Wir sehen uns wieder ... denkste!

Ex-Kapitän Die Ära Ballack ist genauso wichtig, wie es einmal die Ära Merkel sein wird, findet Jana Hensel. Ekkehard Knörer meint: Endlich ist der Peinsack weg. Ein Pro und Contra

Pro

Nun ist die Zeit von Michael Ballack endgültig vorbei. Sein Ende in der Nationalmannschaft war vorauszusehen. Es hatte sich in den letzten Monaten angekündigt, träge vor sich hin geschleppt, war zum Schluss schon so etwas wie ein offenes Geheimnis gewesen. Etwas, von dem man gerne sagt, dass es die Spatzen von den Dächern pfeifen.

Es wird nun viele Leute geben, die sich über dieses Ende lustig machen. Ein unrühmlicher Abgang, wird es heißen. Die Schuld dafür wird man Ballack in die Fussballschuhe schieben wollen. Eigentlich aber war es Jogi Löw, der in der Dauerfehde mit dem ehemaligen Mannschaftskapitän und Führungsspieler eine unrühmliche Figur gemacht hat, so verdruckst und verdreht, so wenig gerade heraus und immer irgendwie hinten herum er dabei aufgetreten ist. Das war kein gutes Benehmen.

Aber sei's drum, über dieses Ende zu reden ist kleinlich. Es verkennt, wer Michael Ballack war, ist und auch in Zukunft sein wird: eine Ikone, eine lebende Legende, einer, von dem wir noch unseren Enkeln erzählen werden. Über zehn Jahre hat er den deutschen Fußball geprägt wie kein anderer Spieler. Das Sommermärchen im Jahr 2006, – quasi eine historische Sternstunde der Straße – es wäre ohne ihn nicht denkbar gewesen. Auch oder gerade weil er kein einziges Tor geschossen hat. Die Ära Ballack ist genauso wichtig, wie es einmal die Ära Merkel sein wird.

Denn der 1976 in Görlitz geborene Ballack hat, wahrscheinlich wie kein anderer, einen Traum verkörpert. Jenen Traum, dass die Sache mit der deutschen Wiedervereinigung doch gut ausgehen könnte. Er war jung genug, um nicht allzu viel Ballast mit sich herum zu tragen, aber er war alt genug, um auf das aufzubauen, was er in der DDR gelernt hat. Ähnlich wie Bernd Schneider, wie Robert Enke und René Adler gehört er zur letzten Generation von Spielern, die ihre Ausbilung im Sportsystem des untergegangenen Landes begonnen haben. Nach diesen Jungs werden kaum mehr welche kommen, die einstigen Strukturen im Ost-Fussball liegen darnieder, er ist beinahe tot. Und so wird es zukünftig kaum mehr Talente aus dem Osten geben, weil es keine Orte mehr gibt, an denen sie reifen können.

Ballacks eigentlich konstante Karriere war voller tragischer Momente. Das aber ist der Stoff, aus dem die wirklich großen Mythen entstehen. Das Leben hat ihn zu einer literarischen Figur gemacht. Ballack ist ein Mann, auf den ein so gigantisches Wort wie Schicksal passt, als sei es für ihn gemacht: Bei der WM 2002 war er wegen einer gelben Karte für das Finale gesperrt; 2006, wie gesagt, schoß er kein einziges Tor und weinte anschließend große Tränen, nachdem die Mannschaft im Halbfinale an Italien gescheitert war. Oder war das im Finale der Europa-Meisterschaft von 2008, als wir diesmal gegen Spanien verloren? Ach, es ist egal. Tränen bleiben Tränen. So schön.

Wir werden ihn vermissen, schon heute tun wir das. Und deshalb werden ihn wieder sehen. Wir brauchen ihn, denn wir können gar nicht ohne ihn.

Jana Hensel


Contra

In der an peinlichen Perioden nicht armen Geschichte des Heiligen Fußballs Deutscher Nation ist das, was nun die "Ära Ballack" gewesen sein wird, ein tristes Kapitel der noch einmal anderen Art. Glanzvoll-lässig war der deutsche Fußball ja ohnehin nur in den frühen Siebzigern mal, danach gab's in den relevanten Disziplinen Spielübersicht, Systeminnovation und Verständnis der eigenen Rolle als Held nur abwechselnd Biederes, Dröges, Stumpfes und Dumpfes. Schlimmer geht aber irgendwie immer.

Und zwar in Gestalt der pseudosmarten schwäbisch-sächsischen Combo der in dem Fall sehr zu Recht so genannten Nullerjahre. Diese Combo bestand, Oliver Kahn vielleicht nicht ganz zu vergessen, wesentlich doch aus dem fleißigen Phrasenbäcker Jürgen Klinsmann und seinem Kapitän Michael Ballack. Letzterer wurde einst von dem auch nicht unbeachtlichen Salbaderer Otto Rehagel in die erste Liga geholt und zeigte sich fortan auf den Spielfeldern der Nation und der Welt zu jeder Fiesheit bereit. In der Nationalmannschaftskabine und drum herum trug er, wie in Sönke Wortmanns "Sommermärchen" zu sehen, schwer an peinlichen Bemühungen um Autorität und abseits des Feldes gab und gibt er am liebsten sowieso die beleidigte Leberwurst.

In dieser Lieblingsrolle ist er jetzt erneut zu bewundern. In bester Kohl-Manier hat Jogi Löw seinen Ex-Kapitän per Aussitzen abserviert und lässt ihn nun auf dem Rasen von Vizekusen freudlos in Richtung Karriereende traben. Wie man hört, will Ballack aufs angebotene Abschiedsspiel gegen Brasilien verzichten. Dabei hat er selbst schlicht den richtigen Zeitpunkt zum Abgang verpasst. Wer zu spät geht, wird, wie man weiß, für mangelnde Einsicht bestraft. Und überhaupt, was sind das für Allüren: Der körperlich zugegeben nicht mehr ganz fitte Ronaldo musste sich gerade mit ein paar Minuten gegen die Weltstars von Rumänien als Abschieds-Gnadenbrot begnügen.

Das Peinsackhafte der Ballack-Figur versammelt sich vollinhaltlich eigentlich schon im Spitznamen "Capitano". Das Italienische blieb immer bloße Behauptung und umso falscher, je knapper daneben: ziemlich Deutsch nämlich war die Idee von bella figura und sprezzatura, die sich in Michael Ballack verkörpert. Im Zweifel war er gerade nicht souverän, sondern nickelig, nicht Schalke, sondern Leverkusen, nicht Liverpool, sondern Chelsea und international nie wirklich einer der ganz Großen, sondern immer nur hoch begabter verbissener Streber und Zweiter. Man muss die spielerisch exzellente, ansonsten schrecklich durchpragmatisierte Generation Özil und Lahm nicht für das Gelbe vom Ei halten, um froh zu sein, dass Jürgen Klinsmann vergessen und nun auch die Ära Ballack vorbei ist.

Ekkehard Knörer



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12:00 17.06.2011

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