Wir Tiere

(R)evolution Die Unterscheidung in Mensch und Tier wird immer stärker angezweifelt. Ein völlig neues Weltbild entsteht
Andrea Roedig | Ausgabe 45/2013 79

Auf Youtube gibt es extrem viele Tier-Videos zu sehen. Neben den bekannten und auch oft weit oben platzierten Clips über abwechselnd süße oder böse Katzen ist auch jenes Genre sehr beliebt, in dem gezeigt wird, was Tiere so alles können. Gibt man der Elefantendame aus einem thailändischen Zoo zum Beispiel einen Pinsel in den Rüssel, malt sie abstrakte Bilder – aber auch erschreckend treffsichere Porträts ihrer Artgenossen. Zu sehen sind Hunde, die den Tod vorhersagen können oder Dokumentationen über Krähen in Tokio, die mithilfe von Autos Nüsse knacken. Sie legen die Nüsse auf Zebrastreifen oder vor rote Ampeln, weil dort die Autos langsamer fahren und die Vögel hinterher besser an die Nahrung herankommen.

Diese kleinen Filme erinnern entfernt noch an alte Zirkusattraktionen und die wahrscheinlich noch ältere Faszination, Tiere auf spezielle Fertigkeiten abzurichten. Sie weisen aber auch darüber hinaus: Sie spiegeln ein jüngeres und echtes Interesse an der Intelligenz unserer animalischen Genossen wider. Rabenvögel biegen Drähte zu Werkzeugen; grüne Meerkatzen warnen sich mit sehr spezifisch variierten Lauten vor Feinden. Und es gelang auch, einem Border-Collie die Namen von rund 200 Gegenständen beizubringen. Als man dem Hund einen ihm unbekannten Begriff nannte, holte er einen neuen Gegenstand hervor. Offenbar konnte er nicht nur Gelerntes zuordnen, sondern auch auf Unbekanntes schließen, wie Markus Wild, Professor für theoretische Philosophie an der Universität Basel, in seinem Buch Tierphilosophie nahelegt.

Es ist eigenartig: In diesen biologistischen Zeiten, in denen die Genetik und die Hirnforschung die hehre menschliche Freiheit zum rein physiologisch bedingten Zustand zurechtstutzen und behaupten, Tun und Lassen seien von Hirnaktivitäten und evolutionärer Vererbung im Vorhinein festgelegt, fängt man an, bei den Tieren immer mehr Fähigkeiten zu entdecken. Die Spezies nähern sich an. In manchen Forscherkreisen, zum Beispiel bei den Biologen und Verhaltensforschern, ist es mittlerweile üblich, nur noch von „menschlichen“ und „nicht-menschlichen Tieren“ statt von Menschen und Tieren zu sprechen. Das klingt zunächst nach einem terminologischen Verschiebemanöver. Aber dahinter steckt eine Haltung, die unser Weltbild ziemlich auf den Kopf stellen könnte: Wir sind eben alle nur Tiere.

Ein Ebenbild Gottes

Jahrtausendelang hat die abendländische, jüdisch-christlich geprägte Tradition den Mensch in Abgrenzung zum Tier bestimmt. Meist geschah das über Merkmale, die uns vor dem Tier auszeichnen. Wir sind fähig zur Kultur, zur Religion, haben eine Seele, einen Geist. Der Mensch ist, biblisch gesprochen, „nach dem Ebenbild Gottes geschaffen“. Ein Wesen, das spricht, das denkt, das „Ich“ sagen kann.

Aber all diese Definitionen, die sich auf einen prinzipiellen Unterschied zwischen Mensch und Tier berufen, verlieren aus einer sich verändernden Perspektive die Grundlage. Man findet, wenn man nur genau hinschaut, so etwas wie Sprache auch bei Tieren, Werkzeuggebrauch sowieso und soziales Lernen. Tiere haben Absichten, Gefühle, Schmerzen. Und wenn ein Schimpanse, wie in einem Test geschehen, zeigt, dass er sich in einem Spiegel erkennt, hat er dann nicht auch eine Vorstellung vom Ich? Diese und andere Fragen drängen immer mehr ins Zentrum.

