Wir spielen ihr Leben

Dokumentartheater OST-Arbeiter Eine multinationale Truppe zeigt in einem Berliner Bunker ein Stück nach Lebensgeschichten ehemaliger Zwangsarbeiter

Samstag Abend, Berlin-Gesundbrunnen, am Eingang des alten Luftschutzbunkers sammeln sich Leute. Auf der Straße Verkehr, Begrüßungen, Plaudern. Aus der Tür schauen junge Leute auf die Wartenden, auf ihr Publikum, und irgendwann rufen sie es herein. Sie wissen, dass das Plaudern schnell verstummen wird: schon auf der Treppe hinunter, wenn kalte, staubige Luft ihnen entgegenschlägt. Auf diesen Effekt scheinen sie immer wieder gespannt zu sein. Die Spannung verlässt von nun an niemanden mehr, weder Spieler noch Zuschauer.

Vor mehr als 60 Jahren nach Deutschland verschleppte Fremdarbeiter haben ihre Biografien erzählt, Marina Schubarth war die Zuhörende, oft die erste in ihrem Leben. Über sie wurden geschwiegen, in Deutschland und in der Sowjetunion. Sie erzählen einfach, in ihrer Ruhe und Bescheidenheit liegt eine tiefe Trauer. Die kommt ohne Anklage aus. Wer sich auf ihre Trauer einlässt, wird nicht an den Pranger gestellt, sondern mit aufgenommen. Die Erzählenden beschuldigen nicht Nationen, sie haben auf ihren langen Wegen erlebt, dass Faschisten in allen Sprachen brüllen können. Aus eigener Erfahrung wissen sie, dass Menschen immer noch wählen können, wie sie sich verhalten. Sie lassen die guten Deutschen nicht aus, die ihnen begegneten, Bauern, Soldaten, Wachleute. In ihren Erzählungen ist nicht einmal Platz für Pathos geblieben, höchstens wenn sie in der Beschwörung enden: Nie mehr! Nur kein Krieg! Nirgendwo auf der Welt.

Ihre Geschichten beginnen mit der Kindheit, die abbricht. Nicht, dass ihr Leben einfach gewesen wäre. Hungersnöte nach der Kollektivierung in der Sowjetunion werden erinnert. Dennoch war es Kindheit mit einem Zuhause, Nachbarn, Schulen. Unter den Ost-Arbeitern waren Hunderttausende nicht älter als 13 oder 14, heute sind zumeist nur sie noch am Leben und können erzählen. Der Krieg traf im Juni 1941 die Sowjetunion mitten in ungeheuren sozialen Umwälzungen. Er war dort von Anfang an eine Katastrophe, anders als für die Deutschen, die noch eine ganze Weile glauben konnten, für sie werde alles gut ausgehen.

Dann kommt in den Erzählungen immer der Augenblick, in dem sie eingefangen und ins Unbekannte abtransportiert wurden. Über sechs Millionen Fremdarbeiter aus ganz Europa und Millionen Kriegsgefangene haben während des Zweiten Weltkrieges die deutsche Wirtschaft aufrecht erhalten. Der größte Teil kam aus dem Osten. Als der Krieg zu Ende war, zogen sie in ihre Heimatorte zurück, oft zu Fuß, über "verbrannte Erde", wie sie die Wehrmacht systematisch und erfindungsreich beim Rückzug hinterlassen hatte. Doch als sie endlich ihre hungernden Familien wiederfanden - auch der Hunger hatte in der ausgebluteten Sowjetunion viel schrecklichere Dimensionen als der im "untergegangenen" Deutschland - krochen die KGB-Leute aus ihren Löchern, belegten alle mit dem Generalverdacht der Kollaboration und schickten unendlich viele erneut in Lager.

