die einfachen Appelle an Humanismus in platten Paternalismus umkippen. Schlechte Laune, rohe Umgangsformen kamen, um wohl eine longue durée zu bleiben.

Info

Polen im Wachtraum. Die Revolution 1939 – 1956 und ihre Folgen Andrzej Leder Sandra Ewers (Übers.), Fibre Verlag 2019, 256 S., 28 €

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06:00 10.07.2020

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