Wir sind unschuldig, wenn wir töten

Dokument der Woche Yonatan Mendel über israelischen Journalismus

In Israels Medien ist es heute verpönt, von Gaza oder der Westbank als "den besetzten Gebieten" zu sprechen. Stattdessen ist lediglich von "den Gebieten" die Rede. Yonatan Mendel, ehemaliger Korrespondent der Nachrichtenagentur Walla, beschreibt in einem Artikel für die Zeitschrift London Review of Books (Ausgabe vom 6. März 2008), wie israelische Zeitungen und TV-Kanäle nicht nur auf viele Euphemismen zurückgreifen, sondern dank Disziplin und Selbstzensur eine Realität widerspiegeln, die es so nicht gibt. Derzeit schreibt Mendel am Queens College in Cambridge seine Dissertation. Wir dokumentieren eine komprimierte Fassung seines Textes.

Vor einem Jahr bewarb ich mich bei Ma´ariv, einer israelischen Zeitung, als Korrespondent für die besetzten Gebiete. Ich spreche arabisch, habe an palästinensischen Schulen unterrichtet und war an vielen jüdisch-palästinensischen Projekten beteiligt. Beim Einstellungsgespräch fragte mich der Boss, wie ich überhaupt objektiv sein könne. Ich hätte doch zu viel Zeit mit Palästinensern verbracht und sei vermutlich zu ihren Gunsten ausgerichtet. Ich erhielt den Job nicht. Bald jedoch kam ich bei Walla, einer israelischen Nachrichtenagentur, unter und wurde deren Nahostkorrespondent.

Ich lernte während der Arbeit verstehen, was Tamar Liebes, die Direktorin des Smart Institute of Communication an der Hebräischen Universität meinte, als sie sagte: "Journalisten und Verleger sehen sich als Schauspieler innerhalb der zionistischen Bewegung, nicht als kritische Außenseiter."

Das heißt keineswegs, dass israelische Reporter unprofessionell arbeiten. Korruption und sozialer Verfall werden mit lobenswerter Entschlossenheit von Zeitungen, TV und Hörfunk verfolgt. Dass Israel erfuhr, was der frühere Präsident Moshe Katsav mit seinen Sekretärinnen tat oder nicht tat, beweist: Die Medien spielen ihren Part als Aufpasser, selbst wenn es Politiker in Verlegenheit bringt. Ehud Olmerts zweifelhafte Immobilien-Geschäfte, Benjamin Netanyahus Liebesaffären, Yitzhak Rabins geheime US-Konten - alles wird in den Medien offen diskutiert.

Dreht es sich aber um "Sicherheit", gibt es keine solche Freiheit. Man spricht von "uns" und - von "ihnen", der Armee (IDF) und dem Feind; militärischer Diskurs ist der einzig erlaubte Diskurs, er übertrumpft jedes andere Narrativ. Nicht, dass israelische Journalisten Befehlen gehorchen oder einem festgelegten Code folgen: Sie denken nur gut über ihre Sicherheitskräfte.

Wenn beispielsweise über eine Gewalttat berichtet wird, bestätigt dies die Armee oder sagt: "Die Palästinenser behaupten ..." - "Die Palästinenser behaupten, dass ein Säugling durch die Armee schwer verletzt wurde." Ist das Schwindelei? "Die Palästinenser behaupten, dass israelische Siedler sie bedrohten." Wer aber sind "die Palästinenser"? Ist das ganze palästinensische Volk - als Bürger Israels, als Bewohner der Westbank und des Gaza-Streifens, der Flüchtlingslager und der arabischen Nachbarstaaten - Quelle dieser Behauptung? Warum wird in israelischen Medien so selten ein Name, ein Ressort oder eine Organisation als Quelle genannt? Weil dies eine Information vertrauenswürdiger erscheinen ließe?

Ein Zustand, auf den jede andere Armee neidisch wäre

Keshev, das Zentrum zum Schutz der Demokratie in Israel, untersuchte die Art und Weise, wie Israels TV-Kanäle über palästinensische Todesfälle in irgend einem Monat - etwa im Dezember 2006 - berichteten. Keshev fand 48 Nachrichten, die über 22 palästinensische Todesfälle berichteten. Doch nur nach acht dieser Berichte folgte auf die Version der Armee eine palästinensische Reaktion. Bei 40 Nachrichten wurde allein vom Standpunkt der IDF her informiert.

