Wir ungeliebten politischen Jugendlichen

Einspruch Junge Menschen sind unpolitisch, heißt ein gängiges Vorurteil. Aber wie steht es tatsächlich um ihr politisches Interesse? Wir haben an Berliner Schulen nachgefragt

Wir denken nur an uns selbst, sind politikverdrossen, desinteressiert und machen, was uns Spaß macht. So wird unsere Generation gesehen. Doch das stimmt nicht.

Diese voreiligen Verallgemeinerungen speisen sich vor allem aus einer Quelle: Es werden immer wieder TV-Sendungen ausgestrahlt, die Jugendliche in ihrem angeblich normalen Umfeld zeigen. Sie alle kommen aus einem bestimmten, immer gleichen Milieu, es geht um Streit mit den Eltern, um die erste Liebe, um Konflikte untereinander. Doch diese Sendungen sind nicht sehr authentisch, weil sie das eigentliche Leben von Jugendlichen nicht widerspiegeln.

Aber woher sollen das die Zuschauer wissen, wenn sie nie die andere Seite der Jugendlichen sehen. Die Jugendlichen, die nämlich nicht in den Medien auftauchen? Denn die werden nicht von RTL oder Sat.1 gefilmt, denn das wäre schlicht: langweilig. Wer will Jungen und Mädchen sehen, die statt sich zu besaufen auch mal im Sessel sitzen und lesen? Die ihre Schularbeiten machen und sich sozial engagieren? Die neben der Schule arbeiten gehen und mit ihrer Familie beim Abendessen sitzen? Da würden die Einschaltquoten rapide sinken.

Doch was hat all das mit Politischsein zu tun?

Politik fängt im Kleinen an und wird von den meisten von uns gar nicht mehr wahrgenommen. Aber wie definieren wir „Politischsein“ eigentlich? Politisch zu sein bedeutet nicht unbedingt, sich aktiv in einer Partei zu engagieren. Politisch zu sein bedeutet auch nicht, sich einer vorgegeben Meinung anzuschließen. Politisch zu sein bedeutet, Werte selbst zu definieren, zu erschließen und zu verteidigen. Wer nur Zeitung liest ist nicht sofort politisch. Er mag interessiert sein, aber er könnte nie eigene Werte vertreten.

Die meisten Jugendlichen nehmen die Politik passiv wahr, Politik gehört halt irgendwie dazu. Aber daran beteiligen muss man sich nicht, das machen ja die anderen.

Wer politisch ist, der braucht ein Gefühl der Zugehörigkeit. Sei es zu einer Partei oder nur zur eigenen Familie. Man braucht Wurzeln und vermittelte Werte, die man weiter gestaltet und an die eigenen Bedürfnisse anpasst.

Wir haben gegen viel anzukämpfen. Die Globalisierung fordert auch von uns, immer schnelleren Wechseln der Technik und des Mediengeschehens, aber auch der Politik, zu folgen.

Dabei ist es sehr wichtig, dass wir die Politik in unserem Land nachvollziehen und verstehen können. Denn wir sind die Zukunft. Wir müssen später unser Land managen und Verantwortung für die folgenden Generationen übernehmen. Oft hat man das Gefühl, dass wir unter der Angst vor dem vermeintlichen Versagen leiden und deshalb gar nicht erst versuchen, uns diesen Aufgaben zu stellen. Es gibt kaum Idealisten in unserer Generation, alles wird nüchtern gesehen. Schuld daran ist vor allem unsere Selbstunterschätzung. Sie wird verursacht von den Botschaften, die wir ständig vermittelt bekommen. Von einem Großteil der Eltern, Großeltern und Lehrer bekommt man als Jugendlicher suggeriert: Das schaffst du eh nicht. Abitur ist schwer, noch schwerer ist es, einen Ausbildungsplatz zu finden und ein guter Job ist nicht mehr zu haben. Das Land geht den Bach runter und die einzigen, die gute Gehälter kriegen, sind die Manager. Wenn man nur diesen Botschaften ausgesetzt ist, die durch die Medien nicht nur unterstützt, sondern kräftig aufgebauscht werden, ist es schwer, ein wenig idealistisch durch die Welt zu gehen. In der Psychologie nennt man das „self-fulfilling prophecy“, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Man muss eine Botschaft nur oft genug eingetrichtert bekommen, dann verhält man sich danach und gestaltet sein Leben entsprechend.

