„Wir sind die Bewahrer der Demokratie“

Interview Anja Reschke über den Anspruch der öffentlich-rechtlichen Polit-Formate und warum sie der Vorwurf des Aktivismus kaltlässt
„Wir sind die Bewahrer der Demokratie“
„Ich will den Begriff ‚Haltung‘ wieder demokratisch aufladen“

Screenshot: 60 Jahre Panorama – Noch lange nicht genug/Das Erste/NDR

Seit Anja Reschke im Sommer 2015 in einem Kommentar für die Tagessthemen eine „Hetze auf Flüchtlinge“ konstatierte und forderte, jeder müsse jetzt „Haltung“ zeigen, steht sie exemplarisch für eine Tendenz der öffentlich-rechtlichen Medien, die die einen begrüßen und die anderen verdammen.

Der Freitag: Frau Reschke, der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust hat über seine Zeit bei „Panorama“ einmal gesagt: „Wir wollten die Welt verändern.“ Trifft das auch auf Sie zu?

Anja Reschke: Das ist interessant – ich kann mir vorstellen, dass sie damals in der Redaktion wirklich so gedacht haben. Aber wenn ich heute, nach 20 Jahren bei der Sendung, diese Frage beantworten soll, würde ich sagen: „Ich will die Welt bewahren“.

Klingt ganz schön konservativ.

Es geht mir nicht um Stillstand. Bewahren heißt für mich nicht, dass sich nichts mehr verändern oder verbessern soll. Aber vor zehn Jahren hatte ich noch nicht das Gefühl, dass unser politisches System, die Demokratie, die Medien so unter Beschuss stehen wie heute. Und ich glaube, dass es der zentrale Auftrag von Panorama als Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist, unsere demokratischen und zivilisatorischen Werte zu bewahren und beschützen.

Vor wem denn?

Vor Menschen, die das Rad zurückdrehen wollen. Vor Menschen, die ein anderes Gesellschaftssystem wollen. Vor Menschen, die den Schutz von Minderheiten für eine „linksgrünversiffte“ Ideologie halten und glauben, dass man den feministischen Gedanken wieder ersticken könnte. Oder vor Menschen, die finden, dass Klimaschutz nur etwas für überdrehte Spinner sei.

Der konservative Historiker und ehemalige „Panorama“-Chef Joachim Fest sagte einmal, Politik werde der Nation bei „Panorama“ immer auch als eine Frage der Moral und des Gewissens vermittelt. Wenn man Ihnen zuhört, scheint das bis heute der Fall zu sein.

Ich glaube tatsächlich, dass zur DNA der politischen Magazine eine Art ideeller oder gar idealistischer Auftrag gehört. Er lautet: Wir sind die Bewahrer der Demokratie. Das heißt aber nicht, dass alles einer bestimmten politischen Richtung folgen würde. Es geht schlicht darum, Missstände aufzudecken und anzuprangern. Dazu wurden diese Formate gegründet, als „Stachel im Fleisch der Mächtigen“. Denn der Gedanke, dass Bürgerinnen und Bürger überhaupt ihre Politiker hinterfragen dürfen, musste in der Bundesrepublik nach 1945 ja erst einmal erkannt werden. Bei diesem Prozess haben Magazine wie Panorama oder Monitor eine große Rolle gespielt. Politiker wie Konrad Adenauer empfanden das damals als riesige Unverschämtheit, dass sich das Fernsehen einfach herausnahm, die Regierung zu kritisieren.

Wenn man Sie nach den Gegnern der Demokratie fragt, nennen Sie Klimaleugner oder Antifeministen. Drückt das aber nicht doch eine bestimmte politische Haltung aus? Schließlich geht es dabei doch um mehr als nur „pro oder contra Demokratie“.

Das sehe ich anders. Man kann natürlich sagen, der Feminismus sei eine total neue linksgrüne Idee. Ich würde aber entgegnen, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern bereits in unserem Grundgesetz steht. Deshalb ist der Anspruch, gleiche Verhältnisse in einer Gesellschaft zu schaffen, für mich absolut keine parteipolitische Ideologie. Das Gleiche gilt für den Schutz von Minderheiten, der bereits in den Statuten der ARD festgelegt ist. Und weil Sie die Klimaleugner erwähnten: Der menschengemachte Klimawandel ist wissenschaftlicher Fakt. Jetzt kann man aus parteipolitischer Sicht natürlich diskutieren, was genau man dagegen machen sollte – die reine Diagnose dürfte aber eigentlich kein Gegenstand parteipolitischer Debatten mehr sein.

