Romni Superstars

Cool Geht es um Sinti und Roma, geht es oft um Armut. Aber sie sind auch die größte künstlerische Internationale Europas. Eine Verneigung

Am aufregendsten ist Istanbul bei Nacht nicht im schicken Kadiköy, sondern dort, wo Bacardi im hellen Mondschein seine E-Gitarre rausholt und eine alte Gypsy-Weise in Punk-Manier wiedergibt. Wir sind im Bezirk Beyoglu, hier trifft sich Jung und Alt. Die alte Türkei, das sind nicht nur Muslime, Armenier, Bulgaren, Griechen und Juden, das sind auch die Roma. Irokese Bacardi meint: „Eigentlich haben wir Istanbul gegründet: Wir brachten die Farben der Sonne Indiens mit und verwandelten das Mittelmeer in einen leuchtenden Teppich, an dem sich viele Völker wohlfühlen.“ Wie schon Atatürk sagte: „Es gibt viele Nationen – aber nur eine Zivilisation.“

Dass die Millionen Sinti und Roma Europas nicht Teil dieser Zivilisation sein sollen, gehört nicht nur zu den dümmsten Ressentiments der „normalen“ Bürger, der Schlägertrupps von Milano und der „noch fanatischeren Bürokraten in den Amtsstuben“, wie es der Holocaust-Überlebende Zoni Weisz einmal gesagt hat – es erweist sich schlicht als Unwahrheit, wenn man eine Reise durch das ganz „normale“ Leben der Roma von heute unternimmt. Das hat nichts mit einer fahrenden Karawane zu tun, zu der es auch viele Linke verklären, und nichts mit einer organisierten Kriminalität, als die es Bürgerinitiativs-„Gutmenschen, wie wir sie aus den 1930ern kennen“ (Moshe Zimmermann) rund um die Prostitution an der Berliner Potsdamer Straße gerne darstellen – sondern auch mit Bürgertum in all seinen Facetten.

Das kann feststellen, wer nach Sevilla reist. Die Zingarina Eliza Gonzalez betreibt dort, an der Calle Sierpes, eine Flamenco-Schule: „Wenn ich diese Sachen aus Deutschland von dir höre, dann frage ich mich: Was ist da los? In Andalusien gibt es das nicht. In Sevilla sind wir ganz normale Bürger. Wir sind alle katholisch und stolz darauf. Wer ist Gitano, wer nicht? Hier interessiert das niemanden, jeder hat hier irgendeinen Gitano in der Familie.“

Ihre Lieblings-Musik? „Der Flamenco-Techno von Alazan, was sonst?“ Aber warum werden eigentlich viele Flamenco-Schulen in Andalus von Japanerinnen betrieben? „Hahaha, das weiß Gott alleine. Vielleicht, weil unsere Musik so schön ist. Wer kennt schon die Menschen? Sei’s drum, laßt uns tanzen!“

Süss war gestern

Bekannt wurde die in Berlin lebende Rumänien-Deutsche Oana Cătălina Chiţu mit dem Album Bucharest Tango. Mit ihrem Partner Dejan Jovanovic, einem serbischen Rom, gründete sie 2000 die Band Romenca. Spüren sie Rassismus? „Hass gibt es überall“, sagt Oana. „Ich habe mit Roma-Kindern viel gearbeitet in einer Musikschule, Zukunftmusik heißt sie. Es sind wunderbare Menschen, die trotz negativer Erfahrungen das Leben positiv betrachten. Ich kenne viele jugendliche Roma, die in Berlin leben. Wir treffen uns, um zu musizieren. Sie erzählen mir Geschichten über das, was das Leben ausmacht, was sie in den eigenen Ländern erlebt haben. Und obwohl die Geschichten auch traurig sind, lachen sie am Ende darüber. Vielfalt, Freude, Schmerz – das bin ich“, sagt sie und singt: „Oh, world, When will I have enough of you? When they put me in my grave, When I finally leave the stage. The world is fleeting; every rose has its thorn, When one man dies, there’s another one born“.

Im Gegensatz zur stilvollen Oana, die das Leben nimmt, wie es eben ist, gehen andere Deutsche gerne dem Sinn dieses Lebens nach und stellen die Identitätsfrage. Sie pflegen ein besonders inniges Verhältnis zu „Minderheiten“, denen sie den Tod brachten. Der Sinnesgenuß der zweifellos grandiosen „Weltmusik“ eines Django Reinhardt wird für sie gleich zur akustischen Vergangenheits-Bewältigung: An dem jüdischem Klezmer gefällt vor allem, dass er nach der gelebten Melancholie von Auschwitz klingt und immer ein wenig Asche in der Luft liegt. Oana dagegen meistert das Hier und Jetzt: „Ich bin eine glückliche Sängerin, dankbar für die Kinder und die Lieder, die ich habe, für Rumänideutschien, für die Schönheit der Welt und die menschlichen Werte.“

