Wir vom Archiv

Ein weites Feld Der Streit zwischen Marianne Birthler und Otto Schily um die Herausgabe der Stasi-Akten ruft die Archivwissenschaft auf den Plan. Ein Essay zu Gedächtnis und Schrift, literarischen Phantasien und zur Ästhetik der Archive

Wir haben es in Sachen DDR-Staatssicherheit noch nicht im vollen Sinne mit Geschichte zu tun. Archive stellen eine Art »Endlager« staatlich produzierter Akten dar, und sie werden im Normalfall erst historisch, wenn sie die Machtbindung verloren haben, wenn der Staat, der die Akten produzierte, selbst vergangen, zur Geschichte geworden ist. Ein gutes Beispiel für solch eine historische Aktensammlung sind unter anderem die preußischen Staatarchive.

Kein Archiv im eigentlichen Sinne

Im Fall der Stasi-Archive der Ex-DDR aber sind die Akten so lange noch nicht Geschichte, als sie noch »Feedback-Medien« für Bürger- und aktuelle Anfragen sind. Jene Aktenmassen, das höchst materielle Erbe der aufgelösten DDR-Staatssicherheit, bilden selbst gar kein Archiv im strengen Sinne, sondern so etwas wie aufgehobene, suspendierte Zeit, ein latentes Gedächtnis, archivterminologisch präzise ein »Zwischenarchiv«.

Der archivische Charakter jenes papierenen Polit-Monuments ist für die Gegenwart ebenso unklar wie für die Zukunft: Wird es, wie die übrigen Staatsarchive der Ex-DDR, in das große Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde überführt oder gelöscht werden? Das weiß heute noch niemand zu sagen.

Vor dem Hintergrund der Diskussion über den öffentlichen Zugang zu Akten der Ex-DDR-Staatssicherheit über Prominente der Ex-BRD und in Hinblick auf das Verschwinden oder Löschen von Daten aus dem Amt des Ex-Kanzlers Helmut Kohl hat das Thema »Archiv und Gedächtnis« unerwartete politische Re-Aktualität erlangt. Die zumeist stille, fleißige Konzentration auf die aktenbasierte Aufarbeitung des politischen und kulturellen Erbes der DDR, die Fixierung auf die klassisch modernen, aufklärerischen Fragen des Zusammenhangs von Zensur und Archiv, Staatssicherheit und Unterdrückung, wird an notorischen Fällen wie der Akte Kohl ins gleißende Licht der Öffentlichkeit gestellt.

Nicht manifest politisch oder wissenschaftlich, sondern literarisch ist aber längst eine andere Person öffentlichen Interesses als Archiv zum Fall geworden, eine ironische Vorwegnahme der gegenwärtigen Dispute zwischen Marianne Birthler und Otto Schily. Subjekt und Objekt dieses Falls ist Theodor Fontane, und sein Aktenleser ist Günther Grass.

Günther Grass´ Wende-Roman Ein weites Feld von 1995 beginnt mit dem anonym bleibenden »Wir vom Archiv«. Spricht das Archiv? »Wir vom Archiv nannten ihn Fonty.« Im Roman wird das Objekt des Potsdamer Theodor-Fontane-Archivs zum Subjekt, zu einem Benutzer Theo Wuttke, der sich - geboren in Neuruppin 1919, genau hundert Jahre nach dem Dichter - aufgrund seiner persönlichen Daten mit Theodor Fontane identifiziert. Ganz untypisch für die Arbeit eines Archivs aber erscheint das »Wir vom Archiv« hier als die Überwachung der Benutzer. Wuttke wird aufgelauert, er wird bespitzelt vom Archiv. Ungleich der tatsächlichen Praxis des Potsdamer Fontane-Archivs, einem der freundlichsten Orte dieser Art, die ich kenne, wird hier eine mit der DDR-Staatssicherheit assoziierte panoptische Paranoia auf den Gedächtnisort übertragen - eine Verschiebung auf die Institution des Archivs, unter Ausnutzung des diskursiven Stellenwerts des Begriffs »Archiv« in der Öffentlichkeit, der immer noch mit Geheimnis und (Staats-) Macht assoziiert wird. Doch bergen die Archive überhaupt noch Geheimnisse?

Paranoia des Archivs

Grass unterstellt mit der Stasi-haften Beschreibung der Archivperspektive dem konkrekten Fontane-Literaturarchiv einen Blick, den es (im Unterschied zu polizeistaatlichen Archiven) nie hatte. Umgekehrt war es Grass, der diesen Blick einnahm. Die Leiterin, Hanna Delf von Wolzogen vom Theodor-Fontane-Archiv Potsdam, beantwortete am 23. Februar 2001 meine Anfrage dahingehend, dass ihr Haus tatsächlich das »Wir vom Archiv« ist. Als das Buch erschien, konnten sich die Mitarbeiter nicht erklären, woher Grass Details wusste, die wirklich nur Insidern bekannt sein konnten, bis sie herausfanden, dass er einen Undercovermann eingeschleust hatte, der - als Forscher getarnt - das Leben im Archiv beobachtet hat.

