Wir tragen sie mit den Ohren

Alltag Eine kleine Kulturgeschichte der Brille

Dioptriengenau geschliffene Gläser in Kunststoff, Metall- oder Titanfassungen liegen leicht auf unseren Nasen und werden aufgrund der Bügel von den etwas weiter entfernten Ohren gehalten. Wie selbstverständlich betrachten wir durch unsere Ohrenbrille das Liebesspiel der Flöhe, den Balzflug des Albatros oder das emsige Arbeiten der Waldameise. Ein einwandfreies Abbild der Realität, brillant und in Farbe.
Doch lange rang die Menschheit um diese Erfindung. Sehbehinderte Mätressen schliefen mit hässlichen Fürsten. Bauern zertrampelten ihre eigene Ernte. Soldaten mussten hingerichtet werden, weil sie immer wieder Kameraden erdolchten. Unzählige Menschen prallten bei Arbeit und Freizeit an Bäume und Pfosten und verletzten sich dabei schwer. Ein jämmerliches Bild, das aber niemand so richtig sehen konnte. Der Mensch ohne Kontur, ein verschwommenes Wesen, vom Hintergrund oft nicht zu unterscheiden?
Erst um das Jahr 1000 nach Christus entdeckte der Araber Ibn al Haitan, auch Alhazen genannt, die Möglichkeit, konvex geschliffenes Glas als Sehhilfe zu verwenden. Sein Werk Der Schatz der Optik wurde ins Lateinische übersetzt und dort zum Bestseller unter den Mönchen, die fortan fleißig aus dem Halbedelstein Beryll Lesesteine schliffen. Diese Lesesteine wurden mit der flachen Seite auf die Schrift gelegt, die sich dadurch vergrößerte und lesbar abbildete. Dem Beryll verdankt die Brille auch ihren Namen: Brille.
Etwa 300 Jahre später gingen bei den venezianischen Glasbläsern Sehhilfen in Serie. Geschliffene Gläser wurden in Horn, Eisen oder Holz gefasst und mit einem Stiel versehen. Die wenigen, die sich das leisten konnten, hielten sich diese Stiele vors Gesicht und blickten sich staunend an. Am Ende der kleinen Stange waren zwei Gläser (Brille) oder ein Glas (Bril) angebracht.
Als im Jahr 1445 der Buchdruck erfunden wurde, stieg die Nachfrage nach Brillen oder Brils stark an, aber bis zur Erfindung der Ohrenbrille, wie wir sie heute mit Stolz tragen, vergingen noch weitere 500 Jahre.
Die Sehbehinderten zwängten ihre Köpfe in Klemmbrillen, deren Bügel sich an die Schläfen pressten. Dadurch hatten sie zwar die Hände frei, litten aber unter starken Schmerzen. Unzählige Dichter schufen tragische Werke unter dem Joch der Klemmbrille.
Manche trugen eine Fadenbrille, die die Gläser mit einem Faden an die Augen schnallte. Auch unter dem Joch der Fadenbrille entstanden große Kunstwerke. Stabilere Modelle waren Bandbrille (ein Lederband mit Gläsern) und Stirnreifenbrille (ein Stirnreifen mit Gläsern). Viele trugen auch einen Zwicker, der auf die Nase geklammert wurde, was den Trägern und Trägerinnen den Vorwurf des Näselns einbrachte.
Speziell für die Damen gab es die Mützenbrille, zwei Gläser an der Krempe befestigt. Die Herren eigneten sich für die Mützenbrille weniger, da sie Hüte trugen, die zum Gruße stets gelüftet werden mussten.
Erst im Jahr 1782 wurde die Ohrenbrille, unser heutiges Modell, erfunden.
Aber zunächst kam das Monokel in Mode. Das Monokel verlieh dem Träger, auch der Trägerin, ein verschmitztes, wenngleich auch leicht verkniffenes Aussehen. Die Sportlichen unter den Monokelträgern bewiesen häufig ihr Geschick, indem sie pointiert das Auge aufrissen und das Monokel in die Brusttasche hineingleiten ließen. Unter diesen Umständen hatten die Ohrenbrillenträger das Nachsehen. Ihre Brille setzte sich erst 100 Jahre später durch.
Die Kontaktlinse kann als rechtmäßige Nachfolgerin des Monokels betrachtet werden. Oft sieht man ganze Hochzeitsgesellschaften unter Tischen und Stühlen knien, wo sie nach der Kontaktlinse fahnden, von der Braut auf das Stichwort JA herausgestürzt.
Im Zeitalter der Laseroperationen wird das Auge selbst zur Brille, und viele schöne Bräuche sterben aus.
Wir werden unsere Ohrenbrillen niemals abnehmen, es sei denn wir haben Sex oder müssen schlafen. Man kann natürlich auch mit Brille Sex haben (Brillensex).

