Wir singen nicht bloß für ein Land

Komposition Marcel Khalife gilt als Komponist des Widerstands. Besondere Bedeutung erlangte sein Spiel der Oud, der orientalischen Kurzhalslaute. Er befreite sie von ihren Fesseln

Nicht ohne Grund gilt Marcel Khalife als Komponist des Widerstands. Kunst ist für ihn ein Lebenskonzept, deshalb degradiert er sie nie zur politischen Botschaft, sondern er wertet die Politik auf, indem er sich schöpferisch mit ihr befasst. Khalife hat Generationen von Arabern und Palästinensern geprägt und wird deshalb zu Recht mit dem Dichter Mahmoud Darwish, dem Romanautor Ghassan Kanafani und dem Karikaturisten Naji al-Ali oder Victor Jara verglichen.

1950 in Aamchit geboren, einer Kleinstadt an der libanesischen Mittelmeerküste, wurde er als Kind von seiner Mutter mit in die Kirche genommen. Die Taratil – Kirchenlieder, die während des Gottesdienstes gesungen werden – inspirierten ihn ebenso wie die Gebetsrufe aus der Ferne. In dieser vertrauten Atmosphäre wurde Khalife für die Musik sensibilisiert. Auch die Lieder und Tänze des fahrenden Volkes machten ihm Eindruck. „Von klein auf faszinierten mich Musik und Saiteninstrumente, das Sirren der Angelschnur meines Onkels ist einer der ersten akustischen Eindrücke, an die ich mich erinnere“.

Bis heute geht es Khalife in seinen Liedern um die Liebe und die Heimat, um Widerstand und Freiheitskämpfer, um Fischer, Tabakbauern, Arbeiter, Mütter und Kinder. Ohne Kitsch. Über die Jahre hinweg ist es ihm gelungen, dem Zuhörer ästhetische Maßstäbe zu vermitteln. Die größte Herausforderung bestand immer darin, Verschlossenheit und Entfremdung zu überwinden. Inzwischen hat er eine Vielseitigkeit erlangt, mit der er gleichermaßen zu beeindrucken wie zu verwirren vermag, ohne dabei jemals die Grundidee, die Suche nach dem Traum, aus den Augen zu verlieren, die für ihn eng mit der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen verbunden ist.

Roter Faden Widerstand

Wie ein roter Faden zieht sich der Widerstreit zwischen Kunst und Realität durch Marcel Khalifes Werk: „Eine Strophe oder ein Gedicht allein können nichts ausrichten. Nur durch eine gewisse Ausdauer lässt sich so etwas wie ein Verlangen bei den Menschen erreichen. Parteien sind wichtig, sie sind wie eine Schule der Menschlichkeit. Es muss so etwas wie eine Streitkultur geben“, sagt er.

Khalife gelang es auch, die technischen Grenzen der Oud, der orientalischen Kurzhalslaute, zu überwinden. Er befreite sie von ihren klassischen Fesseln, ließ dem Spiel freien Lauf, woraufhin sich die Oud als ausgesprochen vielseitiges Instrument entpuppte. Dadurch gelang ihm ein kreativer und ästhetischer Brückenschlag zwischen den Instrumenten des Orients und den Instrumenten der westlichen Welt.

Khalife hat das altbekannte Fahrwasser der orientalischen Musiktradition verlassen, ohne dabei den Respekt vor dem Althergebrachten zu verlieren. Seine Texte sind von hoher Poesie, die Musik ist aber auch nicht das manische Echo der Textzeilen. Sein Anliegen war und ist eine bewusste musikalische Umsetzung des Textes: „An die Textstrophen gehe ich in erster Linie als Musiker heran. Ich weigere mich, der Musik den Takt der Reime überzustülpen. Bevor ich einen Text bearbeite, suche ich zunächst die musikalische Inspiration, die mir der Text gibt.“

Freiheit hängt mit Heimat zusammen

„Wenn die Schutzfunktion der Kultur wegfällt, bricht alles zusammen. Solange wir noch die Kultur haben, an der wir festhalten können, besteht Hoffnung.“ Dementsprechend ausführlich setzt sich Marcel Khalife in seinem Werk mit dem Schicksal der Araber und insbesondere der Palästinenser auseinander.

Seine Kunst ist eine eigenen Form des Widerstands: „Wenn ich nach einer neuen Strophe suche, ist das ein Kampf, eine Art Widerstand. Auch wenn ich etwas für die Oud schreibe, bedeutet das zu kämpfen. Widerstand lässt sich ja nicht bloß explizit zum Ausdruck bringen. Als es Granaten auf Beirut hagelte, schrieb ich zum Beispiel ‚Ich sehne mich nach dem Brot meiner Mutter, nach dem Kaffee meiner Mutter.’“ Die enge Verbundenheit zu den Palästinensern kommt nicht von ungefähr: Das Elend der Palästinenser steht, in seinen Augen, für das Elend der Menschheit. Menschliche Freiheit hängt für ihn mit Heimat zusammen: „Wir singen nicht bloß für ein Land. Ein Land ist nichts weiter als ein Stück Boden, wenn keine Menschen dort leben. Kunst und Kultur haben ganz konkret mit dem Seelenleben der Menschen zu tun. Der Kampf hat also verschiedene Facetten, denn wenn ich will, dass ein unterjochtes Land seine Freiheit wieder bekommt, dann geht es mir auch um die Freiheit der Menschen, die dort leben.“


Nasser Ibrahim
, palästinensischer Autor und Wissenschaftler, Leiter des Alternative Information Center (aic), Verfasser mehrerer Kurzgeschichten und Bücher zu politischen und gesellschaftlichen Themen





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Übersetzung: Andreas Bünger

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16:00 10.09.2011

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