Wir sind ja gar nicht so schlecht

Ideen Corbyn hat verloren, Sanders musste aufgeben – verlieren Linke jetzt nur noch? Vielleicht fehlt da schlicht die Wärme

Das ist keine Metapher auf alte linke Parteiführer. „Wenn ich sehe, dass jemand seine letzten Minuten hat, will ich ihm die Hand halten.“ Das ist die Geschichte einer jungen Krankenpflegerin. Sie will Luisa genannt werden, arbeitet an der Berliner Charité und streikte gerade für mehr Personal, als ich sie 2017 interviewte. „Jeder sieht das anders, aber ich glaube, die merken das, und viele haben ja keine Familien da. Aber oft muss ich losrennen, weil es in einem anderen Zimmer klingelt, und wir müssen ja auch noch ständig alles Mögliche dokumentieren. Manchmal – wie letztens bei dem Patienten – stelle ich mich dann in den letzten Minuten wenigstens noch mit meinen Akten in den Türrahmen. Damit der merkt, da ist noch wer.“ Da ist noch wer. Da ist Luisa in Berlin im Herbst 2017. Da ist die Krankenschwester in New York im Frühjahr 2020: „Viele denken, wir Pflegekräfte halten das aus, aber ich kann nicht mehr. Du kommst ins Zimmer und dein Patient ist tot. Nächste Tür auf, Patient tot. Ich hab die ganze Heimfahrt im Taxi geweint.“

Geschichten von Empathie und Nähe. Auch um diese geht es bei der Frage nach politischer Hoffnung der Linken. Nicht nur um die großen Geschichten von Sieg und Niederlage, um Kräftemessen auf der Straße, im Betrieb, im Parlament.

Ja, ich hatte auch auf Bernie Sanders gehofft, CNN geguckt, und war enttäuscht, als er am 8. April aufgab. Ich war enttäuscht, als Jeremy Corbyn Ende 2019 haushoch verlor, ein Pazifist mit radikalen Forderungen und einer halben Million Menschen hinter sich, der auf Musikfestivals Hunderttausende für öffentliche Jugendzentren und Gesundheitsversorgung begeistert hatte. Ich war enttäuscht, als Alexis Tsipras der Troika nachgab. Und als Pablo Iglesias schnelle Macht nachhaltiger linker Politik mit der Basis vorzog.

Erzählungen prägen uns

Was hätte Sanders – der anders als Establishment-Vertreter Joe Biden eine Chance gegen Trump gehabt hätte – nicht ändern können! Allein in der globalen Corona-Krise: Gesundheitsversorgung für die 40 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung, Rettungspaket für Arme und Erwerbslose, Eintreten für einen globalen Gesundheitsfonds und Schuldenerlass für arme Länder. Nun kein Sanders, kein Corbyn. Muss uns das perspektivlos machen?

Wenden wir den Blick von den Machtverhältnissen in den Parlamenten zu denen in den Köpfen. Sanders hatte nicht nur einen großen Teil der Partei gegen sich, sondern viele Massenmedien. Sie berichteten selektiv über Umfragewerte und verfälschten Infografiken. Darunter der pro-demokratische Sender MSNBC. Ende Februar entschuldigte er sich für die einseitige Berichterstattung und dafür, dass Moderator Chris Matthews Sanders mit Nazis verglichen und suggeriert hatte, es gäbe mit ihm öffentliche Exekutionen im Central Park.

Geschichten prägen unser Denken. Und aus vielen kleinen Geschichten werden große Erzählungen. Momentan dominieren vor allem zwei: die extrem rechte Erzählung vom guten Leben für „die Volksgemeinschaft“ und die neoliberale Erzählung „Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur genügend anstrengt“. Kaum einer traut sich mehr letztere auszusprechen, denn jedes fünfte Kind in der Bundesrepublik ist von Armut bedroht, doch die Erzählung lebt fort: Wer genügend Steve-Jobs-Biografien liest, schafft es out of the garage. Wer genügend Achtsamkeitskurse macht, wird effizient und glücklich. Wer mutig in einem Wingsuit von einem Gipfel springt, bekommt von Red Bull Flügel verliehen.