Wie mir als Kind mal die Augen geöffnet wurden

Kurz vor meiner Einschulung empfahl die Kindergärtnerin meinen Eltern, mir auf dem Schwarzmarkt eine Brille zu besorgen. Nicht aus modischen Gründen, ihr war aufgefallen, dass meine Augen ständig rot waren. Das stimmte, aber es lag daran, dass ich immerzu so viel weinte. Das behielt ich für mich. Aus Misstrauen der Kindergärtnerin gegenüber, entschieden sich meine Eltern gegen den Schwarzmarkt und für einen Augenarzt.
Der Augenarzt war in der Poliklinik Friedrichshain untergebracht, einem in meiner Erinnerung riesigen Komplex. Den Warteraum zierte Wandschmuck. Gegenstände die aus Kindern entfernt werden mussten, nachdem sie verschluckt, in Ohren oder in Nasenlöcher gesteckt worden waren. Schnuller, Schlüssel, Uhren, Spielzeug, Batterien, Puppengliedmaßen. Alles hübsch geordnet, beschriftet und gerahmt an die Wand gedübelt. Dazwischen hingen Honecker, Stoph und Breschnew.
Ich hatte furchtbare Angst davor, zum Augenarzt zu gehen, denn ich rechnete damit, früher oder später eine Spritze ins Auge zu bekommen. Doch der Arzt leuchtete einem bloß mit einer Lampe in die Pupillen, man musste in geheimnisvolle Apparate hineingucken und auf einer Leuchttafel immer kleiner werdende Bildchen erkennen. Ein Haus, eine Lokomotive, ein Stuhl, ein Haus, ein Hund, eine Lokomotive, eine Uhr ...
Auf dem Heimweg machte meine Mutter auf eigene Faust weiter: erkennst Du die Zahl, auf der Straßenbahn dort? Ich fragte: wo ist die Straßenbahn?
Zum Augenarzt musste ich wegen meiner roten Augen noch oft. Ich bekam nie eine Spritze ins Auge, ich bekam eine Brille.
Wir lebten seinerzeit im ressourcenarmen Ostdeutschland. Aus altem Papier stellte man Schulhefte her, aus Schrott Schrott und aus Schulessen Schweinenahrung. Für Goldzähne mussten Familienerbstücke, meist Goldzähne, umgeschmiedet werden und für meinen Onkel Herbert hatte ein findiger Optiker Brillengläser aus den Füßen von zwei Biertulpen geschliffen.
Da ich in meinem damaligen Alter noch keine Biertulpen ausgehändigt bekam, musste ich ein halbes Jahr auf meine Brille warten. Aber das Warten lohnte sich, nicht nur wegen der achromatischen Gläser aus Rathenow, sondern vor allem wegen des Rahmens, ein grandioses Gestell! An jedem Fasching klebte ich mir einen Bart und ging als Karl-Eduard von Schnitzler. Später wirkte sich das sogar positiv auf meine Zeugnisse aus.
Natürlich hält auch die schönste Brille nicht ewig, wenn im Sportunterricht Boxen auf dem Stundenplan steht. In einer Schublade unserer Wohnzimmerschrankwand sammelte mein Vater kaputte Brillengestelle aus dem ganzen Stadtbezirk. So gelangen ihm die peinlichsten Reparaturen.
Weil ich es bei einsetzender Geschlechtsreife Leid war, mit unterschiedlichen Brillenbügeln herumzulaufen, ließ ich mir eine neue Brille verschreiben. Da ich längst lesen gelernt hatte, drückte mir der Arzt eine Karte in die Hand, die ich vorlesen sollte. Es ging nicht. Es waren solche komischen alten Buchstaben, wie sie von den Nazis verwendet worden waren. Die konnte ich nicht lesen. Aber das behielt ich für mich. Später entdeckte ich auf der Rückseite der Karte den selben Text mit richtigen Buchstaben. Doch da war es schon zu spät. Der Augenarzt hatte mir schon eine Brille mit geradezu wahnwitzigen Dioptrienzahlen verschrieben, da er mich für annähernd blind hielt.
Natürlich war ich auch annähernd blind, aber nur wenn ich diese utopische Brille aufsetzte. Nur auf ganz weite Entfernung konnte ich etwas erkennen.
Ich gewöhnte mir an, nachts auf das Dach unseres Wohnblocks zu steigen und entspannte dort meine Augen, indem ich in den Himmel blickte, hinauf zu den Sternen. Dort in der Ferne von Lichtjahrtausenden entdeckte ich, dank meiner Brille, einige Dutzend, bis dahin völlig unbekannte Sternensysteme. Etliche von ihnen verfügten über belebte Planeten, besiedelt von erstaunlichen Zivilisationen.
Niemand glaubte mir. Alle wollten es besser wissen, obwohl keiner eine auch nur annähernd so starke Brille hatte, wie ich. In dieser Zeit begann mir aufzufallen, dass die meisten Menschen um mich herum ziemlich schrullig waren und im Laufe der Zeit immer noch schrulliger wurden.
Spider

