Wir waren Eingeschlossene und das gefiel uns

West-Berlin Unser Autor erinnert sich an eine laborhafte Abschottung voller Freiräume
Wir waren Eingeschlossene und das gefiel uns
Gefangen, aber glücklich: Ein Mann sprüht auf die Berliner Mauer, 1981

Foto: Imago Images/Future Image

Wer das West-Berlin der 80er Jahre noch erlebt hat, wird sich von Lappalien wie Quarantäne oder gar Ausgangssperre nicht sonderlich beeindrucken lassen. Eher erscheinen da sorgfältig in Melancholie konservierte Erinnerungsfetzen vor dem inneren Auge.

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Wer und aus was für Gründen auch immer sich damals in die Enklave aufmachte, die Angst vor der Eingeschlossenheit war nie ein Thema. Vielmehr wurde geistiges Umherschweifen in den grenzenlosen Gefilden der Träume und Utopien gesucht und die besondere Situation der laborhaften Abschottung begünstigte diese Neigungen.

So wie in der Kleinen Eiszeit im 16. Jahrhundert die konstant tiefen Temperaturen – neben der großen Not – etwa mit einem Michel de Montaigne auch den Essay hervorbrachten, da man sich lieber in der warmen Stube der Bedeutung und Untersuchung vermeintlich alltäglicher Dinge widmete, anstatt sich draußen in der Kälte herumzutreiben, verbrachten die wildromantisch bohemistisch, hedonistisch Veranlagten in West-Berlin die Nächte lieber in verqualmten Kneipen und Tanzschuppen als in den rußverhangenen Straßenschluchten und Hinterhauswohnungen.

Auf engstem Raume bevölkerte man in diesen Etablissements die endlosen Weiten der eigenen Vorstellungen mit kleinen und großen Projekten, hob hier eine Garagenband aus der Taufe, scharte dort eine Selbsthilfegruppe um sich. Das Fischlabor, die Turbine Rosenheim, der Sage-Club, der Dschungel, in der „Nurnbörgersstraße“, wie David Bowie ihn besang, das Loft, das Exundpop, die Weiße Maus und noch heute vollkommen unverändert, noch immer das seit Jahrzehnten gleich abgenutzte namensgebende Filmplakat an der Tür zu den Klos: Der Würgeengel. Schillernde Namen, Sprungbretter zu den Abenteuern des Rausches, Rutschbahnen in fremde Betten.

In der Rückschau verschmelzen diese Orte zu einem in eine endlose Nacht getauchten Haus mit unüberschaubar vielen Stockwerken. Ein Haus, das niemand je verlassen wird, genau wie die Partygesellschaft in Luis Bunuels Würgeengel das Anwesen der Veranstaltung nie verlässt. Stattdessen wird unverdrossen gefeiert, parliert, getanzt, getrunken.

Was den großen Unterschied zu heute ausmacht: Es gab kaum Touristen. Wir waren unter uns. Wir wussten, dass diese Stadt, außer für die Gaffer auf den Aussichtsplattformen, die sich an der Mauer, diesem Unfall der Geschichte, aufgeilten, für niemanden wirklich attraktiv war. Deshalb waren wir hier. Hier musstest du eine eigene, eine innere Welt aufbauen. Und das dir allerorten ins Gesicht springende gebrochene Herz der Stadt half dir dabei. Um diesen Brückenkopf zu halten, verzichtete der Westen sogar auf sein Kerngeschäft, den Verwertungskapitalismus. West-Berlin wurde subventioniert. Du bekamst, in der Form der Berlinzulage, sogar noch einen Zuschuss für die nächtlichen Eskapaden.

Um dem Ostteil der Stadt in nichts nachstehen zu müssen, gründete man mit der DFFB sogar eine West-Berliner Filmschule, die sich dann ironischerweise blitzschnell zu einer Brutstätte eines äußerst linken und politisierten Filmschaffens entwickelte. Auch die Berlinale ist nichts anderes als ein Kind des Kalten Krieges, und so ist auch nicht verwunderlich, dass ihr erster Direktor ein alter Nazi war und erst in den späten 1960ern aus dem Glamour-Spektakel ein künstlerisch ernst zu nehmendes Filmfestival wurde.

Ja, wir waren Eingeschlossene – und das gefiel uns. Entsprechend irritiert waren wir denn auch über die plötzlichen Veränderungen. Hatte Honecker nicht versprochen, dass die Mauer noch hundert Jahre stehen würde? Aus der, zugegebenermaßen luxuriös dandyhaften Haltung der Freiwilligkeit heraus war von nicht wenigen ein genervtes Aufstöhnen über die freudentrunkenen zwangsadoptierten Geschwister von drüben zu vernehmen. Politisch Scharfsinnigere befürchteten sehr schnell eine Renaissance nationalistisch-völkischen Denkens im Zuge der patriotischen Besoffenheit.

Erst aus heutiger Sicht wird vollumfänglich klar, was wir damals verloren haben. So paradox es klingt: Der historische Sachzwang West-Berlin war auch ein Freiraum für Menschen, die sich der üblichen kapitalistischen Verwurstung verweigerten.

Und nun? Ein Virus mit dem Namen einer mexikanischen Biersorte sorgt erneut für einen Sachzwang der Eingeschlossenheit. Dank den gigantischen digitalen Klotüren, die ihre Erfinder großkotzig „soziale Medien“ nennen, ist diese Eingeschlossenheit jedoch zu verschmerzen.

Das Virus kann uns etwas lehren, während wir in unseren Wohnungen sitzen: Der westliche Verwertungskapitalismus, der solche Hanswurste wie Donald Trump an die Macht spült, ist kein probates Mittel fürs Überleben der Spezies. Wenn nun allen klar wird, das Profitmaximierung, Skrupellosigkeit und Demagogie politisch verantwortungsvolles und umsichtiges Handeln nicht ersetzen können, ist einiges gewonnen.

06:00 03.04.2020

Ausgabe 21/2020

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