Wenn wir anerkennen, dass wir in Erzählungen leben, können wir das nutzen. Wir können widersprechen, wenn wieder jemand sagt, jeder sei sich selbst der Nächste, und können erwidern, dass das manchmal so sei, oft aber auch nicht. Wir können widersprechen, wenn wieder mal jemand sagt, Frauen seien untereinander Zicken, und es als Versuch bloßstellen, uns zu teilen und zu schwächen.

Wir können vor allem aber eigene Geschichten erzählen. Am Kinderbett, im Büro, beim Familienfest. Von Krankenschwestern, die anderen die Hand halten wollen. Von Ehrenamtlichen wie meiner 78-jährigen Mutter, die mit Demenzkranken musiziert. Von Menschen, die anderen übers Mittelmeer helfen. Von Düsentriebwerksherstellern, die lieber Beatmungsgeräte bauen wollen. Von Mieterinnen, die Wohnungswirtschaftsunternehmen enteignen wollen. Von Kids, die für Klimagerechtigkeit streiken. Von all denen, die diese Anliegen unter Mottos wie „ausgehetzt“, „unteilbar“ oder „die vielen“ verbinden.

Wir haben ein Jahrzehnt Aufbegehren hinter uns. Junge Menschen heute sind nicht, wie ich, in den alternativlosen westdeutschen 1990ern groß geworden. Sie haben die Wirtschafts- und Finanzkrise erlebt und wie Menschen sich gegen globale und lokale Ausbeutung wehrten: Arabischer Frühling, Occupy Wallstreet, Willkommensbewegung, Gelbwesten, „MeToo“, „Black lives matter“, Proteste in Hongkong, Chile, Sudan, Irak, Libanon. Große Teile der Jugend sind politisiert. In den USA sehen mehr als die Hälfte der unter 30-Jährigen Sozialismus als positiv an, so das Meinungsforschungsinstitut Gallup 2018.

Der niederländische Historiker Rutger Bregman hat gerade eine ganze Weltgeschichte darüber geschrieben, dass wir im Grunde freundliche Wesen sind. In seinem Buch Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit blickt er auf uns Menschen seit der Nomadenzeit, als wir am liebsten rumzogen, redeten und Beeren pflückten. Er widerlegt psychologische Experimente, wonach wir sadistisch seien. Und er sammelt vor allem Geschichten von solidarischen Lebensweisen: von unseren Familien, in denen wir kommunistisch, nicht nach Profitlogik leben. Von der niederländischen Altenpflegeeinrichtung Buurtsorg, wo 15.000 Menschen glücklich und überdurchschnittlich gut bezahlt in selbst organisierten Teams ohne Hierarchie und Management leben und arbeiten. Vom „Community Budgeting“ im brasilianischen Porto Allegre. „Wir sind keine Engel“, sagt Bregman, „doch es kommt darauf an, was wir in uns füttern.“ Denn wir sind mimetische Wesen, wir ahmen nach. Als Kinder wie Erwachsene: Lächelt uns jemand an, lächeln wir zurück, gibt uns wer einen fehlenden Euro, machen wir Ähnliches eine Woche später, wir gähnen sogar, wenn wer anders gähnt.

Für wen wächst die Wirtschaft?

Linke sind gut darin, Kälte zu beschreiben. Kälte von Profitlogik, Kälte von Ausgrenzung, Kälte von Fakten. Das beobachtete der Philosoph Ernst Bloch schon in den 1930ern. Er verglich die Rede eines Kommunisten mit der eines Nazis. Zunächst analysierte der Kommunist mit Zahlen und Fakten die damalige Rezession. Danach beschwor der Nazi mit lauter Stimme und schwerem Tonfall einen „höheren Auftrag“, eine „Bestimmung des Volkes“ – der Saal bebte. Rechte sind gut darin, was Bloch „Wärmestrom“ nennt, Emotionen, Gefühle.

