Wir sind keine Sechsjährigen

Gastbeitrag Die ARD sollte in der Debatte um das Strategiepapier in die Offensive gehen und Ideologiekritik in eigener Sache betreiben
Wir sind keine Sechsjährigen
Kann es sein, dass die Verantwortlichen mit dem vorgeschlagenen Framing übereinstimmen, dass die ARD „den gesamten Raum abdeckt, der für unsere Meinungsbildung und unser kulturelles Miteinander begehbar sein muss“?

Foto: Kai Wegner/Flickr (CC BY 2.0)

Ich arbeite seit über zwanzig Jahren an Theatern, die von der öffentlichen Hand subventioniert werden. Mir sind die Vorzüge und Privilegien eines solchen Arbeitsplatzes durchaus vertraut, und ich bin sehr froh, dass diese kleinen Inseln eines Gemeingut-Paradieses trotz aller Anfeindungen verteidigt werden konnten.

Von daher bin ich seit jeher auch ein überzeugter Verteidiger der Rundfunkgebühren. Keine infantile Gameshow und keine überteuerten Sportrechte konnten bisher mein Vertrauen erschüttern, dass die monatlichen 17,50 Euro gut angelegtes Geld sind. Mit dem aktuell aufgetauchten Framing Manual hat sich die ARD jedoch selbst in die finstere Ecke gestellt, in die sie alle GEZ-Kritiker und „Staatsfunk“-Feinde schieben wollen.

Was ist das Problem am Framing Manual? Es ist das Menschenbild, auf dem die Framing-Theorie beruht. Sie geht davon aus, dass der Mensch im Bewusstseinszustand eines Sechsjährigen steckengeblieben ist. Worte und Bilder lösen in seinem Gehirn reflexhafte Assoziationen aus, die sich in quengeligen Wünschen äußern. Sieht er eine Eiskugel, will er sofort ein Eis. Hört der Bürger das Wort „Konsument“, um ein Beispiel aus dem Manual zu nehmen, so werden in seinem Gehirn gefährliche Areale aktiviert, denn es werden Waren, Anbieter, Kunden und Geld assoziiert.

Den Alarmknopf betätigen

Und schon hat das Framing „Konsument“ die ganze Selbstdarstellung der ARD auf eine schiefe Bahn gebracht. Die Assoziationen drängen nun quasi-natürlich in die Richtung des freien Marktes, auf dem sich der Konsument seine Waren nach Bedarf aussuchen kann. Die monatliche Zahlung an die früher GEZ genannten "Beitragsservice" wirkt in dieser Logik dann wie eine Zwangsgebühr, die den Konsumenten keine Wahlfreiheit lässt.

Folgt man dieser Logik von Reiz und Reaktion, so sperrt man den Zeitgenossen ins Gefängnis eines pawlowschen Hundes. Dann liegt der Gedanke nah, dass man mit ihm nur noch erzieherisch kommunizieren darf. Das Framing Manual bietet ein Kompendium solcher bevormundenden und herablassenden Sprachfloskeln. Wüsste man nicht, dass es sich um ein Handbuch für die ARD handelt, so bekäme man den Verdacht, die geheime Propagandafibel eines totalitären Regimes entdeckt zu haben, an deren Ende sie sich ziemlich unverhohlen zu ihrer Ideologie bekennt: „Kontrollierte Demokratie statt jeder, wie er will.“

Spätestens an dieser Stelle hätten die verantwortlichen Auftraggeber der ARD das tun müssen, was sie von jeder anderen demokratischen Institution des Landes einfordern würden, bei der sie eine solche Fibel entdeckt hätten: Sie hätten den Alarmknopf betätigen müssen. Doch anstatt die Anweisungen nach der ersten Lektüre dankend zurückzuweisen, ließ man sie zwei Jahre intern kursieren.

Ein solches Verhalten lässt einige Fragen zum Selbstverständnis der ARD aufkommen. Kann es sein, dass die Verantwortlichen mit dem vorgeschlagenen Framing übereinstimmen, dass die ARD „den gesamten Raum abdeckt, der für unsere Meinungsbildung und unser kulturelles Miteinander begehbar sein muss“? Und stimmen sie den diffamierenden Bezeichnungen zu, mit denen Rundfunkbeitragskritiker als „demokratieferne Beitragshinterzieher“, die sich „dem allgemeinen Willen des Volkes“ widersetzen, abgekanzelt werden sollen? Und freuen sie sich über das Mantra, das auf vielen Seiten wiederholt wird: „Die ARD ist von uns, mit uns und für uns geschaffen: Und die ARD existiert einzig und allein für uns.“ Und rufen sie insgeheim: Amen?

Die Kraft der Argumente

Der Schlamassel ist nun leider da, und damit ich nicht jahrelang von allen Rundfunkbeitragskritikern mit diesem Manual argumentativ totgeschlagen werde, möchte ich am Ende noch ein paar persönliche Worte an die ARD richten:

Liebe ARD, Eure Zuschauer sind nicht alle sechs Jahre alt, und der beste Grund für den Rundfunkbeitrag ist Euer Programm. Bestätigt bitte nicht die falschen Vorwürfe Eurer Kritiker, indem ihr Euch mit einer Methode verteidigt, die genau die Manipulationsmittel und moralische Überheblichkeit verwendet, die euch fälschlicherweise vorgeworfen werden. Eure Stärke liegt nicht in der moralischen Bevormundung der Zuschauer, sondern in der Kraft der Argumente und der Freiheit der einzelnen Meinung.

Selbst der gutwilligste Verteidiger der ARD wird den Gedanken nicht los, dass eine Manipulationsmethode in Auftrag zu geben, um die Unabhängigkeit der ARD zu begründen, in etwa so ist, als würde man einen Pädophilenring damit beauftragen, einen Werbefilm für die Katholische Kirche zu drehen.

Allein der Verdacht, dass dieses Manual in einer Eurer Redaktionen als Anregung für das Verfassen von Nachrichten dienen könnte, richtet einen Imageschaden an, den Ihr mit der goldensten Rahmung nicht wieder ausgleichen könnt. Aber zum Glück habt Ihr selbst alle Mittel in der Hand, um diesen Schaden wiedergutzumachen. Setzt Eure beste Recherche-Redaktion auf den Fall Framing Manual an und macht eine Sendung zur Ideologiekritik der Framing-Methode. Denn wenn es einen Sender gibt, der das könnte, dann seid Ihr das – dank der Freiheiten, die Euch der Rundfunkbeitrag ermöglicht.

Bernd Stegemann ist Professor an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und Dramaturg am Berliner Ensemble. Im November 2018 erschien von ihm das Buch Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik. Zuvor initiierte er zusammen mit Sahra Wagenknecht die linke Sammlungsbewegung "Aufstehen".

16:37 19.02.2019

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 28