Ode an die GoGgels

Wie ein Fisch gleite ich durch das Wasser.
Angestrahlt vom Unterwasserscheinwerfer bewegen sich meine Beine und tragen dabei tausend kleine Luftbläschen durch das Blau. Luftholen und untertauchen, die Unter- und die Überwasserwelt von unten sehen.
Wie ein Fisch.
Ich sehe kopflose Körper, die am Seitenrand hängen, manchmal mit den Füßen treten und mit einem Arm durchs Wasser streichen. Ich sehe kopflose Schwimmer mit schlackernden Schenkeln, ab und zu einen Kopf dazu, der die Überwasserluft ins Wasser hineinpustet. Solche Köpfe tragen Schwimmbrillen. Wie ich.
Wir Schwimmbrillenträger wechseln unter Wasser Blicke. Über Wasser wischen wir uns das Wasser und den Speichel vom Gesicht, manchmal auch die Rotze, wofür wir noch mal untertauchen müssen.
Wir Taucher gehen zum Urinieren aufs Klo, denn wir wissen, dass man den aus der Badekleidung gelb austretenden Urin mit Unterwasserschwimmbrille gut erkennen kann.
Frei und leicht und doch ganz individuell zieht jeder seine Bahnen. Doch das Unterwassergesetz ist hart: je schneller der Fisch, desto mehr Respekt hat er sich erkrault oder erschwommen.
Wir, die kleinen und mittleren Fische, weichen aus und sagen ein Überwasserverzeihung wegen der Unterwasserberührung.
Sind zu viele Fische im Bahnenbecken, greift die natürliche Auslese, und einige Fische steigen mit kleinen Wischbewegungen im Gesicht heraus. Seit ich eine Schwimmbrille habe, kann ich mich an der schönen blauen Wasserwelt erfreuen.
Wie ein Fisch.
Meine Schwimmbrille hat zehn Dioptrien. Fünf rechts, fünf links. Früher, ohne Schwimmbrille, hatte ich keinen Spaß am Baden und war wasserscheu, denn ganz ohne Brille sehe ich nichts, und mit Alltagsbrille wurde das Baden zur Tortur.
Zuerst versuchte ich es ohne Brille. Im Bad und auch am Freigewässer konnte ich mich nicht gut bewegen. Mein blinder Körper eierte zum Wasser, meine Beine stocherten im Sand. Ich fühlte mich beobachtet und verlacht, konnte meine Freunde und Kinder nicht mehr erkennen. Hinausgeschwommen aufs offene Gewässer erschien mir das Wasser wie ein dunkler Schlund, meine Beine sahen aus wie Ungeheuer, die mich erschrecken wollten. Um dem zu entgehen, ging ich mit Alltagsbrille baden.
Einmal sprang ich Kopf voraus mit meiner Brille, die von einer Gummibademütze fest und für immer an den Kopf gedrückt werden sollte, vom Sprungbrett. Die Brille versank auf den für mich gerade unsichtbar gewordenen Grund und musste von einem jungen Mann wieder heraufgetaucht werden. Danke.
Diese Brille sollte über Wasser bleiben, weshalb ich dann wegen der aufrechten Kopfhaltung beim Schwimmen immer mit einer Nackenverspannung aus dem Wasser heraus steigen musste.
Viele Versuche hatte ich unternommen, das Baden angenehmer zu gestalten. Ich habe mich sogar mal nackt, also nur mit Brille bekleidet, unter die Nackten gemischt, um ganz andere Badefreuden zu entdecken, musste aber feststellen, dass ich wieder nur herumeierte, mich nach jeder Bewegung neu drapierte und auch gar nicht bücken konnte, um zum Beispiel mein Kind im Sand einzugraben.
So verbrachte ich lichtlose Sommer in meiner Wohnung statt am Wasser und durchlebte folglich trübsinnige Wintermonate.
Das ist vorbei, weil mir der Optiker eine Schwimmbrille verkauft hat. Zehn Dioptrien, fünf rechts, fünf links.
Wie ein Fisch kann ich nun schwimmen.
Vorwärts, rückwärts.
Tauchen, tauchen, tauchen.
Rigoletti M

Die Autoren veranstalten als "Expertenteam" regelmäßige Lesungen zu verschiedenen Themen in Berlin. Felicia Zeller ist Dramatikerin. Robert Weber und Spider sind aktive Mitglieder der Berliner Surfpoeten, in die Arbeit von Rigoletti M gibt die Internet-Seite einen Einblick.

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00:00 08.03.2002

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