Vor Kurzem hat die Initiative „KLIMA° vor acht“ ein tägliches journalistisches Format zum Klimawandel im Öffentlich-Rechtlichen gefordert. Die ARD hat das zurückgewiesen. Dabei gibt es etwas Vergleichbares derzeit ja mit der Sendung „Börse vor Acht“. Ist der tägliche Aktienkurs also doch relevanter als das Klima?

Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass sich die ARD vor so einem Schritt fürchtet, weil sie in ihrer Gesamtheit eben noch nicht verstanden hat, dass es beim Klima nicht um eine ideologische Agenda, sondern um eine Herausforderung für die ganze Menschheit geht. Ich finde, dass man das irgendwann einmal akzeptieren muss. Und dann hätte ein Format, das sich mit Klima beschäftigt, durchaus seine Berechtigung.

Wenn es um solche Fragen geht, muss man meist nicht lange auf den Begriff „Haltungsjournalismus“ warten. Seit einem „Tagesthemen“-Kommentar zur Flüchtlingskrise, in dem Sie 2015 einen „Aufstand der Anständigen“ forderten, sind Sie mit diesem Begriff eng verbunden. Nervt das eigentlich manchmal?

Es ist interessant, welche Entwicklung dieser Begriff „Haltung“ genommen hat. Ich hatte jahrelang den Eindruck, dass er grundsätzlich positiv besetzt sei. Als ich etwa bei Panorama anfing, hat mein damaliger Chef gesagt: Wer hier moderiert, muss Haltung haben. Er meinte damit so etwas wie: Man muss eine große Fresse haben und darf sich nicht einschüchtern lassen. Jedenfalls war „Haltung“ im kritischen Journalismus immer ganz wichtig. Jetzt ist dieser Begriff aber seit 2015 von rechts in „Haltungs- oder Gesinnungsjournalismus“ umgewandelt worden. Ich hasse diese Begriffe – und ich hasse es, wenn Leute mich fragen, ob ich eine Haltungsjournalistin sei. Denn natürlich steckt dahinter der Vorwurf, man berichte einseitig und wolle die Leute ideologisch zu irgendetwas drängen. Wir haben diese Umdeutung von Begriffen in den vergangenen Jahren sehr häufig erlebt – ich würde „Haltung“ deshalb sehr gerne wieder für den demokratischen Diskurs zurückerobern. Ich befürchte aber, dass ich das nicht schaffen werde.

Zur Person

Anja Reschke (geb. 1972 in München) moderiert seit 2001 das Magazin Panorama, dessen Chefin sie als Leiterin der Abteilung Innenpolitik im Programmbereich Zeitgeschehen/Fernsehen des NDR auch ist. 2018 erschien ihr Buch Haltung zeigen

Der Vorwurf dahinter ist ja auch, dass sich in unserem Berufsverständnis etwas verschoben habe: Früher sei gelehrt worden, sich „nicht gemein zu machen“. Heute erlebten wir einen Journalismus, der auch Aktivismus ist.

Dem würde ich eindeutig widersprechen. Ich finde nicht, dass sich da etwas verschoben hat – im Gegenteil. Diese Erzählung, dass man sich früher nicht gemein gemacht habe und heute alles nur noch Meinung und Aktivismus sei, ist schlicht falsch und verklärend. Ich kann dazu gerne aus der Geschichte meines eigenen Magazins zitieren: Panorama hat – genau wie viele andere Journalisten damals – laut für die Wahl von Willy Brandt getrommelt. Das wäre heute vollkommen undenkbar. Ich empfehle jedem Vertreter dieser typischen Abgesänge, in die journalistischen Archive aus den 1970er- und 1980er-Jahren zu blicken: Da findet man ganz oft richtige Meinungs- und Stimmungsmache. So etwas würde heute niemals gedruckt oder gesendet werden. Und das ist eigentlich das Lustige an dieser Debatte: Der Journalismus ist heute viel ausgewogener und sachlicher, als er das früher war. Schon allein deshalb, weil wir ja wissen, dass das Publikum heute alles nachrecherchieren kann, das auch tut und somit viel kritischer ist.