Ein anderes Beispiel: Im Juni 2006 wurden vier Tage nachdem der israelische Soldat Gilad Shalit am Sicherheitszaun zum Gaza-Streifen gekidnappt wurde laut israelischer Medien 60 Mitglieder der Hamas verhaftet, darunter 30 gewählte Mitglieder des Parlamentes und acht Minister der palästinensischen Regierung: der Ressortchef für Jerusalem, der Finanzminister, der Minister für Erziehung und Bildung, für religiöse Angelegenheiten, für Inneres, für Wohnungsbau, für Justiz und für den Strafvollzug. Dazu kamen der Parlamentspräsident sowie die Bürgermeister von Bethlehem, Jenin und Qalqilia. Dass diese Leute mitten in der Nacht aus ihren Betten geholt und auf israelisches Gebiet gebracht wurden, um vermutlich gegen Gilad Shalit ausgetauscht zu werden, machte aus dieser Operation in unseren Medien keine Entführung. Israel entführt nie - Israel verhaftet.

Die israelische Armee tötet auch nie absichtlich, geschweige denn ermordet sie jemanden - ein Zustand auf den jede Armee neidisch wäre. Selbst wenn eine Ein-Tonnen-Bombe auf ein dicht bevölkertes Wohngebiet im Gazastreifen fällt und ein Bewaffneter sowie 14 unschuldige Zivilisten, darunter neun Kinder, ums Leben kommen, ist das kein absichtliches Töten oder vorsätzlicher Mord. Ein israelischer Journalist kann sagen: "IDF-Soldaten haben Palästinenser tödlich getroffen." Oder: "15 Palästinenser haben den Tod gefunden" (als ob sie danach gesucht hätten). Aber Mord kommt nicht in Frage.

Zu einer Zeit als es viele Überfälle auf den Gazastreifen gab, stellte ich meinen Agentur-Kollegen folgende Frage: "Wenn ein bewaffneter Palästinenser die Grenze überquert und israelischen Boden betritt, nach Tel Aviv fährt und dort auf Leute schießt, dann ist er doch ein Terrorist, und wir sind die Opfer, nicht wahr? Doch wenn die israelische Armee die Grenze überquert, meilenweit in den Gaza-Streifen eindringt und anfängt, auf Bewaffnete zu schießen, wer ist dann der Terrorist und wer der Verteidiger? Wie kommt es, dass die Palästinenser, die in den besetzten Gebieten leben, nie zur Selbstverteidigung handeln können, während die israelische Armee stets der Verteidiger ist?" Mein Freund Shay von der Grafikabteilung machte mir die Sache klar: "Wenn du nach Gaza gehst und dort auf Leute schießt, dann bist du ein Terrorist. Aber wenn die Armee dies tut, dann ist es eine Operation, die Israel sicherer macht. Sie führt eine Regierungsentscheidung aus."

Aber nicht solche "mit Blut an den Händen"

Eine andere aufschlussreiche Unterscheidung zwischen uns und ihnen wurde deutlich, als Hamas im Sommer 2006 die Freilassung von 450 Gefangenen im Austausch für Gilad Shalit verlangte. Israel verkündete, man werde wohl Gefangene entlassen, aber nicht solche "mit Blut an den Händen". Es sind immer die Palästinenser, niemals die Israelis, die Blut an ihren Händen haben. Das heißt nicht, dass Juden keine Araber töten, aber sie haben danach kein Blut an ihren Händen. Ganz zu schweigen von denen, die Blut an ihren Händen hatten und Ministerpräsident wurden.

Wir sind nicht nur unschuldiger, wenn wir töten, sondern auch schmerzempfindlicher, wenn wir verletzt werden. Die Beschreibung einer Qassam-Rakete, die Sderot trifft, wird gewöhnlich so aussehen: "Eine Qassam schlug in die Nähe eines Wohnhauses ein, drei Israelis erlitten leichte Verletzungen und zehn andere einen Schock." Man sollte seelische Verletzungen gewiss nicht leicht nehmen: Wenn eine Granate mitten in der Nacht ein Haus trifft, kann das wirklich einen großen Schock verursachen. Doch leiden nur Juden darunter, weil die Palästinenser ein sehr strapazierfähiges Volk sind?

Im Übrigen tötet die Armee stets nur die wichtigsten Leute. Wieder dürften sie alle anderen Armeen beneiden. "Ein hochrangiges Mitglied der Hamas wurde getötet", skandieren die israelischen Medien im Chor. Hamas-Mitglieder niederen Ranges werden offenbar nie gefunden und nie getötet. Shlomi Eldar, ein TV-Korrespondent im Gaza-Streifen schrieb vor zwei Jahren über dieses Phänomen in seinem Buch Blind in Gaza: "Als Riad Abu Zaid 2003 ermordet wurde, wiederholte die israelische Presse die IDF-Meldung, der Mann sei Chef des militärischen Flügels von Hamas in Gaza gewesen. Shlomi Eldar entdeckte, der Mann war lediglich Sekretär für die Betreuung der Familien gefangener Hamas-Mitglieder. Einer von vielen Fällen, "in denen Israel einen palästinensischen Aktivisten aufgewertet hat", schreibt Eldar.