Vor allem die neoliberalen Rechten erarbeiten in Hunderten von Thinktanks, wie sie ihre kalte Erzählung von Ungleichwertigkeit warm verpacken. Linke hingegen könnten eine wahrhaftige Erzählung von Wärme und Fürsorge verbreiten. Sie fokussieren aber stattdessen oft auf alles, was schiefläuft. Oder in patriarchaler Logik auf kurzfristige Siege und Niederlagen. Oder sie verharren beim besseren Argument – der Gleichwertigkeit von Menschen – und verzichten auf eine liebevolle Vermittlung. Darauf, sich und andere mit wahrhaftigen Geschichten von Empathie und Fürsorge zu berühren.

Sieben von acht Menschen in der Bundesrepublik glauben nicht, vom Wirtschaftswachstum zu profitieren. Warum sind trotzdem nicht alle für eine linke Politik zu gewinnen? Weil viele sie nicht für realisierbar halten. Weil wir zu selten dorthin zeigen, wo solidarischere Lebensweisen schon bestehen: Skandinavische Länder haben einen guten Pflegeschlüssel, Wien hat 60 Prozent Wohnungen mit Mietendeckel, und auch wenn manche „Solidarische Landwirtschaft“ selbst nicht glaubt, mit Gemüsekisten was zu ändern, 70 Prozent unseres Essens kommen immer noch aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft, Agrarkonzerne wie Monsanto sind Babys. Warum hier nicht auch erzählerisch Gelände gewinnen, das wir bereits haben. Wir dürfen natürlich beim Erzählen die bedrängende Gegenwart, die Kälte nicht weglassen – Luisa kann ja wegen der Sparpolitik gerade nicht die Hand halten. Wir können aber öfter als bisher die Wärme im Alltag sehen – Luisa steht im Türrahmen.

Das Eigene sehen und benennen – rät auch die Framing-Theoretikerin und Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling. Linke tappen zu häufig in die „Nein-Sager-Falle“: das Unvermögen unseres Gehirns, etwas nicht zu denken. Beispiel? Denken Sie jetzt nicht an die grauen Haare von Barack Obama. An was haben Sie gedacht? An Obamas graue Haare. So ist es auch mit politischen Ideen. Sind wir nur „gegen Grenzen“, denkt unser Gehirn: Grenzen. Und es erscheint völlig normal, dass zwischen Salzburg und München eine Grenze verläuft. Stattdessen könnten wir auch von „globaler Bewegungsfreiheit“ sprechen. „Global“ klingt nach Globus, dem Ort unserer Schicksalsgemeinschaft, „Bewegung“ ist etwas eher Positives und „Freiheit“ finden sogar Ultraliberale gut.

Machtkämpfe in Parlamenten, Betrieben, auf der Straße brauchen eine erzählerische Begleitmusik im Alltag: eine Sprache, die Empathie und Verantwortlichkeit vermittelt. Ein Menschenbild, das uns entspricht. Geschichten von Orten, wo wir bereits verantwortungsvoll leben. Debatten, welche Arbeiten wir brauchen und welche wir niederlegen.

Denn selbst wenn Linke mal Parteien führen, wie in vier Jahren vielleicht die US-Demokratin und Instagram-Ikone Alexandria Ocasio-Cortez, können sie ihre Politik nur dann gegen Widerstände in Partei, Verwaltung und Medien durchsetzen, wenn die Begleitmusik bis dahin stimmt.

Von Julia Fritzsche erschien jüngst Tiefrot und radikal bunt. Für eine neue linke Erzählung

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06:00 02.06.2020

Ausgabe 42/2020

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