Wir sind nicht viele

Held der Unruhe Mit einem historischen Roman, "Der König von Korsika", hat Michael Kleeberg einen zeitgenössischen Typus beschrieben

Historische Romane sind beim allgemeinen Lesepublikum sehr populär und genießen folglich eher die Verachtung der echten Hochleser. Historische Romane werden aus dem Angloamerikanischen übersetzt, in Deutschland von den Tanja Kinkels en suite geschrieben, oder - etwas gehobener - von Gisbert Haefs. Oder man muss auf Lion Feuchtwanger zurückgreifen. Im vergangenen Jahr ging der Lion-Feuchtwanger-Preis an Michael Kleeberg, für - so die Laudatio - seine "elegante, gebildete, auf Verständigung zielende, sinnstiftende" Prosa.

Spätestens seit der Titelgeschichte von Der Kommunist vom Montmartre, die jedem Lesebuch des 20. Jahrhunderts gut anstünde, vor allem aber mit dem großartigen Roman Ein Garten im Norden, in dem er einen philanthropischen Park aus Paris realutopisch als ein Antidot gegen den teutonischen Fluch nach Berlin transplantierte, gilt Kleeberg als frankophiler Stilist, geistvoll und flamboyant, und zugleich Mann des großen Wurfs und der Tiefenperspektive.

Nun - als habe der Name Lion Feuchtwangers ihm keine Wahl gelassen - ein historischer Roman von ihm: Der König von Korsika. Zwar handelt der in einer Zeit, in der Korsika noch nicht zu den Terrorträumen des französischen Staates gehörte, aber Frankreich ist dennoch Dreh- und Angelpunkt, wenngleich es darüber hinaus ziemlich weiteweltläufig zugeht. Was wiederum nicht so selbstverständlich ist, da der Held landsmannschaftlich Westfale war, ein Schlag, der nicht eben für Mondänität und Mondialität bekannt ist. Aber Baron Theodor Neuhoff, der von 1736 bis 1743 nominell König von Korsika war, gilt selbst der Enyclopaedia Britannica als schillernder Abenteurer und unermüdlicher Intrigant. Wobei im Begriff der Intrige dabei durchaus das Faszinosum der Raffinesse mitschwingt.

Im Roman verdankt denn auch Neuhoff seine höfische Eleganz und seine Fähigkeit, so ziemlich alle um ihn her zu bezaubern, dem Ehrgeiz der bettelarmen, aber stolzen Mutter und der erlesenen Ausbildung, die ihm ihr und sein französischer Gönner zukommen ließ. Nachdem er seinen ersten Lehrmeister - kein Geringerer als De Broglie - aus dem Haus intrigiert hat, weil dieser ihn nicht nur seine geringe Begabung zur Abstraktion spüren, sondern auch über seine Phimose beseitigen ließ, zudem initiiert in die Geheimnisse der Rhetorik, kommt er an den Hof des Sonnenkönigs. Dort wird er zum kleinen Vertrauten der Liselotte von der Pfalz, studiert erfolgreich die Geographie und Architektur der Intrige und Fronde, wird von der reifen Valentini entjungfert, indem sie sich "über ihn schwang, so daß ihre schweren Brüste wie spanische Galeonen in den Hafen seines Oberkörpers einliefen und direkt vor der Kaimauer seines Kinns andockten ...".

So, nicht gänzlich ohne Ironie, im Metaphernanprall ermannt, geht er auf Wunsch von Madame nach Paris, um sich in dieser Antipodenwelt des Hofes, nämlich der Lieferanten und des Geldes, der Advokaten, Pamphletisten, Intellektuellen, Mathematiker und Maschinenkonstrukteure umzusehen. Von hier aus geht es nun unaufhörlich Station um Station weiter fort. Er wird zum versierten Überbringer geheimer Botschaften, Musikerdarsteller, Gemäldeagenten, Alchimisten, habsburgischen Diplomaten, gerät immer wieder in Arrest, verführt eine sittenstrenge Amsterdamerin, muss in Mecklenburg aufs Schlachtfeld, versucht es zwischendrin mit Heirat und Rückzug ins kursächsische Berthelsdorf, zu Zinzendorf, für den er aber immerhin noch als Fundraiser arbeitet. Allein, es hält ihn nicht lange. Der Slalom durch die Staats- und Kulturgeschichte seiner Zeit, die ihn schon mit allem, was uns gut und teuer ist, zusammengebracht hatte, mit Diderot bis Telemann, beginnt von neuem. Nun immer schneller in Schussfahrt auf den Titel zu: König von Korsika. Wieder Aufstieg, Verstrickung, Niedergang und Kerker - und am Ende noch im letzten Satz das hoffende Versprechen aufs Glück.