Als Maßnahme gegen den Abschuss von Qassam-Raketen entschied die Regierung Olmert im Februar 2008, die Zufuhr von Strom für den Gaza-Streifen täglich für Stunden zu sperren, obwohl das bedeutete: Hospitäler blieben ohne Strom, Ärzte konnten nicht operieren. Zur Begründung hieß es: "Israel hat sich zu diesem Schritt entschlossen, weil ein solches Embargo keine tödliche Waffe ist."

"Eine Gesellschaft, die eine Krise durchläuft, schafft sich ein neues Vokabular", schreibt David Grossman in seinem Buch Der gelbe Wind. "Nach und nach taucht eine neue Sprache auf, deren Wörter nicht mehr die Realität beschreiben, sondern sie verbergen." Diese "neue Sprache" wird von den Medien ebenso freiwillig übernommen wie die offiziellen Richtlinien, die von der Rundfunkbehörde zusammengestellt wurden und seit 1972 dreimal aktualisiert wurden. Zu diesen Regeln gehört die Festlegung, dass der Terminus "Ost-Jerusalem" nicht mehr gebraucht werden darf.

Da zugleich die Begriffe "Besatzung", "Apartheid" und "Rassismus", ganz zu schweigen von "palästinensischen Bürgern Israels", "ethnische Säuberung" und "Nakba"* im medialen Diskurs nicht vorkommen, können Israelis ihr ganzes Leben verbringen, ohne zu wissen, in welchem Umfeld sie leben. Man nehme zum Beispiel Rassismus: Wenn die Knesset ein Gesetz verabschiedet, wonach 13 Prozent des Landes nur an Juden verkauft werden dürfen, dann ist dies ein "rassistisches Parlament". Wenn in 60 Jahren das Land nur einen einzigen arabischen Minister hatte, dann hat Israel "rassistische Regierungen". Wenn 60 Jahre lang bei Demonstrationen gummiummantelte Kugeln und tödliche Munition nur gegen arabische Demonstranten verwendet werden, dann hat Israel eine "rassistische Polizei". Wenn 75 Prozent der Israelis zugeben, dass sie sich weigern würden, einen arabischen Nachbarn zu haben, dann ist die Gesellschaft "rassistisch". Indem man nicht anerkennt, dass Israel ein Ort ist, wo Rassismus die Beziehungen zwischen Juden und Arabern bestimmt, ist es den israelischen Juden unmöglich, sich mit der Realität ihres eigenen Lebens auseinander zu setzen.

Bemerkenswert ist nicht zuletzt, dass es in Israel keine "besetzten Gebiete" gibt. Der Terminus wird gelegentlich nur von linken Politikern oder Journalisten gebraucht. Bei der Nachrichtenagentur gibt es ihn nicht. Zunächst war von "verwalteten Gebieten" die Rede, um die Besatzung zu verschleiern. Dann wurde von "Judäa und Samaria" gesprochen. Zwischenzeitlich hat sich in unseren Massenmedien "die Gebiete" eingebürgert. Der Terminus hilft, die Vorstellung zu bewahren, dass Israelis die Opfer sind und stets in Selbstverteidigung handeln, während Palästinenser die Angreifer und grundlos aggressiv sind. Das einfachste Beispiel in unseren Zeitungen erklärt es so: "Ein Bewohner ›der Gebiete‹ wurde geschnappt, als er illegal Waffen schmuggelte." Denn es ergibt einen Sinn, wenn Bewohner eines "besetzten Gebietes" versuchen, gegen den Besatzer mit Waffen Widerstand zu leisten - aber es ergibt keinen Sinn, wenn es Bewohner aus "den Gebieten" sind.

Eine Mehrheit hat das Gefühl, die Medien seien zu links

Israelische Journalisten sind nicht im Sicherheitsestablishment eingebettet. Sie sind auch nie darum gebeten worden, ihrem Publikum Israels Militärpolitik angenehm darzustellen. Die Beschränkungen halten sie freiwillig, fast unbewusst ein, was ihre Praxis um so gefährlicher macht. Dennoch hat eine Mehrheit in Israel das Gefühl, die Medien seien zu links und nicht wirklich patriotisch, auch wenn ausländische Medien noch schlimmer sind. Während der Intifada im Jahr 2000 verlangte Finanzminister Avraham Hirschson, der US-Kanal CNN müsse für Israel gesperrt werden, weil der Sender tendenziöse Programme verbreite - Hetzkampagnen gegen Israel.

Israelische Männer sind verpflichtet, bis zum Alter von 50 einen Monat pro Jahr Militärdienst zu leisten. Yigal Yadin, ein früherer Generalstabschef, meint: "Ein Zivilist ist ein Soldat der jährlich elf Monate Urlaub hat." - Israels Medien haben nie Urlaub.

Zwischentitel von der Redaktion, Übersetzung: Ellen Rohlfs

*) arabisch für "Unglück", "Katastrophe"; bezeichnet im palästinensischen Sprachgebrauch die Gründung Israels im Mai 1948

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00:00 28.03.2008

Ausgabe 39/2020

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