Wenn man sich die Ziele, die unsere Generation in ihrem Leben erreichen will, ansieht, dann merkt man, wie bescheiden diese sind. Wir wollen als Erstes einen guten Job, der uns eine sichere Zukunft garantiert. Wir wollen eine Familie, ein Haus mit Garten und vielleicht einen Hund. Wir suchen das Glück in bescheidenem Rahmen. Es sind keine utopischen Wünsche dabei, auch wenn man denkt, dass jeder entweder Deutschlands nächster Superstar und ein Supermodel werden möchte. Hört man sich bei Jugendlichen um, bekommt man solche Wünsche zwar zu hören, aber sie sind eher als Phantasie gemeint. Die realistischen Ziele sind nicht allzu hoch gesteckt. Doch offensichtlich sind selbst diese kaum noch zu verwirklichen, wenn man auf die Meinung der Älteren hört.

Man muss sich das alles vor Augen führen, um zu begreifen, dass wir neue Maßstäbe setzen müssen. Wir leben in einer neuen Welt. Mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit geht der Wandel in jedem Land vonstatten. Alte Werte sind kaum noch zu halten und dennoch halten wir daran fest. Der so genannte „generation gap“ existierte von je her. Doch wenn man sich die Konflikte der älteren Generationen ansieht, bemerkt man einen großen Unterschied. Die Generationen der 68er-Bewegung hatte ein gemeinsames Ziel, das sie dazu bewog, eine Einheit zu bilden. Die Mitglieder der Punk-Ära wurde von Gefühlen wie Wut und Protest zusammengehalten. Sogar das Gegenteil, wie zum Beispiel die Popper, die sich nur über Äußerlichkeiten definierten, hatten Zusammenhalt. Und wir? Was hält uns zusammen?

Wir wollen vor allem individuell sein. Jeder möchte besonders sein, anders aussehen, sich anders verhalten. Aber eigentlich sehen wir alle gleich aus, essen das Gleiche, kaufen die gleichen Klamotten. Dadurch entsteht kein Wir-Gefühl. Wir haben nichts, dass uns zusammenhält. Wir haben keinen Politiker, dem wir unsere Solidarität schenken, kein politisches Ereignis das uns ein Gefühl der Gemeinsamkeit ermöglicht. Als die Twin Towers fielen, trauern wir. Als die WM in Deutschland stattfand, jubelten wir. Als Obama kandidierte, feierten wir. Es gab kurze Zeit so etwas wie Zusammenhalt. Wenige Tage später gingen wir wieder unsere eigenen Wege.

So ist es auch mit der Politik. Um zu verstehen warum so wenige Jugendliche politisch sind, muss man verstehen, was in unserer Generation vor sich geht.

Und deshalb wollen wir auf uns aufmerksam machen. Auf die Jugendlichen, die ein wenig idealistisch sind und gerne die Welt verändern wollen. Auf die Jugendlichen, die wählen gehen, weil wir sonst nichts kritisieren dürfen. Auf die Jugendlichen, die nicht in den Medien zu sehen sind, die aber trotzdem existieren.

Wir wollen den Mund aufmachen und sagen „Yes we can“, wir wollen als voll anerkannte Mitglieder der Gesellschaft gelten, ohne uns verbiegen zu lassen. Wir trauen uns, unsere eigene Generation zu kritisieren, aber nicht, um sie alle zu verdammen, sondern um sie wach zu rütteln. Denn so wie es zu dieser Zeit ist, kann es nicht weitergehen.

Rebecca Augstein und Denise Wuschig, beide 18 Jahre alt, 3. Semester an der Leonardo-da-Vinci-Oberschule, Berlin

Generation Politik

Als Becci A. im Juli ihr erstes Blog auf
freitag.de zum Thema Politik und Jugendliche schrieb, bekam der Text rekordverdächtige 106 Kommentare. Hinter Becci A. verbirgt sich Rebecca Augstein aus Berlin, die mit dem Freitag-Verleger Jakob Augstein allerdings nicht verwandt ist. Für uns war das Blog Anlass für eine Serie, die wir nun kurz vor der Bundestagswahl starten: Rebecca Augstein und einige andere Neuköllner Schüler schreiben, was sie von der Politik erwarten. Die anderen Teile werden auf freitag.de veröffentlicht

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05:00 24.09.2009

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