„Dass wir diese schwere Arbeit machen, heißt nicht, dass wir Menschen dritter Klasse sind“

Protokoll Mariana* ist 72, stammt aus Bulgarien und musste vor Gericht erstreiten, dass sie für ihre Arbeit als Betreuerin für alte Menschen in Deutschland auch bezahlt wird
Ausgabe 22/2024
„Dass wir diese schwere Arbeit machen, heißt nicht, dass wir Menschen dritter Klasse sind“

Montage: der Freitag, Material: iStock

„Ich lebe inzwischen wieder in meiner Heimat Bulgarien, in Nessebar, einer Kleinstadt am Schwarzen Meer. Von einer monatlichen Rente von umgerechnet 260 Euro. Zieht man alle Kosten ab, bleibt da nicht viel übrig. Wir wohnen zu viert in einer Zweizimmerwohnung. Ich, zwei erwachsene Enkel, ein Urenkel. Meine Tochter arbeitet in Deutschland; wenn sie nach Hause kommt, lebt auch sie bei uns.

Von 2013 bis 2016 habe ich selbst in Deutschland gearbeitet, als Rund-um-die-Uhr-Betreuerin für ältere Menschen. Die meisten Frauen, die das machen, kommen aus Osteuropa. Es war keine einfache Zeit. Aber ich sah damals keine andere Wahl.

Ursprünglich komme ich aus dem Tourismusbereich. Ich habe ein Hotel geleitet, für ein großes staatliches Unternehmen. Als 1989 die Wende kam, wurde es privatisiert. Der neue Inhaber brachte eigenes Personal mit. Ich wurde arbeitslos. Ich übernahm einen Nebenjob als Wachschutz an einer Schule.

Dann erkrankte mein Mann an Parkinson. Ich habe ihn gepflegt und kam immer seltener zum Arbeiten. In dieser Zeit häuften sich die Rechnungen für Medikamente und Krankenhausaufenthalte. 2013 starb mein Mann. Und ich hatte Schulden.

Im Vertrag standen 30 Stunden, tatsächlich sollte ich rund um die Uhr zur Verfügung stehen

In der Zeitung las ich ein Inserat; gesucht wurden osteuropäische Betreuerinnen für Senioren in Deutschland. Ich bekam den Job. Angestellt war ich bei einer bulgarischen Firma. Auftraggeber war eine deutsche Vermittlungsagentur. Ich arbeitete in Koblenz, dann in der Nähe von Bonn, ab 2014 in Berlin.

Ich habe dort eine 92-jährige Frau in ihrer Wohnung betreut. Eine intelligente Frau, sie hat mir viele Tipps fürs Leben gegeben. Aber sie war auch rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Ich habe sie gewaschen, angezogen, ins Bett gebracht. Ich habe geputzt und für sie eingekauft.

Gelebt habe ich in einem Zimmer in der Wohnung der Frau. Die Tür musste immer offen stehen. Manchmal, wenn ich gerade eingeschlafen war, wurde ich gleich wieder wach, weil die Frau zur Toilette musste. Ich durfte das Haus immer nur kurz für Besorgungen verlassen. Ich war sehr einsam.

In meinem Vertrag war eine Arbeitszeit von 30 Stunden festgelegt. Tatsächlich musste ich der Frau rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Für 1.562 Euro, nach Abzügen blieben mir 950 Euro.

Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich bat die Familie der Frau um mehr Zeit für mich. Sie lehnten ab. Dann wandte ich mich an die bulgarische Firma, auch die wies mich ab. Also ging ich zu einer Beratungsstelle für ausländische Beschäftigte. Die Tochter einer bulgarischen Freundin hatte mir das empfohlen.

Mit Unterstützung der Beratungsstelle forderte ich Ruhezeiten und bezahlten Urlaub von meinen Chefs. Ich weiß, dass nur wenige Menschen in meiner Situation diesen Schritt gehen. 300 Frauen waren bei der bulgarischen Firma beschäftigt, keine von denen hat sich getraut, etwas zu sagen. Mich hat das angespornt. Es hat mir gezeigt: Ich bin nicht allein.

Ich sehe diese Behandlung nicht ein. Ich habe einen Hochschulabschluss, bin intelligent. Dass wir diese schwere Arbeit machen, heißt nicht, dass wir Menschen dritter Klasse sind.

Mein Chef hat mir daraufhin gekündigt. Das war ein Schock. Aber ich gab nicht auf. Ich zog vor Gericht. Ich habe die ganze Zeit für die ältere Frau gearbeitet oder war in Bereitschaft, deutlich mehr Stunden als vertraglich festgelegt. Dafür wollte ich mein Geld. Ich wollte nur, was mir zusteht, mehr nicht.

Ich ging dann nach Bulgarien zurück. Mehrmals musste ich für Gerichtstermine nach Deutschland. 2021 bekam ich in letzter Instanz Recht. Weil ich rund um die Uhr verfügbar war, muss man mich entsprechend bezahlen, hieß es. Viele Medien berichteten über den Fall. Ich gab Interviews. Mein Geld habe ich aber immer noch nicht.

Der Fall wurde von Deutschland an einen Anwalt in Bulgarien übergeben. Der aber macht seinen Job nicht. Ich glaube, dass er mit dem Chef der bulgarischen Firma unter einer Decke steckt. Der hat eine neue Firma gegründet, die ist inzwischen insolvent. Der Anwalt ist abgetaucht. Jetzt weiß ich nicht, wie es weitergeht.“

Zu Marianas Geschichte

„Der Fall ist für uns noch nicht abgeschlossen“, sagt Justyna Oblacewicz, Marianas Beraterin und Branchenkoordinatorin Häusliche Betreuung bei der Beratungsstelle Faire Mobilität. „Wir prüfen derzeit, warum das Geld noch nicht gezahlt wurde.“

Das Urteil ist dennoch richtungsweisend. Mariana bekam vor dem Arbeitsgericht, dem Landesarbeitsgericht und in letzter Instanz vor dem Bundesarbeitsgericht Recht. Oblacewicz sagt, das habe andere Frauen in Marianas Position gestärkt. „Für sie ist der Gang vor Gericht jetzt einfacher, sie können sich auf das Urteil beziehen.“

Zudem habe das Urteil wesentlich dazu beigetragen, dass die Ampel im Koalitionsvertrag einen Passus zum Thema aufgenommen hat. „Wir gestalten eine rechtssichere Grundlage für die 24-Stunden-Betreuung im familiären Bereich“, steht da jetzt. Oblacewicz sagt, politisch sei dazu bisher aber wenig passiert. „Umso wichtiger ist es, dass man wieder mehr darüber spricht.“ Sascha Lübbe

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