Auf Werte ist auch Europa stolz, zumindest ideell. Ein Nachrichten-Auszug, ohne die „Maßnahmen“ des deutschen Innenministers gegen Roma aus Serbien und Mazedonien: Mord-Anschlag in Marseille, Ikea in England läßt die Polizei gegen Roma auf dem Firmen-Gelände vorgehen, die tolerante norwegische Regierung erläßt ein „Bettelverbot“, das sich gegen Roma richtet, faschistische Massen Aufmärsche in Ungarn, Italien will alle Roma erkennungsdienstlich behandeln. Anders dagegen ausgerechnet in Buschkowskys Neukölln: Eine katholische Wohnungsgesellschaft sanierte für Roma-Flüchtlinge Dutzende Wohnungen.

In Bulgarien ist Azis der Superstar – neben den anderen rund fünfzig Chalga-Diven des Landes, deren wuchtvoller Charme bis in die russischen, serbischen, tschechischen und türkischen Charts ausstrahlt. Am European Song Contest nahm er genauso teil wie an Gay-Parades, erotischen Foto-Shoots oder Diskussionsrunden. Besonders gerne trägt er High-Heels. Als selbstbewusster Schwuler pflegt er aber keine Androgynität, sondern pure Männlichkeit, gepaart mit schön verstörender Trans-Attitüde. Roma-Stolz, Gay-Pride und körperbewußter Feminismus finden in Bulgarien zusammen. Das Land ist zwar konservativ, aufgrund seiner Historie aber toleranter als die Nachbarländer: Selbstbewusstsein wird hier nicht diskutiert, sondern gestöckelt und getanzt. „Meine Flagge sind die High-Heels“. Azis’ Emanzipation des Körpers gönnt nicht nur einer Szene Verheißung. Chalga entstammt einem arabischen Dialekt des alten Irak, zur Musik des Çalgı wurde er im Osmanischen Reich.

Die Chalgadzhia-Musiker, wie die des Flamenco, betrachteten sich als agnostische Muslime und nahmen sowohl alt-persische Instrumente als auch jüdische Werke in ihr Repertoire auf. Adaptierten den traditionellen Filmi-Stil, orientierten sich aber auch an der griechischen Laika. Indische Vorfahren der Roma brachten von ihren Wegen arabische Perkussionen mit nach Istanbul. Die Sinti und Roma von heute sind quasi eine asiatische Minderheit Europas.

Stefani ist die Schönste der schönen Diven von Sofia und die Enkelin der Roma-Hymnen-Legende Asia Kemalova. Sie schwärmt: „Roma-Chalga entspringt dem Herzen, sie ist reines Vergnügen, sie kennt keine Grenzen oder Fesseln. Sie ist totaler Multi-Kulti, mit alten und neuen Texten, Folklore und Up-Tempo. Wir Romni-Stars müssen selbstbewußter werden – ein role-model für Mädchen und Kontrapunkt zu den Männern. Nur süß war gestern!“

Es ist fast schmerzvoll, für diese Zeilen eine Auswahl an vorzustellenden Persönlichkeiten treffen zu müssen, es gibt einfach zu viele: Den klassischen Komponisten und Jazzer Adrian Gaspar aus Wien, den Kontrabassisten Roman Patkolo aus Zürich, Paco Suarez und seine Symphoniker, die Graffiti-Künstlerin Lad’a Gažiová, Grammy-awarded Damian Draghici, die jüdisch-arabische Roma-Band von Albina, Aktivisten wie Harry Stojka, den israelischen Rom Dani Karavan, Bands wie Fanfare Ciocărlia, oder den phantastischen Fotografen Duzan Ristic aus L. A., der sagt: „Andersartige fallen nur auf, weil die Mehrheit so dumpf ist“.

Der energiegeladene Dirigent Riccardo Sahiti, geboren in Mitrovica, leitet das Frankfurter Roma/Sinti-Orchester (siehe Video am Ende des Artikels), und er hat eine klare Meinung: „Wir möchten die Kraft wiedergeben, die uns die Geschichte gelehrt hat. Die Roma haben auch die klassische Musik und die Oper stark geprägt, Europa gibt uns nicht viel dafür zurück.“ Ein anderer cooler deutscher Rom, Nevenko Bucan von der Band La Cherga, bringt es auf den Punkt: „Das Tolle daran ist, dass sich Roma kaum irgendwo verbunden fühlten, aber gleichzeitig massiv die Musik und Kunst in ganz Europa beeinflusst haben.“ La Cherga produzieren Balkan-Beats, „inspiriert von Mazedonien, von Reggae und Dub, Ragga und Jungle“. Wie kam es zu dieser Mischung? frage ich den Musik-Experten. „Nomadentum, weil wir selber Nomaden sind, und auch unsere Musiker waren und sind Ausländer, hier, wo wir jetzt leben, und wenn wir zuhause sind, sind wir nach so vielen Jahren auch fremd. Wir schweben in einem heimatlosen Raum.“