Von allen Opfern des Stalinismus waren sie in der Sowjetunion die letzten, die rehabilitiert wurden, endgültig erst 1990. Sie hatten keine "Lobby", keine Organisation mit Einfluss hinter sich. Sie waren nur Millionen Einzelne: die einfachen Menschen, die gebraucht werden wie das Salz der Erde, über die man verfügt - als Sklaven, als treue Rückkehrer, zuletzt als "Verräter", die in den großen Lagern der Sowjetunion das abarbeiten sollten, was sie dem Feind als Arbeitskraft an Nutzen gebracht hatten. Über sie herrschte Schweigen, dort wie hier. Dass ihnen die deutsche Wirtschaft etwas schuldet, mindestens den realen Betrag für die von ihnen geleistete Arbeit, wurde erst ein Thema, als die meisten nicht mehr lebten. Doch allein in der Ukraine sind es immer noch 450.000 alte Leute mit einer Einheitsrente von umgerechnet 30 Euro pro Monat.

Die Berliner Theatertruppe besteht aus fast 40 Mitgliedern, sie kommen aus neun Ländern, aus Deutschland Ost und West, aus vielen Teilen Russlands, der Ukraine, aus Dagestan, Kasachstan, Weißrussland, Serbien, Polen, Bolivien. Sie spielen ohne Honorar jeden Samstag seit mehr als zwei Jahren. Das Theater wurde gegründet von der Choreografin Marina Schubarth, von allen Maritschka genannt, und der Regisseurin Natalja Bondar - Natascha. Neben einigen professionellen Schauspielern sind die meisten Mitspieler Schüler oder Studenten. Das Thema OST-Arbeiter, das ihnen erst allmählich immer näher rückte, aber auch die Zuneigung der Mitspieler und die wunderbare Atmosphäre in der Gruppe binden sie. Sie spüren, wie sich ihr Horizont erweitert und sie zugleich etwas Wertvolles tun, indem sie anderen helfen. Das alles entsteht in ihren eigenen Erzählungen, denen der Schauspielerin Momo Schwanke, des Geigers Marcello Tarraga aus Bolivien, des Schauspielers und Punkers Sven "Lenin" Hoffmann aus dem Oderbruch, der Schülerin Djamila Dadajewa aus Dagestan und in der Beschreibung von Natascha, der Regisseurin.


Das Berliner Publikum ist am Grund des Bunkers angekommen. Im Halbdunkel der Gänge sind große Fotoporträts leicht angestrahlt: Gesichter von jungen Männer und Frauen, manchmal mit dem Zeichen "OST" versehen. Die Besucher begreifen, dass sie sich Platz an den getünchten Wänden suchen müssen und rücken zusammen. Zehn oder zwölf Mädchen und Jungen beginnen, ein altes russisches Volkslied zu singen. Unter ihnen auch jene, die eben das Publikum hereingeholt hatten, sie verwandeln sich in die Jugendlichen von damals, indem sie ein Tuch um den Kopf binden. Ihr Gesang ist schön, man betrachtet sie im matten Licht. Das Geräusch eines einfahrenden Zuges, zwei Wachleute rufen ihre Namen auf und treiben sie in die imaginären Waggons, Angst, Hast und Grobheit, die auf die Zuschauer übergreift, denn sie werden in den nächsten Raum kommandiert. Widerstrebend folgen sie dem Kommando ins Innere des Luftschutzbunkers.


Momo

Sie spielt in Theatern und Filmen, singt, geht mit ihrer Band auf Tournee, ist Anfang 30, in Cottbus aufgewachsen, hat in Berlin Schauspiel studiert.In diesem Stück trägt sie die Lebensgeschichte der einstigen OST-Arbeiterin Soja Kriwitsch aus Kiew vor. Sie erzählt sie in mehreren Etappen, in verschiedenen Räumen des Bunkers, durch die das Publikum geführt wird, vorbei an Reihen von Arbeitenden, die in einer Choreografie, von Geräuschkulissen begleitet, unter der Aufsicht der beiden uniformierten Wachleute die monotonen Stationen ihres Sklavenlebens ablaufen lassen.

In der Rolle der Zwangsarbeiterin eine Deutsche zu sehen, war eine Sekunde lang ein Schock für sie

"Ich habe die Soja Kriwitsch fernab von Wertungen gespielt, denn nur so ist das Publikum in der Lage, sich zu öffnen, es anzunehmen und darüber nachzudenken, gerade die Deutschen, die ihre Geschichte mit sich herumtragen wie einen Buckel. Die Inszenierung von Maritschka finde ich schön: so offen, sparsam, da bleibt viel Platz für Gedanken und für Gefühle - besser hätte man das Thema nicht anpacken können.

