Wir sind alle unter demselben Himmel

Dokument der Woche Ein israelischer Hilfskonvoi unterwegs nach Gaza

Ende Januar stürmten Tausende Palästinenser aus dem Gaza-Streifen den Grenzübergang Rafah, um sich im benachbarten Ägypten mit Lebensmitteln zu versorgen. Kurz zuvor hatte die israelische Friedensliga Gush Shalom beschlossen, zusammen mit anderen Organisationen einen Hilfskonvoi für Gaza in Marsch zu setzen. Der Gush-Shalom-Aktivist Adam Keller beschrieb für die Zeitung The Other Israel, was danach geschah. Wir drucken seinen Bericht leicht gekürzt.


Alles begann Ende Dezember, als Doktor Eyad El-Sarraj, ein bekannter Psychologe und Menschenrechtsanwalt aus Gaza-City, einen Passierschein für Israel erhielt. Das verschaffte ihm die seltene Gelegenheit, sich mit israelischen Friedensaktivisten im Büro von Gush Shalom zu treffen. El-Sarraj schilderte das verzweifelte tägliche Elend im Gaza-Streifens. Und es war kaum möglich, ihm zuzuhören und alles nur mit einem traurigen Kopfnicken zu quittieren. So entstand die Idee, umgehend einen Lebensmittelkonvoi zu organisieren, um zielstrebig zu helfen. Die Aktion sollte zugleich eine deutliche symbolische Geste sein, denn Gush Shalom gedachte, alle politischen und juristischen Mittel auszuschöpfen, um die Waren auch wirklich nach Gaza hinein zu bekommen.

Außerdem sollte die Ankunft des Konvois von zwei parallel stattfindenden Protestdemonstrationen begleitet werden - auf beiden Seiten der undurchdringlichen Grenze. Die Israelis wollten auf einem Hügel stehen, der einen vorzüglichen Blick über den Gaza-Streifen erlaubt. Die Palästinenser sollten zu einem in der Nähe liegenden Feld jenseits der Demarkationslinie kommen, so dass sich die Redner beider Seiten sehen konnten. Leider verdarb die Armee die kreative Idee, indem sie besagten Hügel zur Sperrzone erklärte und mit Stacheldraht umgab.

Es folgten Tage intensiver Vorkehrungen, immer mehr Israelis meldeten sich, es gab endlose Telefonate. Entwürfe von Manifesten kursierten, die aus dem Hebräischen, Arabischen und Englischen hin und zurück übersetzt und mehrmals verändert wurden, bis alle 26 Friedensgruppen, die sich schließlich beteiligten, zufrieden waren - auch mit dem Slogan des Konvois: "Beendet die Blockade von Gaza!"

Plötzlich tauchten noch nie gesehene Gesichter auf und übernahmen einen Großteil der Last. Gush Shalom erhielt Hunderte von Schecks aus Israel und einem Dutzend anderer Länder. Oft waren Worte des Dankes beigefügt, dass man sich auf diese Weise beteiligen könne.

Die Organisatoren entschlossen sich, nicht nur fünf Tonnen Mehl, Zucker, Reis, Salz, Öl, Bohnen und Linsen zu kaufen, sondern auch Wasserfilter. Beim Treffen mit Doktor El-Sarraj war immer wieder das schwer kontaminierte Wasser im Gaza-Streifen zur Sprache gekommen. Durch die israelische Belagerung könnten Filter nicht mehr ersetzt werden, hörte man. Die Gesundheitsgefährdung der Menschen wachse täglich.

Von Familie zu Familie

Am 26. Januar, dem Tag des Konvois, war die Wetterprognose niederschmetternd: "Regen, Donner und Gewitter über dem ganzen Land." Schon in der vorangegangenen Nacht. Wer wird am Shabbat-Morgen bei solch stürmischem Wetter aufstehen, um Lebensmittelsäcke, Kisten und Kartons in seinen Wagen zu laden? fragte man sich.