Ohne Angst andersein

Nicht zufällig ist dieser Kosmopolitismus verwandt mit der jüdischen Diaspora und der US-Multikultur: Wie in den Gesichtern dieser Gruppen spiegelt sich auch in denen der Roma das Licht verschiedenster Weltgegenden. „Zigeuner“ stammt von einem alten Wort für „Ägypter“ (auch dort lebten sie) ab: dem griechischen Atsinganoi. Die moderne Sprache Romani Chib ist ein Komplex aus indischem, westlichem, griechischem, farsischem und armenischem Vokabular.

Entgegen dem Bild von den „Fahrenden“ waren etwa in Ungarn bereits um das Jahr 1900 mehr als 90 Prozent sesshaft, ähnlich im Burgenland. „Die spanischen Sinti, Kalé, sind fester Teil der Gesellschaft seit langem“, sagt der Politologe Marian Luca vom Zentralrat. „Nur noch in Rumänien gibt es ein paar Fahrende, die Kaldaras. Aber viele Roma in Rumänien sind gebildet, viele Akademiker.“ In Bulgarien sind fast alle Muslime, in Frankreich nennen sie sich Manouche, in Österreich und der Schweiz Jenische. In Albanien und im Kosovo lebten die Ashkali; sie wurden in den letzten Jahren vertrieben. Heuer hat sich Europa mehr auf die Politik des Aushungerns verlegt, die deutsche Regierung schickt junge Roma zurück in den Kosovo. Wenige Roma pflegen auch Bräuche wie Brautkauf: „Abweichungen von der westlichen Norm sind bei den Roma fast immer bedingt durch die Armut. Die Mittelschicht lebt ganz normal, in Serbien etwa. Serbien ist ein großes Vorbild.“ In Serbien läßt es sich es wohl „ohne Angst anders sein“ (Theodor W. Adorno).

Das „zerrissene Herz ohne Atem“ (Santino Spinelli) schlägt wieder. Die Spanierin Lita Cabellut, in größter Not aufgewachsen, ist eine renommierte Malerinnen, die weltweit ausstellt. Sie prägte den Stil eines neuartigen Canvas painting. Ihre Bilder sind märchenhaft wie sie selber: „Wir Roma sind viele und wir sind überall! Ich lebe in einer organisierten Leere wie Camaron de la Isla, möchte die Alpträume mit meinen Bildern teilen, die Dämonen mit den Millionen Gesichtern bannen“, bekennt sie im Gespräch.

Alina Serban entstammt wiederum den Ghettos in Rumänien, durch Zufall konnte sie an der Royal Academie in London Schauspiel studieren. Bekannt wurde sie durch die TV-Serie 17 – o poveste despre destin, mit dem Dramaturgie-Monolog I, Undersigned Alina Serban, Declare promovierte sie. Zur Zeit geht sie zu Castings und arbeitet für die Miete in einem Deli: „Was haben die Leute bloß immer mit Gypsy-Kult? Über die wahre Kultur der Roma wird kaum berichtet.“ Auch der serbische Komponist, Musiker und Maler Zoran Tairovic konnte nur mit Hilfe seiner Eltern studieren. Seine Werke findet man in der Ost-Europa-Galerie Gutekunst in Reutlingen genauso wie im großen Budapest. In seiner Oper The Invisible Gypsy verweist er selbstkritisch auf die verdrängte Geschichte und auf den angeblichen Rom Pablo Picasso. „Meine Familie hatte einen Gott, er hieß Kunst. Ich wurde geboren in einer blinden Allee, dann sah ich Licht“, erzählt er mir. Diese „Augen ohne Trost“ (Spinelli), aber voller Hoffnung spiegeln sich in ganz Europa, nicht nur im schimmernden Bosporus. Eine der bekanntesten Romni, der türkische Pop-Star Ebru Gündes, besingt diesen Zustand zwischen Schmerz und Freude in „Sensizim“: „Ich habe so viele Jahre warten müssen, aber die Sehnsucht nach der Welt vergeht nicht.“

Weltpremiere von Requiem for Auschwitz (Roger Moreno-Rathgeb) am 3.5.2012 in Amsterdam, gespielt von den Roma and Sinti Philharmonikern unter der Leitung von Riccardo M. Sahiti

Marcel Malachowski ist freier Musikjournalist

Requiem für Auschwitz von Roger Moreno Rathgeb mit den Roma und Sinti Philharmonikern zu sehen am:

28. November 2012
Alte Oper / Frankfurt

29. Januar 2013
Philharmonie / Berlin

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