Es ist das alles eine Schleudertour durch ganz Europa, durch alle möglichen Stationen der damaligen Geschichte und alle erdenklichen Aspekte damaliger Kultur, von der Dechiffriermaschine bis zu Garricks Schauspielkunst. Und man könnte geneigt sein zu fragen, was denn mehr diese historiographische Wunderkammer vom modernen Markensampling der Ellis oder Beigbeder unterscheide als die historische Patina und Aura der aufgeführten Elemente. Nun, zum einen ganz banal der Umstand erzählerischer Delikatesse, die den Leser nicht im Regen aus Steins Kulturfahrplan stehen lässt, durch Lektüre von Saint-Simon bis Darnton offenbar gut gerüstet, stets artig ein entscheidendes Bisschen mehr als das Übliche zu sagen weiß und das atmosphärisch so verdichtet, dass auch die diversen Gerüche, obligat faulenden Zähne und schwächer werdenden Augen nicht fehlen.

Entschieden aber mehr noch: Dem Roman geht es mit Theodor Neuhoff um die Genese eines Typus, dem unsere Gegenwart vielleicht näher ist als die Historie seiner Zeit. Kleebergs Roman ist kein Bildungs- oder Entwicklungsroman, sondern deren zeitgemäßes Pendant, ein Enkulturationsroman. Das intrikate Wechselspiel aus Milieu und Erziehung, in dem ein Charakter sich seiner Veranlagungen bewusst wird, sie erprobend, tastend, immer gezielter ins Spiel bringt und dort entwickelt, wo sie Aufmerksamkeit, Zuwendung und Erfolg versprechen, dort zu unterdrücken sucht, wo sie dem im Wege stehen. Wie er sich zunehmend mit sich selbst arrangiert, sein misstrauischster Kritiker ist und zugleich doch immer wieder auch gutgläubigstes Opfer. Wie er sich selbst aus Beobachtungen anderer, übernommenen Sentenzen und Haltungen zusammensetzt, sich dadurch profiliert, ständig wandelbar und doch immer mehr sich wiederholend und verfestigend. Wie er von Entweder-Oder-Lehren (Man ist Brunnen oder Wattenmeer) zur Wahrnehmung von Ambivalenz ("ambiguité" und "chiaroscuro" heißt es edler im Roman) zum Lob des "Mysteriums" kommt, das Innerstes und die Identität schützt, "gerade vor den eigenen Fragen".

Dieser Theodor Neuhoff ist ein Held der Unruhe, "Kind der Unrast", begabt zur Angst wie geschlagen mit Scham. Eine der hermetischen, quecksilbrigen Figuren, vermittelnd wie bestrickend, denen die Welt aus politischer Fronde, intellektueller Wendigkeit und spekulativen Kapitals wie ein Handschuh passt. Es ist diese Welt der Parvenüs, der Glücksritter, Agenten, Zwischenträger, Manager, Sottiseure, Faiseure und Poseure, der Wort- wie Geldakrobaten, in der uns der Roman ein ferner Kommentar sein will - und zugleich eine eigenwillige Verlockung: Seht diese Figur, welch Reiz und welch Wehmut in ihr liegt!

Und so gilt, was der Roman erzählt, auch für das, wie er es tut. Denn das - wie milde ironisch distanziert auch immer - Mimetische zu seiner Figur, lässt ihn wie diese selbst bei aller Raffinesse und Eleganz nicht immer ganz stilsicher sein, putzt ihn immer mal wieder mit preziösen Metaphern und Sombartbildung, ist mehr Versace als Dolce Doch insgesamt - übersteht man die paar nun wirklich metaphorrhötischen Eingangsseiten - hat Michael Kleeberg einen höchst faszinierenden, ungemein anregenden Roman vorgelegt, der von sich das sagen mag, was sich am Ende Garrick und Neuhoff versichern: "Wir sind nicht viel", für dessen Rang indes gilt: Wir sind nicht viele!

Michael Kleeberg: Der König von Korsika. Roman, DVA-Verlag, Stuttgart und München 2001, 380 S., 39,80 DM

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00:00 30.11.2001

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