Wir vergessen nicht

Hanau Sechs Monate nach dem rassistischen Terror ist noch vieles im Unklaren. Die Angehörigen arbeiten nun selbst an der Aufklärung
Wir vergessen nicht
Ein 27 Meter langes Gemälde erinnert in Frankfurt an die Opfer des Anschlages von Hanau

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

In Hanau verdichtet sich Deutschland. Das gilt in Hinblick auf die rassistische Gewalt, für die die Morde am 19. Februar in Hanau einen Höhepunkt markieren. Das kann aber auch für den Schlussstrich gelten, der unter die Verharmlosung und die Untätigkeit des Staates bei rassistischem Terror gezogen werden muss. Das ist unser Anspruch. Es ist der Anspruch der Familien und Angehörigen, der Initiative 19. Februar und derjenigen, die die Gesellschaft der Vielen leben und verteidigen.

Wir würden gerne schreiben, dass alle, die nach dieser Nacht alles Mögliche versprachen, auch Wort gehalten haben. Doch das würde nicht stimmen. Stattdessen fragen wir uns: Wenn all jene nicht hielten, was sie versprachen, warum und wozu haben sie überhaupt geredet?

In der Nacht des 19. Februar 2020 wurden uns neun Menschen geraubt. Der Raub hörte damit nicht auf. Die Angehörigen und Betroffenen verfügen nicht über die Möglichkeit, sich der Trauer hinzugeben. Trauer ist ein Privileg, das ihnen nicht zugestanden, nicht ermöglicht wird. Weil zur Vorbedingung der Trauer als Prozess der Verarbeitung des Schmerzes auch Aufklärung, Wahrheit und Gerechtigkeit gehören. Sie sind in Hanau abwesend.

Warum wurden die vorherigen Bedrohungen im Stadtteil Kesselstadt von der Polizei nicht ernst genommen? Warum wurde kein einziger Notruf bei der Polizei, den Vili Viorel Păun tätigte, als er den Täter verfolgte, entgegengenommen? Warum besaß der Täter einen Waffenschein, auch nachdem er bei der Generalbundesanwaltschaft und der Hanauer Staatsanwaltschaft im November 2019 eine Anzeige stellte, die sich mit seinem rassistischen Manifest teils deckte? Und obwohl er zwei Wochen vor der Tat seine gewalttätigen Ansichten auf seiner Webseite öffentlich machte? Warum stellt sich trotz alledem Innenminister Peter Beuth (CDU) im Wiesbadener Landtag so hin, als ob die Behörden alles richtig gemacht hätten? Auch das ist eine Verlängerung des Schmerzes. Auch das ist eine Fortsetzung des Raubes.

Ist es die angelernte Unfähigkeit, eigene Fehler einzugestehen, die selbstherrliche Arroganz angesichts vermuteter Unfehlbarkeit oder schlichtweg struktureller Rassismus, der in den Staatsapparaten dazu führt, dass Betroffene allein gelassen werden, ihnen nicht zugehört wird? Stattdessen müssen wir von ganz unten die Dinge selbst in die Hand nehmen. In unmittelbarer Nähe des Geschehens haben wir einen Raum der Begegnung, des Austauschs, des Gemeinsamen geschaffen. 140 Quadratmeter gegen das Vergessen. Hier können die Familien sprechen. Hier hören wir zu. Hier werden sie ernst genommen. Hier sind wir anwesend. Immer. Egal wobei.

Nicht erst seit Hanau machen Betroffene rassistischer Gewalt die ebenfalls gewalttätige Erfahrung, dass sich in diesem Land nichts bewegt, wenn sie sich nicht selbst bewegen. Weil wir in der Fortsetzung gefangen sind, sagen die Angehörigen: „Wir müssen uns noch mehr verausgaben. Damit sich endlich etwas ändert!“ Denn zur Wahrheit gehört auch, dass die Familien in eine Lage der Desinformation und des Nicht-Wissens versetzt worden sind. Sie müssen sich Aufklärung selbst erkämpfen. Wie lange wird sich dieses behördliche Versagen noch fortsetzen?

Ausgehend von unserem Raum des Gemeinsamen wurden Gespräche mit allen politischen Ebenen geführt, wurde Druck auf das LKA, das BKA, den Generalbundesanwalt ausgeübt, wurde eine Kleine Anfrage im Hessischen Landtag und eine im Bundestag eingebracht. Wenn sich etwas tut, dann weil wir dafür sorgen, dass sich etwas tut.

Dabei tut sich auch etwas auf, das Kraft und Mut gibt, weiterzumachen. Plötzlich sind alle Angehörigen präsent und sprechen in der Öffentlichkeit. Sie tun es gemeinsam, weil sie daran glauben, dass, wenn überhaupt, sie nur zusammen etwas bewirken können. Das ist unsere Form der Verarbeitung, unsere Form der Wut, unser Kampf um Würde, die uns von den Behörden, Parteien und Rassist:innen geraubt wird. Dafür zu sorgen, dass alle, die versagt haben, zur Rechenschaft gezogen werden.

Ein halbes Jahr ist es nun her. Unzählige Menschen stehen vor den Scherben ihres Lebens, in dem ihnen ihre Liebsten genommen wurden. Es sind auch 182 Tage, an denen die zuständigen Stellen etwas hätten besser machen können. Stattdessen wurden auch in Hanau Überlebende und Verletzte Racial Profiling wie rassistischer Täter-Opfer-Umkehr ausgesetzt und die Angehörigen in einem Wust aus Anträgen und Ämtergängen zu Bittsteller:innen degradiert. Für die einen mögen es nur Details sein, die schiefgelaufen sind. Für die anderen ergibt sich aus der Summe der Teile ein großes Ganzes, das ein unerträgliches, unverzeihliches Verbrechen ist. Für die einen wird der 19. Februar zu einem weiteren Gedenktag. Für die anderen ist seitdem jede einzelne Sekunde ein bis in die Ewigkeit verlängerter Schmerz. Eine Fortsetzung des Rassismus, der Ungerechtigkeit, des Raubes. Dennoch: Hier waren wir, hier sind wir, hier werden wir bleiben.

Und wir vergessen euch nicht: Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu

Newroz Duman ist Hanauerin und Mitbegründerin der Initiative 19. Februar

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12:25 19.08.2020

Ausgabe 38/2020

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