Andererseits ist die Observation die sicherste Garantie für Archivierung. Hätte nicht die DDR im Rahmen von Feindbeobachtung die frühen Tagesschau-Sendungen der ARD in Westdeutschland mitgeschnitten, wären auch diese, im Westen aus Kostengründen vielfach gelöschten Sendungen, unrettbar für das kulturelle Gedächtnis verloren. Paranoia ist Aufladung des Archivs mit mnemischer, also: Gedächtnis-Energie.

Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR lässt Forschungsaufträge zum Thema »operative Überwachungspraxis« gelegentlich negativ beantworten. Was sagt das Schweigen des Archivs, wenn - so die offizielle Sprachregelung - keine Unterlagen aufgefunden werden, die »gemäß §§ 32 und 33 Stasi-Unterlagen-Gesetzes« zur Verfügung gestellt werden können? Heißt dies, dass etwas nicht vorhanden oder schlicht in der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht zugänglich ist? Marianne Birthler kommentierte im Disput um die öffentlich-wissenschaftliche Einsicht in die Stasi-Akten Helmut Kohls, dass immer wieder neu abgewägt werden müsse, was schwerer wiegt: das Recht der Öffentlichkeit auf Information oder der Schutz der Persönlichkeit. Ein Paradox eigentlich, denn der staatliche Begriff der Person - das hat uns Michel Foucault in seiner Schrift Überwachen und Strafen gelehrt - leitet sich aus den Papieren, den Akten, den Personalausweisen ab. Die Persönlichkeit, die da geschützt werden soll, entsteht gerade erst im und durch das Archiv.

Spitzel als écriture automatique

Wer auf der Suche nach Fällen in den Archiven der ehemaligen DDR-Staatssicherheit nicht fündig wird, die ja selbst einen Raum der Fiktionen darstellen, kann auf das Anarchiv der literarischen Fiktion zurückgreifen, etwa Wolfgang Hilbigs DDR-Roman Ich von 1993. Immerhin wird der Name Foucault dort von einem Führungsoffizier der Staatssicherheit genannt und firmiert unter dem Kürzel »le fou« im Kontext derjenigen Lektüre, die auch in Ostberlin zunehmend in Mode gekommen war und daher in den Objektbereich von Überwachung der Literaturszene auf dem Prenzlauer Berg fiel. Kommentiert ein IM: »Es missfiel mir, dass sich in einigen Enklaven, die zur sogenannten Szene zählten, die Daseinsberechtigung darauf gründete, dass man ein begeisterter Leser Foucaults war und dass es in der Folge davon zur Pflicht gerann, auch noch Derrida oder Paul de Man zu lesen« - von dem immerhin der Satz stammt, dass die Grundlage für historisches Wissen nicht empirische Tatsachen, sondern geschriebene Texte sind.

In der Folge werden die IMs in Hilbigs Roman zu Vollzugsinstanzen dessen, was sie theoretisch ausmerzen wollen. Denn Teil ihrer Observierungsstrategie ist es, sich in der dissidenten Schriftstellerszene als Literaten auszugeben - weshalb die zumeist schriftstellerisch unbegabten IMs ihrerseits Literatur schreiben müssen. So findet der von Foucault allgemein beschriebene Tod der Autorschaft tatsächlich statt. »Waren die Texte wirklich von ihm? Wenn es noch stimmte, dass seine Hand sie zu Papier gebracht hatte, so waren sie doch von einem anderen als ihm autorisiert worden«, lässt Hilbig seinen Protagonisten sinnieren. Die richtige Zeilenfolge ist, wie wir wissen, das non plus ultra im Verfassen von Algorithmen - so dass sich ein Autor-Spitzel der Stasi in der End-DDR fragt, ob er zu einer Maschine von écriture automatique geworden ist.