Zwar hat es die Menschen schon immer fasziniert, Tiere zu beobachten. Doch die Ethologie, also die Verhaltensforschung als ein Teilgebiet der Zoologie und eine Nachbardisziplin der Psychologie, ist noch nicht sehr alt. Man könnte Charles Darwin als den Urvater der Ethologie sehen, doch eine sogenannte Tierpsychologie entwickelte sich erst in den dreißiger Jahren. Lange erklärte man das Verhalten der Tiere als eine Mischung aus Reflexen, klassischer Konditionierung und Instinkten.

In den letzten zwanzig, dreißig Jahren hat sich allerdings einiges verändert: Man begann damit, Tiere ungleich intensiver zu erforschen. Dabei haben sich die Wissenschaftler erstmals auch auf sogenannte kognitive, also denkerische Fähigkeiten konzentriert. Ihnen ging es nicht darum, was oder wie viel man Tieren beibringen kann oder worauf sie abzurichten sind. Sondern ob man ihnen „geistige Zustände“ zuschreiben kann. Also ob Tiere auch Absichten haben und zu komplexeren Lernvorgängen fähig sind. Das hat nun mit Konrad Lorenz und seinen berühmten Untersuchungen zur Prägbarkeit von Graugänsen nur noch wenig zu tun. Und gar nichts mehr mit den Experimenten des russischen Mediziners Iwan Pawlow zum Speichelflussreflex bei Hunden. Das mechanistisch-behavioristische Forschungsparadigma hat sich überlebt.

Wie weit der Wandel in der wissenschaftlichen Haltung gehen kann, lässt sich kurzweilig in Der Affe und der Sushimeister des Primatenforschers Frans de Waal nachlesen. Darin plädiert der Niederländer, die Kategorien Natur und Kultur neu zu bestimmen. Gemeinhin versucht ja die Forschung, sich mit objektiven Methoden gegen die Gefahr eines Anthropomorphismus zu wappnen, also gegen die Tendenz, menschliche Gefühle und Kategorien auf Tiere zu übertragen. Aber ohne diese Einfühlung und ohne einen reflektierten Anthropomorphismus werden wir nichts über Tiere herausfinden, widerspricht de Waal.

Wir müssen uns den Tieren ähnlich machen, sie als verwandte Wesen begreifen, sagt de Waal. Folglich billigt er Primaten auch Kulturleistungen zu, spricht von einer „tierischen Kultur“. Belegen kann de Waal solche Thesen beispielsweise mit den berühmten japanischen Makaken. Die den Meerkatzen verwandten Tiere haben sich angewöhnt, Süßkartoffeln in Salzwasser zu waschen. Das ist kein ihnen angeborener Instinkt, sondern eine erlernte Gewohnheit, die innerhalb der Population weitergegeben wurde.

Es gab im Laufe der Philosophiegeschichte immer auch tieraffine Theorien. Michel de Montaigne fragt sich in seinen Essais, ob eigentlich er mit seiner Katze spiele oder nicht eher die mit ihm. Julien Offray de la Mettrie, Verfasser von L’Homme Machine, fand den Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht allzu gravierend, und Arthur Schopenhauer beschwor universelles Mitleid mit der Kreatur. Doch solche Positionen waren eher vereinzelt. Jetzt erst haben sich die Kräfteverhältnisse wirklich verschoben. Und zwar nicht nur in den einflussreichen Kulturwissenschaften, die mit der Postmoderne gleich den Posthumanismus ausgerufen haben, der prinzipiell Mensch und Tier, vor allem aber Mensch und Maschine fröhlich in einen Topf wirft. Seit dem Jahr 2009 gibt es in Münster ein Institut für Theologische Zoologie, und auch als im vergangenen Jahr die populärste österreichische Philosophie-Tagung, das Philosophicum Lech, sich dem Thema Tier widmete, waren sich die meisten der Vortragenden einig, dass das zweigeteilte Weltbild der traditionellen Anthropologie nicht mehr haltbar ist. Man dürfe den Menschen nicht mehr wie gewohnt als Krone der Schöpfung sehen, sondern als einen Teil im weitverzweigten Netz der evolutionären Artentwicklung. Wir müssten den Spieß also umdrehen und den Menschen nicht durch eine „differentia specifica“ zum Tier definieren, sondern eher die Ähnlichkeiten sehen.