Der Bunker hat selbst schon einen großen Anteil an der Wirkung. Der Gang nach unten, diese Kühle, der Geruch, beeinflusst die Psyche der Zuschauer. Und wenn sie unten im ersten Raum ankommen, in dem sie empfangen werden, merkt man, dass sie jetzt schon sehr sensibel und aufmerksam sind, ganz wund. Mit dem Lied kriegen wir das Publikum auf unsere Seite, es merkt, hier ist es nicht gefährlich und bedrohlich - das kommt erst später. Es ist wichtig, den Leuten nicht zu sehr auf die Füße zu treten, nicht zu moralisch zu werden.

Eines Tages besuchte Soja Kriwitsch mit anderen OST-Arbeitern aus der Ukraine, die damals in Berlin arbeiten mussten, unser Theater. Als wir anfingen zu singen, weinten sie. Es war für uns sehr schwer, nicht auch zu weinen. Aber wir hörten, was die Zwangsarbeiterinnen in den Gängen sagten: Sieh mal, da bin ich! Und das Seltsame: das sagten sie in dem Moment nicht mit Trauer, sondern mit Freude, sich wiederzuerkennen als junge Mädchen. Es ist ein Polizeifoto, aber sie sehen sich als junger Mensch, finden sich schön, und es machte sie froh. Das fand ich absurd oder - groß. Großzügig.

Nach der Vorstellung nahmen sie uns in den Arm, sagten, wir seien ihre Kinder, bedankten sich dafür, dass sie sich in dem Stück in der schlimmsten Phase ihres Lebens wiedererkannt haben. Überhaupt ist es unglaublich, wie sie drüber stehen. Die haben so verziehen, allem so verziehen, sie haben ein ganz großes Herz.

Als sie merkten, dass ich keine Russin bin, sondern Deutsche, waren sie sehr irritiert. In der Rolle einer Zwangsarbeiterin eine Deutsche zu sehen, war eine Sekunde lang ein Schock für sie. Ich glaube, sie dachten, eine Deutsche kann das nicht fühlen und nicht gut spielen. Dann fanden sie es sehr interessant, dass sich die Kulturen bei uns so mischen. Sie fanden es sogar ideal.

Soja Kriwitsch hielt mich in der Taille gefasst und ließ übersetzen, dass sie mich schön finde. Ich sagt ihr, ich hätte große Achtung vor ihrem Mut und ihrer Kraft. Sie wollte wissen, wie ich lebe, was ich mache, wie meine Kinder heißen, mein Mann, wie man Geld verdient. Eine sehr feine Frau, sie war Lehrerin geworden. Dann haben wir abwechselnd gesungen und unablässig getoastet. Sie wollten mehr von uns wissen als umgekehrt. Wir kannten ja ihre Geschichte.

Nach diesem Besuch wollte ich den Zuschauern mitteilen, dass Soja Kriwitsch selbst hier, im Bunker, war. Ich sprach den letzten Satz, packte den Brief weg und sagte: Das sind Erinnerungen von Soja Kriwitsch, die vor zwei Tagen hier vor mir stand. Da sah ich, wie die Leute erschraken, wie sie auch weinten, das war ein ganz großer Moment. Von da an zählte ich: vor vier Tagen, vor zwei Wochen, vor zwei Monaten.

Durch das Hauptthema des Zweiten Weltkrieges, den Holocaust, ist es schwer, davon zu sprechen, dass auch Sinti, Roma und sehr viele Russen vernichtet wurden. Bei den OST-Arbeitern gehörte dazu noch das quälende Bewusstsein, die Kriegswirtschaft des Gegners in Gang gehalten und Granaten gedreht zu haben, die auf die eigenen Leute abgeschossen wurden. Schlimm, wenn sich der Kreis so grausam schließt. Doch manchmal gab es auch Hilfe von Deutschen, anständiges Verhalten. Darauf zu stoßen, das ist ein sehr angenehmer Moment.

