Wir sind biegesteife Weltbürger

Im Gespräch Der in London lebende Hallenser Designer Daniel Meier über Holz, Multikulturalismus und Roman Abramovich

Schön, einen Menschen über einem anständigen Mittagessen kennen zu lernen. Vor allem, wenn dessen Biographie, wie etwa die eines Fußballers aus der Drittliga oder einer Haiku-Übersetzerin, den Weltengang zwar nur am Rande behelligt, aber dennoch unterhaltsame Ungewöhnlichkeiten aufweist. Dies bemerkte unser Autor, als er einen Lord im britischen Oberhaus zum Lunch traf (Freitag 16/2005). Gleich eine Serie "Mittagessen mit relativ unwichtigen, aber unterhaltsamen Leuten" starten, dachte unser Autor geschäftstüchtig. Daraus wurde aber insofern nichts, als gleich die nächste Begegnung, diesmal mit dem in Halle geborenen, in London wirkenden Möbeldesigner Daniel Meier, nicht beim Lunch, sondern vor ein paar Wochen abends um halb zehn über einigen Dosen Bier stattfand.


FREITAG: Hallo, Daniel.
DANIEL: Hallo.

Eigentlich wollte ich ja einen indischen Take-Away bestellen, um zumindest irgend eine Art von Essensatmosphäre zu emulieren, aber wir haben, glaube ich, beide schon unabhängig voneinander gegessen, also hoffe ich, eine Dose Stella Artois tut es auch.
Sicher.

Bier ist ja auch eine passende Einleitung: Da wir beide denselben Nordlondoner Stadtteil bewohnen, haben wir den selben Stammpub und begegnen uns dort seit Jahren immer mal wieder zufällig. Trotzdem ist dies unsere erste Verabredung. Was ich immer schon mal wissen wollte: Wie ist es denn so in Halle?
Ach, ganz nett eigentlich. Die Innenstadt mit dem Markt ist teilweise ganz schön und erstaunlicherweise machen ständig neue Cafés und Kneipen auf. Und obwohl es nichts zu beißen gibt, sind die Bars immer voll.

Tatsächlich? Mir scheint, Halle hat inkompetente Public Relations-Berater. Ich stelle es mir immer als geeigneten Drehort für postapokalyptische Science-Fiction-Filme vor: leer, billig und voll verfallender Industriegebäude. Laut der Webseite des Urbanismus-Projekts "Shrinking Cities" hat Halle seit der Wende etwa ein Drittel seiner Einwohner eingebüsst.
Gewiss ist es nicht die freundlichste Stadt. Es hat sich in den vergangenen Jahren aber, wie gesagt, gebessert.

Gibt es in der Umgebung von Halle eigentlich viel Wald?
Nicht direkt. Es gibt aber das Saaletal, das ist sehr schön. Und zum Harz ist es nicht weit. Wieso?

Ich dachte, du als Hallenser Möbeldesigner könntest vielleicht versuchen, dort die holzverarbeitende Industrie etwas aufzubauen. Die scheint nämlich im Kommen zu sein, wie man beispielsweise bei www.holz.de, dem "Portal zur Holzwirtschaft", erfährt.
Also, erstens mag ich den Begriff Möbeldesigner nicht sehr. Ich bin Tischler, Möbeltischler. "Design" ist so ein arg missbrauchtes Wort, wie zum Beispiel auch "Multikulturalismus" oder "interaktiv". Zweitens ist Halle ja, wie gesagt, ganz nett, aber ich bin dann doch nicht lokalpatriotisch genug, um zurückzugehen und meinen Beitrag zum Aufbau der Holzindustrie zu leisten.

Bist du dir sicher?
Oh ja.

Noch einmal www.holz.de: In einem Interview behauptet Diplom-Ingenieur Steffen Tobisch, Geschäftsführer des Instituts für Holzforschung in Dresden, die Entwicklung mehrlagiger Verbundswerkstoffe mit verbesserten Tragfähigkeits- und Formstabilitätseigenschaften sowie nachformbarer OSB stelle einen unverzichtbaren Impuls für die Holzforschung dar. Das ist, wie ich finde, eine hübsch kernige Aussage, deren Bedeutung ich allerdings nur teilweise erahne. Kannst du mich aufklären? Und stimmst du zu?
Klar stimme ich zu. Solche Materialien sind sehr nützlich. Es handelt sich um aus mehreren Schichten zusammengepresste Werkstoffe, die ursprünglich im Flugzeugbau entwickelt wurden. Sie haben den Vorteil, leicht, aber extrem belastbar und biegesteif zu sein und eignen sich somit auch gut für die Herstellung von Möbeln.