Der Schmerz der Fische

Diese Sichtweise hat gravierende Folgen für die ethischen Maßstäbe. Denn die angebliche Vorrangstellung des Menschen und das biblische Gebot „Macht euch die Erde untertan“ waren immer auch gut, Tiernutzung und Tiertötung moralisch zu rechtfertigen. Als in den neunziger Jahren die heute in Mannheim lehrende Philosophin Ursula Wolf als eine der Ersten eine fundierte Tierethik publik machte, wurde sie belächelt. Heute gibt es sogar eine Zoopolitik, also eine Theorie, die Tiere als Staatsbürger versteht, und niemand lacht mehr.

Eine sehr bodenständig-vernünftige Form jener Tierphilosophie vertritt auch der schon erwähnte Markus Wild. Er propagiert eine „zoologische Wende in der Anthropologie“: Man solle keinen Unterschied mehr, sondern ein Kontinuum zwischen „nicht menschlichem“ und „menschlichem Tier“ annehmen. Dabei geht es nicht um Gleichmacherei. Wild kritisiert plumpe Tierschutz-Propaganda, in der etwa wie auf einem Plakat der Tierschutzorganisation PeTa ein Mensch mit Angelhaken in der Wange zu sehen ist. Darunter der Spruch: „How would you like it?“ Das ist ihm zu einfach.

„Es geht ja nicht darum, ob sich der Schmerz für den Fisch gleich anfühlt wie für uns. Der Fischschmerz ist vermutlich sehr anders, aber das heißt eben noch lange nicht, dass er nicht weh tut“, sagt Wild. Für die „Eidgenössische Ethikkommission im Außerhumanbereich“ hat er im Jahr 2012 ein Gutachten über Bewusstsein und Schmerz bei Fischen erstellt. Darin argumentiert er anhand von Forschungsergebnissen, dass Fische kognitiv wesentlich anspruchsvollere Wesen sind als angenommen. Das alte Bild vom Fisch als einer bloß fühllosen Reflexmaschine ist überholt.

Aus dieser gewandelten Sicht ergeben sich heikle Fragen. Wenn Fische vielleicht doch Schmerz empfinden, darf man sie in Schleppnetzen mitreißen oder bei der Hochseefischerei einfach ersticken lassen? Wie weit darf man überhaupt Tiere für menschliche Zwecke benutzen? Darf man den Hühnern routinemäßig die Schnäbel kürzen, Kälber enthornen, Abertausende männliche Eintagsküken töten, weil sie für die Fleischproduktion nicht zu verwenden sind? Reicht es, dass wir Tieren so wenig Leid wie möglich antun, oder haben wir sogar in bestimmten Fällen die Pflicht, uns aktiv einzusetzen, Rechte für sie einzuklagen? Es gibt keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen, wohl aber die harten Kontroversen zwischen Tierschützern und der Pharma- und Lebensmittelindustrie.

Dass man heute anders über Tiere denkt, hat natürlich auch mit unserem veränderten Leben zu tun, das sich oftmals von der Landwirtschaft weit entfernt hat. Die Masse der Hühner, Kühe, Schweine verschwindet in den Fabriken der Fleischindustrie, bestens abgeschottet, wie man eindrücklich in Jonathan Safran Foers Bestseller Tiere essen nachlesen kann. Wir begegnen dem Nutztier vornehmlich als abgepacktem Steak, lebendig sehen wir nur noch das Haustier, also den Wohngenossen, den Freund. Auch das ändert ein Weltbild.