Als Maritschka mich fragte, ob ich die Lebensgeschichte einer OST-Arbeiterin vortragen würde, habe ich sofort ja gesagt. Sie ist eine alte Freundin, aber das war nicht der einzige Grund. Ihre minimalistischen Choreografien mag ich sehr, sie zeigt mit kleinen Bewegungen Bilder, die leicht bleiben und trotzdem viel mitteilen. Ich habe auch das Thema mit ihr verfolgt. Sie hat viel von den Reisen erzählt, sie fährt wirklich von Dorf zu Dorf und bringt den Leuten das Geld persönlich ins Haus. Für ihr Engagement hat sie die Carl-von-Ossietzky-Medaille bekommen. Sie kann Türen einrennen, wenn sie merkt, dass Menschen ungerecht behandelt werden.

Den Kern der Gruppe bilden die Jugendlichen, die Kinder, wie ich sie nenne. Als ich dazu kam, sah ich, wie die Mädchen in den Pausen einander das Haar kämmten, die Zöpfe flochten, dabei sangen - richtige Mädchen. Wenn es um die Arbeit ging, waren sie sehr ernsthaft, wollten das fühlen und unbedingt begreifen, was es bedeutet hat, deportiert zu werden zur Zwangsarbeit. Sie identifizieren sich stark.

Ich mache auch deshalb mit, um die professionelle Seite zu stärken, um vor allem die Probenarbeit nicht dem Jugendtheater zu überlassen. Zuerst dachten wir, das Stück nur eine Woche lang zu spielen. Aber es schlug ein. Der Bunker stand uns zur Verfügung, der Verein Berliner Unterwelten e.V. gab ihn uns frei. Ich glaube jetzt manchmal, wir werden das Stück ewig spielen, in wechselnder Besetzung, aber es wird weiter gehen."


Erinnerungen von Soja Kriwitsch

Aus dem Text im Theaterstück

Ich würde gern alles vergessen, aber es ist unmöglich. Nie werden ich den Verrat meiner Lehrerin vergessen, die dem deutschen Arbeitsamt in Lwow die Liste ihrer Schüler brachte. Die Polizei erschien daraufhin bei uns mit dem Befehl, an einem bestimmten Tag am Lwower Platz zu sein. Am 15. Mai 1942 fuhren wir nach Deutschland ab. Im Waggon herrschte eine unglaubliche Enge. Kein Essen, kein Trinken. Als Toilette diente ein vom Boden entferntes Brett. Es war so demütigend.

Die erste Station war in Polen, wo die Deutschen sich um unsere "Hygiene" kümmerten. Uns 14 bis 16-jährige Mädchen zog man nackt aus. Alle weinten, schrieen, hatten furchtbare Scham und Angst. Wir wurden überall mit irgend einer Flüssigkeit beschmiert. Die gleiche Prozedur erwartete uns in Deutschland.

Wir kamen in die Stadt Magdeburg. Dort standen wir wie auf einem Basar, wo man Vieh verkauft. So da zu stehen, war entsetzlich. Ich kam in die Pulverfabrik der Stadt Schönebeck. Zusammen mit uns gab es Häftlinge anderer Nationalitäten, der Umgang mit ihnen war aber ganz anders, als mit uns. Unsere OST-Baracke war auch als einzige hinter Stacheldraht. Jeden Morgen marschierten wir unter Bewachung mit Gewehr in die Pulverfabrik. Wir waren vor Hungergefühl und Schlafmangel völlig apathisch geworden und dachten nicht einmal an die Gefahren durch den Sprengstoff. Verbrannte Hände, kaputte Augen, die anschwollen und brannten - das war hier normal geworden. Die Haltung der Deutschen zu uns verschlechterte sich dramatisch, als die Schlacht von Stalingrad entschieden war.

Später konnte keine von uns, die diese Hölle durchgemacht hatte, mit Gesundheit prahlen. Alle blieben wir ein Leben lang krank. Unser Albtraum endete 1945. Aber die Freude blieb nur kurz. Im Mai des selben Jahres passierten wir die "Filtration", grauenhafte Verhöre, Beschimpfungen. Weil ich in einer Pulverfabrik gearbeitet hatte, verboten sie mir, die Stadt Kiew, wo meine Eltern lebten, zu betreten. Ich durfte mir einen Ort im Radius von 100 Kilometern von Kiew entfernt aussuchen. So hat mich meine Heimat empfangen!

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00:00 06.05.2005

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