Biegesteif! In der Tat eine wohlklingendere Vokabel als die Worte "interaktiv" oder "multikulturell", deren inflationäre Benutzung du vorhin, wie ich finde, sehr zurecht kritisiert hast. Als London-Bewohner begegnet man diesen Begriffen natürlich besonders häufig . Aber dazu später. Was ist dein Lieblingsholz?
Ich habe eigentlich kein bestimmtes Lieblingsholz. Ich finde, das Holz, aus dem ein Möbelstück ist, muss in die für es bestimmte Umgebung passen. So ein englisches Landhaus mit lauter afrikanischen Hölzern drin finde ich immer etwas albern. Wird aber häufig verlangt. Aber es gibt tolle Tropenhölzer. Ich verwende beispielsweise viel edle Verlierer...

Edle was?
Edle Furniere!

Ach so. Ich habe edle Verlierer verstanden. Entschuldigung.
Keine Ursache. Edle Furniere also: brasilianisches Rosenholz, Ebenholz oder Cocobolo, ein sehr schönes, ganz dunkles Holz. Aber es kommt, wie gesagt, immer darauf an, wofür man das Holz verwendet. Übrigens gibt es natürlich auch schöne einheimische Hölzer: London Plane zum Beispiel, Platanenholz, hart, mit starker Maserung, so dass es fast wie Leder aussieht. Davon gibt es hier viel, weil Platanen von allen Bäumen den Smog am besten aushalten können, da sie jedes Jahr ihre Borke erneuern.

Die perfekte Überleitung von Holz auf ein neues Thema: Warum London? Wie kommt es, dass du hier bist?
Nun, in London gibt es viel Arbeit in meinem Bereich. Und man kommt leicht ins Geschäft. Wenn man etwas kann und arbeiten will, kann man hier abends ankommen, morgens früh aufstehen und by lunchtime hat man einen Job. Und das kreiert natürlich eine gewisse Dynamik, eine positive Atmosphäre.

Nun, einige Bewohner der zuvor genannten schrumpfenden Städte würden wohl eher behaupten, dass gerade das Leere, das Ruhige, das Billige an Städten wie Halle oder dem zwar nicht signifikant schrumpfenden, aber eben auch nicht gerade molochhaft pulsierenden Berlin sozial verträglicher sei als das Überfüllte, Überteuerte, Hektische in London. Und bis vor kurzem haben in London auch noch die Pubs um elf zugemacht!
Naja, die Kneipenschlussgesetze haben sich ja jetzt geändert. Natürlich ist es hart, bei Londoner Preisen zu überleben. Aber ich glaube trotzdem, wenn man jeden Tag viel Geld zum Überleben verdienen muss, wird man gezwungen, Initiative zu ergreifen. Und sitzt nicht herum und jammert bloß, so wie die Menschen in Deutschland.

Ehrlich gesagt, ich muss zugeben, da ist etwas dran. Jetzt denkt natürlich jeder gewissenhafte Freitag-Leser: "Was sind das denn für neoliberale Ansichten?" Doch hat meiner Meinung nach London die einzigartige Eigenschaft, die harten Bedingungen und die daraus resultierende Einstellung zu Leben und Arbeit gelegentlich als etwas Positives, gar Befreiendes erscheinen zu lassen. Tatsächlich trifft man auf weniger Sozialneid als in Deutschland. Tatsächlich erfährt man, wohl bedingt durch den zwar inflationär zitierten, aber dennoch unbestreibar existierenden Multikulturalismus, mehr Toleranz verschiedenen Lebensarten gegenüber. Und natürlich spielt die typisch britische Art, den Underdog zu feiern, eine große Rolle. Man versteht sich gegenseitig eher als "edler Verlierer" denn als böser Gewinnler.
Wohl wahr.

Wie steht es denn nun mit unserem Unwort, dem Multikulturalismus? Ist das Leben in London wirklich so "interaktiv" im Sinne des kulturellen Austausches, wie es gerade auch nach den Anschlägen im Juli von städtischer wie nationaler Regierung in den Medien beteuert wurde? Leben die verschiedenen Religionen und Nationalitäten nicht doch oft eher segregiert?
Teilweise schon. Aber immerhin: diese verkrampfte Haltung gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen, dieses zwanghafte alles-was-aus-Brasilien-oder-Papua-Neu-Guinea-kommt-toll-finden, diese typisch deutsche Art von Multikulturalismus eben, ist in London doch deutlich weniger ausgeprägt. Natürlich, als ich hier neu war, fand ich es auch wundervoll, auf eine Party zu gehen und festzustellen, wow, hier sind ja Leute aus 15 verschiedenen Ländern, und was seid ihr alle aufregend. Es ist ja auch wirklich schön, genau diese Vielfalt als Lebensumgebung zu haben. Nur sucht man sich die Freunde halt doch besser danach aus, wie sympathisch sie einem sind und nicht, weil sie aus einem besonders exotischen Land kommen.

Ich denke, die Deutschen haben weniger Erfahrung im alltäglichen Leben mit anderen -wenn auch immigrierten oder sozusagen importierten - Kulturen. Wenn man sich unsicher fühlt gegenüber anderen, verhält man sich vielleicht etwas verkrampft freundlich, um die Unsicherheit zu verbergen. Fühlst du dich übrigens als Londoner? Oder als Deutscher im Ausland? Gar als Ostdeutscher?
Also, als Ostdeutscher ganz bestimmt nicht. Neulich habe ich einen aus Erfurt kennen gelernt, der sagte mir ständig, wie schön es doch sei, jemanden aus Ostdeutschland zu treffen. Also bitte! Die Wende ist über 15 Jahre her! Diese Pseudo-Identifikation als Ostdeutscher gegen den Westen finde ich vollkommen albern. Auch hier wieder, dieses ewige Gejammer, wie schlecht es den Menschen im Osten geht - wenn es weltweit Millionen von Menschen gibt, die ein wirkliches Problem haben, wirkliche Not leiden.

Ich merke gerade, wenn wir es noch zu last orders at the bar schaffen wollen, müssen wir uns schon fast beeilen. Daher möchte ich dich ohne Überleitung bitten: Nenne mir drei deiner Lieblingsorte in London!
Das "Captain Kidd"-Pub in Wapping, an der Themse, da kann man ein zünftiges Ale mit Blick auf vorüberziehende Schiffe zu sich nehmen; das Foyer der Royal Festival Hall, da kann man ebenfalls gut sitzen und inmitten interessanter Innenarchitektur Bier trinken; jetzt brauche ich mal einen Ort, der nichts mit Bier trinken zu tun hat ... Brixton Market in Südlondon, ein jamaikanisch-afrikanischer Markt in viktorianischen Markthallen ... und, obwohl das schon der vierte Ort ist, Hampstead Heath, der schönste Park, den ich kenne ... Green Lanes in Harringay, eine Straße voller großartiger türkischer und kurdischer Restaurants ...

Na, das ist ja schon eine ganze Menge. Ich persönlich hätte das noch für die laufende Saison benutzte alte Arsenal-Stadion genannt. Ich habe zwar keine Ahnung von Fußball, aber mir gefällt, wie dieses ziemlich kompakte Stadion ohne Lücke mitten in einer urbanen Wohngegend steht. Die Reihenhäuser reichen direkt an die Außenwände des Stadions heran. Alltag und Star-Fußball verschmelzen förmlich. Außerdem gibt mir das die Chance zu einer - zugegeben etwas wackligen - Überleitung zu einem anderen Thema. Wie wohl allgemein bekannt ist, wurde Arsenals Londoner Rivale Chelsea FC vor einiger Zeit vom russischen Oligarchen Roman Abramovich gekauft. Der zählt doch auch zu deinen Kunden, oder?
Nicht ganz. Ich habe Auftraggeber, deren Kunde er ist. Aber ich arbeite gelegentlich in einem seiner Anwesen. Das Gute an derart reichen Kunden ist ja, dass sie sich alles machen lassen können, und wenn ihnen das Endergebnis nicht ins Konzept passt, wird halt alles noch einmal neu gemacht.

Was will er denn dann so haben? Badezimmer aus Mahagony?
Kommt schon vor.

Hat er Geschmack?
Naja, Geschmack... Er hat seinen eigenen Stil. Aber er ist recht sympathisch. Er kommt mit dem Hubschrauber angeflogen, landet im Garten, steigt aus, geht kurz durchs Haus, sieht sich die Arbeit kurz an und ist dann wieder verschwunden. Sieht aus wie ein ganz normaler Typ in Jeans und Hemd. Seine Kinder fahren mit ihren Motorrädern durch den Garten.

Er hat sich ja auch einmal in der Politik versucht und war als Gouverneur einer russischen Provinz tätig. Wirst auch du eines Tages, durch dein Möbelimperium finanziert, eine Provinz in Ostdeutschland regieren und danach einen Fußballverein kaufen?
Ich glaube, der Pub macht gleich zu. Wir sollten uns beeilen.

Dem blieb nichts hinzuzufügen. Im Pub traf man auf gemeinsame Bekannte aus insgesamt vier Nationen (allerdings aus demselben sogenannten Kulturkreis) und saß auf schlichten Sperrholzstühlen. Unerwarteter Weise bekam man noch um 23 Uhr 14 augenzwinkernd ein Bier serviert.

Das Gespräch führte Johannes von Weizsäcker

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00:00 16.12.2005

Ausgabe 39/2020

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