Neue ethische Fragen

Auf der Berlinale im Frühjahr lief der Dokumentarfilm Unter Menschen von Claus Strigel und Christian Rost, der kürzlich auch beim Wissenschaftsfestival „Pariscience“ den Hauptpreis gewann. Er handelt von schwer traumatisierten Schimpansen, die fast 20 Jahre als Versuchstiere der AIDS-Forschung dienten und denen die Firma Baxter in einem verwilderten Safari-Park an der österreichisch-slowakischen Grenze eine Art Altenheim errichtet hat. Jeden Tag kommen Pflegerinnen, um die aggressiven, verhaltensgestörten Tiere zu versorgen, zwei Frauen kennen die Affen noch aus Laborzeiten.

Der Film ist verwirrend. Ist es human oder nur zynisch, den – in diesem Fall – sinnlos von der Forschung vernutzten Tieren einen geruhsamen Lebensabend zu schenken? Was bedeutet es, wenn sorgende Tierpflegerinnen (wo sind die männlichen Forscher?) ihr Leben der Alterspflege von verrückten Schimpansen widmen? Stimmt das Verhältnis, während in Bangladesch Näherinnen in Textilfabriken verbrennen?

Die Frage ist falsch gestellt. Sie ist geboren aus der Perspektive einer hierarchischen Unterscheidung zwischen Mensch und Tier. Genau die aber steht auf dem Prüfstand. Wenn man sich zunehmend über die Rechte von Tieren Gedanken macht, ist das keine falsche Zärtelei, sondern Zeichen eines moralischen Fortschritts, finden die Tierethiker. Das neue Denken denkt nicht in Ausschlüssen, sondern in Eingemeindungen, es verfährt nicht exklusiv, sondern inklusiv. Fortschritt wäre also, die Gruppe der Wesen, denen gegenüber wir uns moralisch verhalten müssen, immer mehr zu erweitern.

Man muss wohl nicht extra daran erinnern, dass Sklaven, Frauen und Farbige die längste Zeit der Geschichte nicht als vollwertige Mitglieder der Gruppe homo sapiens und nicht als rechtsfähig galten. Die großen binären Unterscheidungen wie die zwischen Mann und Frau, schwarz und weiß, Mensch und Tier dienen immer dazu, Hierarchien zu zementieren, lautet das Argument. Der Tierethiker Peter Singer spricht daher in Bezug auf die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier auch von einem „Speziesismus“, also einem Rassismus, der eine einzige Gattung der Lebewesen über andere stellt.

Es ist nur konsequent, dass in demokratisch gesinnten Zeiten die Große Differenz auf dem Müllhaufen historisch obsoleter Ideen landet. Man will jetzt Differenz ohne Hierarchie, betont Unterschiede, nicht das angebliche Wesensmerkmal, man denkt in Kontinuitäten, nicht in Brüchen. Das neue Leitbild, auch für die Evolution, ist das Netz, nicht der Baum mit seinem Oben und Unten.

So weit, so unbestreitbar. Stutzig machen könnte nur, dass dieses Bild so glatt durchgeht. Es ist, als wollten wir etwas verschweigen, etwas nicht zugeben. Als hätten wir Angst, in Hierarchien zu denken, weil wir wissen, dass wir ohne sie nicht leben werden. Es gibt heute offenbar keine plausible Begründung mehr für Hierarchie – außer der Macht. Und die bleibt. Denn wir werden nicht aufhören, Tiere zu essen, aber uns vielleicht auf das Fleisch von glücklichen Hühnern, Kühen, Schweinen beschränken. Wir werden weiter in Konsumräuschen schwelgen, aber vielleicht einen Teil der Waren fairtrade kaufen. Wir stürzen den Kapitalismus nicht, aber fordern Mindestlöhne. Wir öffnen keinesfalls Europas Grenzen, aber bauen bessere Sanitäranlagen auf Lampedusa. Wir nutzen weiter Tiere für die Forschung, aber danach spendieren wir ihnen ein Altenheim. Wenigstens das.

Dieser Text ist Teil des Wochenthemas. Lesen Sie auch "Von Krebsmäusen und Öko-Terroristen"

06:00 20.11.2013
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 79

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar