Wir vergaßen langsam unser Konzept

BELEHRBARER ZWEIFLER Lobrede auf den Regisseur, Schriftsteller, Philosoph und neugierigen Menschen Adolf Dresen

Adolf Dresen ist ein Mann auf dem Sprung. Er sitzt nur auf der Stuhlkante, um rasch aufspringen zu können, um weiterzukommen. Er redet heftig, eindringlich und schnell, um dem schwerfälligen Gegenüber einen Gedanken darzulegen, der für ihn selbst mehr als selbstverständlich ist. Er eilt ungeduldig voran, da die gegenwärtig zu verrichtende Arbeit für ihn fast schon getan ist wie gedacht. Und zu dieser Arbeit will er auch das Dazugehörige in den Blick und in den Griff bekommen, das ist auch die andere und die nächste Arbeit, die Arbeit des Regisseurs samt dem dazu gehörenden Bau der Philosophie und Theorie. Das Aufgespürte wird von ihm dann umgehend wieder in Frage gestellt, die erneut überprüfte und erprobte Lösung ist nur Grundlage für die von ihm sofort aufgestellte Antithese.

Dresden ist die personifizierte Unruhe, ein schneller, rascher, analytischer Geist, der ungern verweilt und sich auch nicht durch Beruf oder Genre, durch die uns üblich und gewöhnlich gewordenen Einschränkungen unserer Lebensäußerungen auf die erlernten, ausgewiesenen Fähigkeiten des Berufsstandes beschränken will. Dresen hat keine Zeit, jedenfalls keine Zeit, die er vergeuden könnte. Ein solches Leben sprüht und strahlt und regt an, aber es ist auch nicht billig zu haben: er verbraucht maßlos die Zeit und das kostet und fordert Tribut.

Ein Bild von Dresen prägte sich mir ein, das ihn - für mich jedenfalls - umfassend erklären und beschreiben kann: Er liegt in der Intensivstation eines Charité-Krankenhauses, eine Operation am Herzen war erforderlich, der Patient hat den nicht ungefährlichen Eingriff gut überstanden, er ist für einige Stunden an die kontrollierenden Geräte angeschlossen und wird gewissenhaft beobachtet.

Der Arzt, der an sein Bett kommt, trifft ihn an mit einem Buch in der Hand und sagt, dass er noch nie einen Patienten gesehen habe, der unmittelbar nach einer Operation und noch auf der Intensivstation in einem Buch las. Er nimmt ihm die Lektüre aus der Hand und liest erstaunt den Titel, es ist die Ilias des Homer. Adolf Dresen erwiderte lediglich, er habe selten so viel Zeit wie momentan im Krankenhaus und wollte schon immer den ganzen Homer nochmals in Ruhe lesen.

Eine nicht zu stillende Neugierde ist es, die Dresen umtreibt, die ihn bis heute lockt und hetzt, die ihn verführte, Berufs- und Gattungsgrenzen für sich nicht zu akzeptieren. Er ist ein begnadeter Schauspielleiter und vorzüglicher Schriftsteller, ein Traktate schreibender Philosoph und erstrangiger Regisseur von Opern. In seiner Jugend war er ein Segelflieger, das hat ihn vermutlich gelehrt, die Winde - und auch und gerade die widrigen - zu nutzen um aufzusteigen. Und die Zeit war ihm günstig, behaupte ich daher, denn es gab nicht nur widrige Winde, es gab Widerstand gegen ihn und seine Lebens- und Kunstkonzeptionen, es gab für seine Arbeiten staatliche und stattliche Beachtung, die jeweils in Repressionen mündeten.

Es gab genügend Stürme in seiner Jugend, um einen künstlerischen Charakter zu formen, denn Dresen begann seinen Weg in der DDR, einem mittlerweile untergegangenen deutschen Zwergstaat, der seinerzeit viel Aufsehen machte. Die fatale Gewohnheit deutscher Staaten, von ihren Untertanen Zuneigung oder doch zumindest Loyalität für die jeweils Regierenden und die jeweilige Staatsform zu erwarten, hatte dieser Staat ins Grotesk-Absurde gesteigert und eine soziale Diktatur errichtet, die ihrem Bürger versprach - so er nur wiederholt die geforderten Liebesbeteuerungen von sich gebe - für ihn zu sorgen, koste es was es wolle. So lebten Staat und Bürger miteinander über die Jahre und Jahrzehnte zusammen, mehr schlecht als recht. Man misstraute zeitlebens einander und traute sich gegenseitig nicht über den Weg, vermutete Übles voneinander, was immer der andere tat, und gemeinsam lebte man so über die Verhältnisse und ruinierte durchaus gemeinschaftlich das Gemeinwesen. Ein jeder hatte seinen Anteil und sein Verdienst an dem schließlich unabwendlichen Staatsbankrott.

In einem Staat, in dem Loyalität und Wohlverhalten zu den Voraussetzungen einer Staatsbürgerschaft zählen, reicht es bereits aus, etwas Rückgrat zu haben, um nolens-volens zum Dissidenten zu werden. Das macht Lärm, bringt Aufmerksamkeit und möglicherweise Beachtung, es zeichnet den unerschrockenen Zeitgenossen aus, ist aber kein hinreichender Grund, um auch als Künstler arbeiten zu können. Neinsagen in einer Gemeinschaft, in der allein das Jasagen geübt wird, ist eine nicht zu unterschätzende Tugend, aber macht noch keinen Künstler aus. Auch er muss das Überkommende verwerfen, muss Nein sagen, aber er muss sich bemühen, darüber hinaus zu kommen, er darf nicht in der Negation verharren, er hat die Regeln nur zu zerstören, um neue zu setzen, er hat die andere Konzeption dagegenzusetzen.

Dresen hat die Zeit für sich genutzt. Er hatte gute Lehrer und Förderer, Hans Mayer ist jetzt zu nennen und Wolfgang Heinz und Gerhard Wolfram und Hilmar Hoffmann. Wichtige Mitarbeiter wären zu nennen, Bühnenbildner, Schauspieler, Sänger. Die Zeit war für ihn günstig, aber ich denke, er hätte jede Zeit für sich zu nutzen verstanden, denn wir alle wissen, dass die Zeit jedem hold ist, der sie zu packen versteht, und einen jeden zu ihrem Opfer macht, der ihr mit dem gesenkten Haupt des zu Opfernden entgegentritt.

Der ersten großen Arbeiten des Regisseurs Dresen war eine Hamlet-Inszenierung in dem kleinen Theater in Greifswald. Diese Arbeit machte sofort auf ihn aufmerksam und wurde zum Anfang eines bedeutsamen Lebensweges. Auch am Beginn dieser Inszenierung stand das für Dresens Arbeitshaltung typische Nein. Zuerst entdeckte er die Widersprüche des Stücks, die scheinbar einander widersprechenden Ungereimtheiten, jene Punkte, wo er dem überkommenen Kunstwerk widersprach, um es zu befragen, bevor er es annahm und von ihm eingenommen wurde. Dresen bemerkte später über diese frühe Arbeit: "Wir vergaßen langsam unser ›Konzept‹, wie Maurer das Gerüst vergessen, wenn das Haus steht. Wir hatten es zumindest gebraucht, um all das Falsche, das über dieses Stück in der Luft liegt, nicht zu tun."

Dies war und blieb seine Arbeitsweise. Er ging unverfroren an die geheiligten Werke der Literatur und des Theaters heran, nicht bereit sich einschüchtern zu lassen, und willens, die scheinbar fraglos gewordenen klassischen Stücke erneut und radikal zu befragen. Das Werk musste ihn überzeugen, bevor er es zu akzeptieren bereit war. Ob Shakespeare oder Goethe oder Schiller, bevor Dresen ihren Stücken folgte, unterwarf er sie einer hochnotpeinlichen Befragung, Und er scheute vor den hohen Toten so wenig zurück wie vor den lebenden Größen. Unvergessen ist mir die Szene, wie Dresen, gebeten die Uraufführung eines Dramas von einem der wichtigsten und anerkanntesten Stückeschreiber auf die Bühne zu bringen, zu diesem gewichtigen Autor zog, um ihm sämtliche dramatische Fehler seines neuesten Werkes aufzulisten und ihm anschließend anzubieten, diese Fehler gleich selber zu korrigieren und also das Stück anstelle des Autors zu Ende zu schreiben. Der hohe Dramatiker warf Dresen aus dem Haus. Er kannte ihn wohl nicht oder doch zu wenig, denn sonst hätte er, den Qualitäten seines Stückes vertrauend, darauf setzen können, dass seine Arbeit den belehrbaren Zweifler überzeugen werde.

Gründliches, radikales Nachfragen auch und gerade des längst Geklärten und Unstrittigen blieb Dresens Arbeitshaltung und befähigte ihn zu seinen fulminanten und grandiosen Inszenierungen, mit denen er sich rasch in der DDR, dann im ganzen Deutschland und schließlich in Europa einen Namen als Schauspiel- und Opernregisseur machte. Diese Arbeiten sind mittlerweile Geschichte, erinnerbar, aber auf keine Weise wieder herstellbar. "Theater", sagte Walter Benjamin, "als die vergängliche Kunst, ist die kindliche." Ich kann Dresens Regiearbeiten nicht zitieren, könnte lediglich an sie erinnern. Die vergängliche, kindliche Theaterkunst bezieht nicht zuletzt aus ihrer Vergänglichkeit ihren Reiz, wie alle Schönheiten dieser Welt.

Dem Theater, der Sprechbühne wie dem Musiktheater, gehört gewiss Dresens hauptsächliche Aufmerksamkeit, aber die Bühnenbretter allein reichen ihm nicht aus. Geradezu einem Lessing folgend greift er immer wieder zu der poetischen und zu der kritischen Feder. Kleine Prosa und Gedichte, Gelegenheitsgedichte zumal, entstehen neben den Theaterarbeiten, sie begleitend, einander anregend und bereichernd. Lange Zeit nur den Freunden zugänglich wurden im vergangenen Jahr einige von ihnen veröffentlicht.