Ein Papiertiger

Doch »was wirklich ist, klebt nicht an der Oberfläche«, schreibt Grass in Ein weites Feld Das betrifft auch den Fall des DDR-Archivars Matthias Wagner (als sei es der »W.« in Hilbigs Roman). Der paranoide Blick - und nur Paranoia fördert Fakten aus der Krypta, dem Unterbau der Archive, zu Tage - macht hier jedoch nicht Halt. Aus seiner speziellen Perspektive ist das Stasi-Archiv Objekt und Subjekt der Beobachtung erster und zweiter Ordnung. Derselbe Matthias Wagner, der bis 1989 als Mitarbeiter im Potsdamer Staatlichen Zentralarchiv der DDR fungiert hatte, dann als parteiloser Regierungsvertreter 1990 damit beauftragt wurde, Stasi-Akten im MfS-Zentralarchiv zusammenzuführen, später als Grundsatzreferatsleiter beim Aufbau der Gauck-Behörde tätig war, wurde 1997 selbst als Inoffizieller Mitarbeiter des ehemaligen MfS enttarnt. Im Archiv lauern Ungeheuer.

Dass überhaupt vereinzelt - und mit vollem Wissen der Behörde - ehemalige hauptamtliche Mitarbeiter der Staatssicherheit im Gauck-Birthler-Bundesamt mitarbeiten, verdankt sich einer gedächtnistechnischen Unerbittlichkeit: Was ein Geheimdienst einmal verschlüsselt hat, ist als Code nicht notwendig schriftarchivisch dokumentiert. Von daher bedarf es des Mitwissens ehemaliger Aktanten.

Damit steht der Fall Wagner im strukturellen Verbund mit dem Archivsystem der DDR selbst, das sich in Wagners jüngst erschienener Rechtfertigungsschrift Das Stasi-Syndrom seinem eigenen treffenden Wort zufolge nachträglich als »Papiertiger« erweist. Zum Einen nämlich verpasst die Fixierung der historischen Aufarbeitung auf Akten aus Papier die Aufmerksamkeit für die Schwelle zum digitalen Archiv, an der auch die DDR gerade 1989 stand. Zum Anderen aber lagerten die interessanten Vorgänge gerade nicht in den staatlichen Archiven, die »offene Archive« und damit auch zugänglich waren. Dem gegenüber lagen die Staatsgeheimnisse gerade in Sonderarchiven aufgespeichert, die aus der Zuständigkeit des staatlichen Archivwesens herausfielen; »Sicherheit rangierte allemal vor den Interessen historischer Forschung« (Wagner). Aus den Registraturen des Staatsapparates wuchs das umfängliche Netz der Verschlusssachenstellen heraus, auf welches die Staatsarchive keinerlei Zugriff hatten - also die »Krypta« des Archivs, die bald die Aktenmassen des Archivs überwuchern, also in entropische Maße ausufern sollte. Und doch: »Das System schützte sich selbst« mit diesem System; die selektive Weitergabe der Informationen bedingte, dass Außenstehende überhaupt nichts darüber wussten, schreibt Wagner.

Die Archive offen halten

Der Soziologe Claus Offe erklärt die offenbare Unfähigkeit zur Selbstbeobachtung staatssozialistischer Systeme mit Verweis auf die mit im Spitzelsystem institutionalisierte »Willkür und Ideosynkrasie der Informationsbeschaffung, -rezeption, -deutung und -verwendung«. Aus medienwissenschaftlicher Sicht heißt das: Hier wurden eben nicht primär maschinelle diskrete Prozesse der Datensammlung, -speicherung, -berechnung und -übertragung vollzogen, sondern analoge Aufschreibesysteme waren am Werk - und damit der fehleranfällige Störfaktor Mensch.

Die zwei politischen Systeme - Ost und West - spiegeln sich auch in ihrer Archivästhetik, was eine vergleichende Morphologie der Archivsysteme nahelegt, wie sie Klaus Krippendorff vorgenommen hat: die Differenz zwischen einem kapitalistischen System, das auf »reverberating circuits«, also sich selbst modifizierenden, dynamischen Informationskreisläufen beruht, und einem sozialistischen System, das in gedächtnisbildenden Aufzeichnungen, den »memory involving records«, erstarrt. Hier die nicht stillstehende Rasterfahndung, dort Bürokratie und Photokopiergerät. Womit auch hinreichend klar ist, welches System als Archiv noch erinnerbar sein wird und welches nicht.

Otto Schily wird Acht geben müssen, nicht noch einmal der Logik eines untergegangenen Archivstaats zu verfallen. Die gedächtnispolitische Folgerung jedenfalls müsste lauten, den Latenzzustand der Akten in der Birthler-Behörde gegen ihre vorschnelle Endarchivierung, also Schließung, zu verteidigen.

Wolfgang Ernst ist Historiker und Medienwissenschaftler in Berlin, er habilitierte über deutsche Gedächtnissysteme unter dem Titel Sammeln, Speichern, Erzählen

Zum Weiterlesen: Cornelia Vismann: Akten. Medientechnik und Recht. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2000

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00:00 31.08.2001

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