Sie haben nach Ihrem Kommentar von 2015 gesagt, die Emotionen des Publikums hätten noch nie so hochgekocht. Verändert das einen nicht, wenn man immer unter Beschuss ist?

Ich habe auf diese Frage jahrelang mit Nein geantwortet. Allein schon deshalb, weil man das natürlich nicht zulassen will. Mittlerweile würde ich schon sagen, dass es etwas verändert. Es bildet sich zwar eine dicke Hornhaut. Aber bisweilen nehmen die Angriffe schlicht ein Ausmaß an, dass es schon Mut und Kraft bedarf, sich anschließend wieder öffentlich zu positionieren. Weil das leider mittlerweile so viele Menschen betrifft, glaube ich, dass es auch unsere Gesellschaft verändert. Den Wütenden und den Schreihälsen wird eindeutig zu viel Gehör geschenkt.

Wo würden Sie denn gerne mutiger sein?

Sie meinen in meinem journalistischen Leben?

Eher als Chefin des Programmbereichs „Dokumentation und Kultur”. Wofür braucht es hier Mut? Welche Innovationen, welche neuen Formate können wir erwarten?

Ich glaube, dass viele unterschätzen, wie viel Mut viele Filme brauchen. Vielleicht auch die, bei denen man es gar nicht glaubt. Zum Beispiel ein Naturfilm über China, wo einmal kurz ein tibetanischer Mönch auftaucht. Da kommen dann Beschwerden, mit denen du dich erst einmal auseinandersetzen musst. Etwa: „Moment mal, wieso ist da ein Mönch, die dürfen doch in China gar nicht praktizieren.” Und so weiter. Oder wenn du einen Film sendest über Organspende. Oder über Frauenrechte. Auch wenn es jetzt blöd klingt: Es erfordert wirklich Mut, im gesellschaftlichen Diskurs, der gerade stattfindet, relevantes Programm zu senden.

Wo müsste die Reise für die politischen Magazine hingehen?

Also, wenn ich jetzt mal Bilanz ziehe, mache ich mir Sorgen um den kritischen, aufklärerischen Journalismus, für den die politischen Magazine stehen. Ich betrachte das als Kernauftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Der Auftrag, Verantwortlichen auf die Finger zu gucken und Skandale mit aufzudecken. Unbequeme Fragen zu stellen. Die Geschichte von Panorama ist geprägt von sich aufregenden Kirchen, sich aufregenden Regierungen, sich aufregenden Staatskanzleien, aufgebrachten Verbänden, Lobbygruppen, Unternehmen und so weiter. Heute geht es mehr denn je darum, diese Unabhängigkeit zu verteidigen. Wir haben aber eine Tendenz zur Harmonisierung. Das ewige Lamento der neuen Rechten, wir würden nicht ausgewogen berichten, hat auch die Sender erreicht. Jetzt heißt es dauernd, wir müssten die wütenden Bürger, die wir vermeintlich verloren haben, zurückholen. Mich stört, worauf wir zu oft unseren Blick richten. Auch in der Corona-Debatte: 70 Prozent der Bevölkerung finden die Maßnahmen richtig oder nicht weitgehend genug. Und die Berichterstattung konzentriert sich häufig auf die 20 Prozent, die rechte Parteien wählen oder auf Querdenker-Demos gehen. Das finde ich schwierig.

Was würden Sie denn vorschlagen? Die Versuche der Politik, auf „besorgte Bürger“ zuzugehen, sind nicht besonders erfolgreich verlaufen. Niemand scheint eine Lösung zu haben.

Das ist etwas, was immer wieder neu justiert werden muss und in jedem Fall ein bisschen anders ist. Ich finde es jedenfalls total gefährlich, wenn wie im Fall der Öffentlich-Rechtlichen die Debatte über Gebühren mit der Debatte über Inhalte verknüpft wird. Das ist ein massiver Versuch der Politik, auf die Inhalte der Sender Einfluss zu nehmen. Ich wundere mich, dass die Bevölkerung da nicht aufgebrachter ist.

Das Gespräch führten Charlotte Theile (Chefredakteurin von Schweizer Journalist:in) und Alexander Graf (Chefredakteur des medium magazin). Das Interview mit Anja Reschke ist zuvor erschien im medium magazin (Ausgabe 02/21)

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06:00 11.08.2021

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