Wir sind zu bequem

Cancel Culture An Redefreiheit mangelt es nicht. Was uns fehlt, ist der Wille, der Mut und die Ausdauer, von ihr sinnvoll Gebrauch zu machen
Wir sind zu bequem
Der Historiker und Schriftsteller Per Leo

Foto: picture alliance/dpa

Der Historiker und Schriftsteller Per Leo (Mit Rechten reden, Flut und Boden. Roman einer Familie) wurde gebeten, einen Aufruf gegen die Cancel Culture zu unterzeichnen. Die Initianten verbinden den Aufruf mit einer Spendenkampagne für die „Opfer“ dieser Kultur. Leo machte seine Absage in den sozialen Netzwerken öffentlich. Ihre Lektüre lohnt sich. Denn Leo plädiert für eine politische Kultur, die ihren Namen verdient:

„Lieber Herr M., da mir der Befund nicht einleuchtet, werde ich den Appell nicht unterschreiben. Ich sehe die angesprochenen Probleme durchaus, nicht aber die Gefährdung der Demokratie. Im Gegenteil! Dass das, was man früher öffentliche Meinung nannte, eine dialektische Tendenz zur Tyrannei hat, gehört doch seit Tocqueville zur realistischen Beschreibung demokratischer Verhältnisse. Diese Tendenz ist nicht schön, aber wenn Sie unbehelligt – gar ‚unpolitisch‘! – diskutieren wollen, dann sollten Sie lieber zur Gründung einer Geistesaristokratie aufrufen.

Demokratie ist mühsame Konfliktpraxis und sonst nichts. Wenn sie nicht mehr funktioniert, wird kein Appell etwas helfen, schon gar nicht die Beschwörung einer Diskursidylle, die weder je existiert hat noch wünschenswert ist – sondern nur bessere Praxis. Es ist doch nicht so, dass in Fällen wie der Ausladung von Lisa Eckhart nicht auf allen Kanälen alles, wirklich alles gesagt worden wäre! Und für die meisten ähnlichen Fällen gilt das Gleiche. Warum aber Diskussionen, die ja stattfinden, durch Appelle verdoppeln? Oder glauben Sie wirklich, dass Ihr Papier auch nur eine einzige Seele zum Nachdenken oder gar zu einer Verhaltensänderung bringen wird? Wird es nicht. Die einen werden Ja! schreien, die anderen Nein!, und aus einem Streit, der sich immerhin an einem konkreten Fall entzündete, ist ein abstrakter Bekenntnisanlass geworden, der genau das befördert, was Sie so wortreich wie vage beklagen: Lagerbildung. Die Arbeit am konkreten Problem ist genauso anstrengend, wie das verallgemeinernde Kulturlamento bequem ist.

Und noch ein Wort zu unserer Schaffensgrundlage: Die Freiheit des Wortes ist in Ländern wie Deutschland oder der Schweiz nicht bedroht. Sie ist starken gesellschaftlichen Kräften ausgesetzt, die aber je nach Kontext dem eigenen Anliegen mal förderlich, mal hinderlich sind. Vielleicht müssen wir uns einfach an die Vorstellung gewöhnen, für eine gewisse Dauer wieder im Zustand der Zersplitterung zu leben. Wie in der entlang soziokultureller und politischer Grenzen segmentierten Gesellschaft des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Damals hat man viel selbstverständlicher mit Blick auf die eigenen Kreise gedacht und geschrieben, die Milieubildung war geradezu sprichwörtlich. Aber hat das freie Geister gehindert, Austausch und Anregungen über die Grenzen des eigenen Horizonts hinaus zu suchen? Natürlich nicht, sonst würden wir heute nicht mit so viel Bewunderung auf das Geistesleben dieser Epoche zurückblicken.

Nein, was uns fehlt, ist nicht Freiheit, sondern der Wille, der Mut und die Ausdauer, von ihr sinnvoll Gebrauch zu machen. Außerdem: die Einsicht, dass Freiheit am besten gedeiht, wenn wir sie weder ideologisch verabsolutieren noch moralisch erdrosseln, sondern durch Ethos und Institutionen so einhegen, dass sie sich selbst erhält. Schließlich: ein politisches Denken, das seinen Namen verdient. Don’t cry, work.“

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06:00 06.09.2020

Ausgabe 38/2020

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