Doch ein einziger Blick auf die belebten Treffpunkte in Nazareth, Haifa, Tel Aviv, Jerusalem und Beer Sheba genügt, um alle Befürchtungen zu zerstreuen.

Hunderte von Familien setzen sich in Marsch, wegen des Regens mit in Plastik gewickelten Paketen auf den Dächern ihrer Fahrzeuge und auf der Kühlerhaube mit Postern, die den Gaza-Streifen von Stacheldraht umwickelt zeigen. "Stoppt den Wahnsinn, stoppt den Krieg!" ist ebenso zu lesen wie "Nein zur Besetzung! Ja zu einem israelisch-palästinensischen Frieden!" Zusammen mit denen, die in den Bussen sitzen, werden etwa 2.000 Teilnehmer gezählt. Mehr als erwartet.

Es ist der Veteran Yaakov Manor, der die Demonstranten gebeten hat, in ihre Lebensmittelpakete persönliche Briefe zu legen. Botschaften von Familie zu Familie zu schreiben. Viele tun es, allen sind die schockierenden Fernsehberichte aus Gaza bekannt. Viele Israelis scheuen weder Mühe noch Kosten, um nicht nur Lebensmittel und Mineralwasser in das Reservat des Elends zu bringen, sondern auch mit Decken, warmer Kleidung, sogar transportablen Öfen und Brennstoff auszuhelfen.

Auf der Fahrt nach Süden, zum Übergang Erez, gießt es weiter in Strömen. Man kann kaum noch die Piste sehen, nur in Schrittgeschwindigkeit kommt der Tross voran. Hartnäckigste Atheisten ergeben sich einem flehenden Gebet. Kein Regen mehr! Genau das Gegenteil von dem, was Bauern in dieser Zeit und in diesem Land seit Urzeiten erbitten.

Dann ein Anruf von der Agentur Reuters. Ein Fernsehteam wartet am Übergang Erez - alles ist bereit, um an diesem 26. Januar um 12.45 Uhr Ortszeit einen Bericht zum weltweiten Nachrichten-Austausch beisteuern zu können. Seid pünktlich - die Satellitenverbindung kostet. Eine eilige Handyverbindung von Wagen zu Wagen. Wir müssen es schaffen - auf Biegen und Brechen. Wir können es uns nicht leisten, die Satellitenzeit von Reuters zu verpassen.

Dann ein Anruf von Doktor El-Sarraj aus Gaza: "Macht euch keine Sorgen, hier ziehen die Regenwolken ab. Wir sind alle unter demselben Himmel - egal wo die Grenzen auf dem Boden verlaufen."

An hohen Mauern entlang

Als für den Zug die letzten Kilometer beginnen, kommt die Sonne hervor und gibt den Kameras die beste Möglichkeit, die Kolonne der sich langsam vorwärts schiebenden Autos, Busse und Lastkraftwagen zu fotografieren.

Sie halten an den geschlossenen Toren des Kontrollpunktes, der einmal ein sehr bevölkerter Durchlass war. Zehntausende von Gaza-Arbeitern passierten ihn jeden Morgen sehr früh auf dem Weg zu ihren Billiglohnjobs in Israel. Geblieben ist heute eine Betonwüste, die nur ausnahmsweise "humanitäre Fälle" durchqueren dürfen.

Jüdische und arabische Demonstranten, dazu einige Schweden, Deutsche, Amerikaner, Kanadier, Japaner und ein Koreaner halten die Hilfspakete und Poster hoch und ziehen an hohen Mauern entlang, die den Gaza-Streifen von Israel trennen. Berittene israelische Polizei begleitet den Marsch, der durch einen Kordon aus Soldaten führt, immer an der Mauer entlang. Vorn wartet schon ein mit Mehlsäcken beladener LKW, den wegen des Wetters schwere Planen bedecken.