Gewichtig von Bedeutung und Umfang sind Dresens kritische Arbeiten. Es sind recht eigentlich ökonomisch-philosophische Manuskripte, mit denen sich der Zeitgenosse Dresen zu Wort meldet. Lessing sprach von dem Theater als seiner Kanzel, von der herab er predige. Dresen hat das Traktat auf dem Theater klug vermieden. Seine Inszenierungen besitzen Witz und haben Humor, gelegentlich weisen sie sogar eine überraschende Heiterkeit auf; über seine legendäre Faust-Inszenierung sagte ein Kritiker, es sei "der heiterste Faust, der je die Bretterbühne" betreten habe. Dresens einzigartige O'Casey-Inszenierungen waren von herzzerreißender Komik, und sein umfängliches Kleist-Projekt, bei dem zu dem Homburg und dem Zerbrochenen Krug auch noch ein Michael Kohlhaas auf die Bühne kam, es war von großer Ernsthaftigkeit geprägt, aber doch eher komisch zu nennen denn eine Predigt.

Dresens Kanzel war und ist das kritische Papier. Hier analysiert und seziert der Zeitgenosse, der uns durchaus eine Predigt halten will, die wir uns nicht gern hinter den Spiegel stecken. Der Philosophie gehört Dresens Leidenschaft, insbesondere den Texten Immanuel Kants, der Ökonomie gilt sein Interesse und unserer Gesellschaft der klare und unbestechliche Blick. Aus rein ökonomischen Gründen, So wies er vor 25 Jahren nach, müsse der real existierende Sozialismus durch die folgenschwere Beseitigung der Konkurrenz zu seinem eigenen Untergang führen. Und seine Marx-Kritik führte ihn vor Jahrzehnten zu der Erkenntnis, "eine Kritik des Stalinismus vom Marxismus aus kann es nicht geben, denn der Stalinismus ist nicht nur Deformation, sondern Konsequenz des Marxismus". Eine ungewöhnlich scharfe Formulierung, ungewöhnlich jedenfalls für die damalige Zeit in Ost und West, und gänzlich tollkühn an dem Ort, wo sie niedergeschrieben und damals diskutiert wurde, in der DDR. Aber es ist Vorsicht angebracht, Dresen solcher Analysen wegen - und auch dafür, auch für seine ökonomisch-philosophischen Manuskripte erhält er den Lessing-Preis - einen Propheten zu nennen. Denn er hat sein Sezierbesteck nicht weggelegt, nachdem das von ihm untersuchte System wie von ihm angekündigt und genau aus den analysierten ökonomischen Gründen zusammenbrach.

Seine Analyse der real existierenden Marktwirtschaft fällt nicht sehr viel freundlicher aus. Nach seiner Analyse, wenn auch aus diametral entgegengesetzten Gründen, ist als neue Schlussbilanz erneut eine Selbstzerstörung angesagt, eine hausgemachte Katastrophe, wenn nicht sehr rasch und sehr gründlich das ursprünglich marktwirtschaftliche System wieder zur Geltung kommt und den Wildwuchs einer Profitgesellschaft sozial-ökonomisch und ökologisch begrenzt. Die Zukunftsaussichten unseres Systems sind anderenfalls, schlagen Sie nach bei Dresen, stark eingeschränkt.

Ich hoffe, Adolf Dresen bleibt dem Theater erhalten, ich hoffe, er wird weiter inszenieren, wird weiterhin auf dem Sprechtheater und in der Oper arbeiten. Aber vielleicht folgt er künftig allein seiner anderen, der philosophischen Leidenschaft. Ganz so wie es Lessing für sich wünschte, denn wie Nicolai berichtete, habe Lessing mehr als einmal seinen Freunden gesagt, "er wollte, wenn er zu einem gewissen Alter gelangt wäre, sich in ein Kloster begeben, um da ganz in Ruhe zu studieren. Er glaubte, die völlige Unabhängigkeit von allen Sorgen der Nahrung, die völlige Ruhe und Muße, die man nur entweder bei großem Reichtume, mit gemäßigten Begierden verbunden, oder in einem Kloster finden kann, nebst dem unumschränkten Gebrauche einer von seinem Studierzimmer nur wenige Schritte entfernten Bibliothek, wäre es, was ein Gelehrter vorzüglich brauchte, wenn er vorher eine Zeitlang die Welt gesehen hätte."

Ich gratuliere Adolf Dresen nicht zum Lessing-Preis, denn ich kann ihn nicht zum Empfang einer Sache beglückwünschen, die ihm zusteht und gebührt.

Laudatio zur Verleihung des Lessing-Preises des Landes Sachsen an Adolf Dresen, gehalten in Kamenz am 20. Januar 2001.

00:00 26.01.2001

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