Ein Anruf von Doktor El-Sarraj von der Rallye der "Palästinensisch-internationalen Kampagne für ein Ende der Belagerung", direkt vom Grab des unbekannten Soldaten in Gaza-City, wird für die wartende Menge durch einen Lautsprecher verstärkt: "Ich bin stolz und geehrt, dass ich heute zu euch sprechen darf", sagt er. "Ein bedeutendes Datum in der Geschichte der Region. Könnte es sein, dass die Belagerung und die Kollektivstrafen ein Segen für uns sind, weil sie uns zusammen bringen? Palästinenser und Juden, Israelis und Araber, wir alle fordern vereint Frieden für Gaza und Israel, für Ramallah und Sderot!"

Langer Applaus, man hört die Freude der Menge drüben nur schwach. Auf israelischer Seite spricht nun Nurit Peled-Elhanan, deren Tochter vor zehn Jahren bei einem Terroranschlag in Jerusalem ums Leben kam.

"Was sollen wir sagen zum hungrigen Kind und seiner Mutteer, die beide Brot auf den Straßen von Gaza suchen? Wir, die wir hilflos am verschlossenen Tor stehen? Was sollen wir all den Kindern sagen, die in diesem schrecklichen Ghetto gefangen sind? Was zu den Frühgeborenen, die in ihren Brutkästen sterben, weil man sie nicht mit genügend Sauerstoff versorgen kann? Und was können wir zu uns selbst sagen?"

Teddy Katz liest eine Botschaft der früheren Ministerin Shulamit Aloni vor, die eigentlich auch hier sein sollte, aber aus gesundheitlichen Gründen absagen musste: "Es ist genug des Tötens, des Mordens und Zerstörens, das in unserem Namen begangen wurde! Es ist genug der falschen Propaganda, genug der Rederei in den Medien, die nur mit Töten endet! Dies ist meine direkte Botschaft an den Verteidigungsminister Ehud Barak: Die Zeit ist vorüber für Ihre rücksichtslosen, unbedachten Überfälle und Morde. Es ist Zeit für Reife und Vernunft - Zeit für Frieden!"

Wie zu befürchten war

Eine vollkommen unerwartete Sprecherin, die im letzten Augenblick noch auftaucht, ist eine junge Frau aus der Grenzstadt Sderot. Shir Shusdig klettert mit einigen Schwierigkeiten auf das Dach des LKWs und nimmt das Mikrofon: "Seit sieben Jahren lebe ich in Sderot und im Kibbuz Zikim unter ständiger Bedrohung der Qassam-Raketen und habe mich so an sie gewöhnt, dass ich selbst in den ruhigeren Teilen Israels beim Ertönten einer Lautsprecheranlage sofort an Raketenalarm denke. Ich weiß aber, dass die Menschen auf der andern Seite auch sehr leiden. Und ich weiß, dass ich kein Vertrauen in unsere Regierung oder in die Hamas habe, dass sie zu einem Frieden finden. Aber allein dafür, dass wir hier zusammenkommen, so viele Menschen - Juden und Araber und die Palästinenser dort drüben - das ist es, was uns Hoffnung gibt ... " Beifall.

Am Ende werden die persönlichen Pakete umgeladen und - da die Armee weit davon entfernt ist, eine Übergabe im Gaza-Streifen zu erlauben - zusammen mit den Mehl- und Reissäcken sowie den kostbaren Wasserfiltern zu einem Warenhaus gebracht, dass der Kibbuz Kerem Shalom zur Verfügung stellt (eine israelische Siedlung an der Grenze zum Gaza-Streifen).

Alle Hilfsgüter dorthin zu bekommen, wo sie hin sollen, wird wohl noch einige Verhandlungen kosten und möglicherweise ein Gesuch beim Obersten Gerichtshof erfordern, wie das Gush Shalom im voraus bereits angekündigt hat. Bald wird darüber mehr zu erfahren sein.

Übersetzung Ellen Rohlfs

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