Wir weigern uns, Feinde zu sein

Dokument der Woche Über das Ende einer Reise von Israel über Gaza nach Israel

Nachdem ich erst vor einigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen wurde, in das ich nach meiner Gaza-Reise gehen musste, möchte ich allen Freunden und Sympathisanten unserer Bewegung einige Notizen schicken.

Zur Erinnerung: Bevor ich nach Gaza-City aufgebrochen war, hatten mich in Israel alle - inklusive der Zeitungen, denen ich vor dem Trip Interviews gegeben hatte - ausrücklich gewarnt, vorsichtig zu sein und mein Leben nicht zu gefährden. Hast du wirklich keine Angst? - fragten sie alle.

Was lässt sich rückblickend dazu sagen? Die einzige Situation, in der ich während der gesamten Tour tatsächlich Angst verspürte, ergab sich im Augenblick meiner Rückkehr nach Israel. Ich passierte den Grenzübergang Erez, weil ich damit zum Ausdruck bringen wollte, dass die Belagerung des Gaza-Streifens eben nicht nur vom Meer aus stattfindet, sondern auch zu Lande alle Zufahrtsstraßen blockiert sind. Und das seit mehr als einem Jahr. Außerdem wollte ich nach Hause.

Als ich jedoch meinen Fuß wieder auf israelischen Boden setzte, wurde ich unmittelbar danach verhaftet. Zur Begründung hörte ich: Man müsse mich festnehmen, da ich durch mein Verhalten einen Militärbefehl verletzt hätte, der es Israelis - von Ausnahmen abgesehen - kategorisch verbietet, sich im Gaza-Streifen aufzuhalten.

So fand ich mich also in der Grenzstadt Ashkelon in einer Zelle des Shikma-Gefängnisses wieder. Jemand von den Insassen rief mir zu, er habe mich vor ein paar Tagen in den TV-Nachrichten gesehen, es sei der Bericht über die Landung unserer Boote an das Küste von Gaza gewesen. Daraufhin wurde ich die ganze Nacht über von rechten Israelis bedroht. Irgendwann war ich mir sogar ziemlich sicher, diese Nacht nicht zu überstehen. Es saßen auch drei Palästinenser in diesem Gruppenarrest, die nichts unversucht ließen, mich zu beschützen. Alle stammten aus Hebron und mussten sich wegen eines illegalen Aufenthalts in Israel verantworten, während ich - welche paradoxe Situation - wegen eines illegalen Aufenthalts in Palästina in jener Zelle saß. Und wie unserer beider Erfahrung besagte, ging die Gefahr von Israelis - nicht von Palästinensern - aus.

In Gaza-City bekam ich die palästinensische Staatsbürgerschaft, wenig später saß ich in einem israelischen Gefängnis

Bald jedoch war es vorbei mit dem Arrest, und ich wurde gegen Kaution entlassen. Ausgestanden ist freilich noch nichts, denn die Staatsanwaltschaft wird Anklage erheben; es könnte sein, dass ich für zwei Monate oder für länger ins Gefängnis muss. So bin ich dank dieser Umstände in jeder Hinsicht ein Palästinenser: In Gaza-City bekam ich die palästinensische Staatsbürgerschaft, einen Tag später saß ich in einem israelischen Gefängnis.

So erfolgreich unsere Aktion war, die Belagerung des Gaza-Streifens wird erst dann wirklich durchbrochen sein, wenn wir für freie Fahrt und eine jederzeit freie Bewegung dorthin sorgen können. Um das zu erreichen, wird ein Bewusstseinswandel unter den Israelis unumgänglich sein. Um so mehr bin ich frustiert und enttäuscht darüber, dass die Israelis einfach nicht kapieren oder nicht kapieren wollen, welche Konsequenzen sich aus dem Umstand ergeben, dass wir die Stärkeren und die Palästinenser diejenigen sind, die sich mehrheitlich wirklich um Frieden bemühen.

Es scheint allerdings kaum möglich, so zu denken. Dadurch wären unsere Vorherrschaft und unsere Überzeugung bedroht, in diesem Konflikt unschuldig zu sein. Das lässt sich allein anhand der Interviews feststellen, die israelische Journalisten mit mir über die Reise nach Gaza geführt haben. Sie wollten weder mit mir oder einem der anderen Teilnehmer über die Motive für diese Exkursion reden. Was gefragt wurde, erschien wie das kollektive Eingeständnis unseres Umgangs mit dem Gaza-Streifen und den Palästinensern überhaupt. Anstatt sich nach meinen Beobachtungen und Erkenntnissen zu erkundigen, suchten die Interviewer, besonders die aus den Mainstream-Sendern, mir ihre Parolen aufzudrängen, als könnte es - gäben sie mir Gelegenheit, mich zu erklären - ihren ängstlich gehüteten Vorurteilen den Todesstoß versetzen.

Wir sollten es niemandem erlauben, den Konflikt als "Kampf der Kulturen" darzustellen

Ben Dror Yemini von der Zeitung Maariv nannte uns "einen Satans-Kult". Ein anderer Autor behauptete, einer der Haupt-Unterstützer der Free-Gaza-Bewegung sei ein amerikanischer Palästinenser, der vom FBI verhört worden sei. Als spiele das irgendeine Rolle. Es sollte wohl eine Andeutung sein, wir würden von "Terroristen" unterstützt, manipuliert - oder noch schlimmer. Andere wurden nicht weniger deutlich: Hätte ich nicht der Hamas zu einem PR-Sieg verholfen? Sei mir nicht vorzuwerfen, dass ich mit palästinensischen Waffenschmugglern gemeinsame Sache mache. Gegen mein eigenes Land, das doch nicht anderes versuche, als seine Bürger zu schützen? Manche brüllten mich einfach an, wie ein Interviewer vom Sender 99. Und wenn gar nichts mehr half, verstanden es meine Gesprächspartner immer noch prächtig, in die altbewährten Zynismen zurückzufallen: Friede ist nicht möglich, bekam ich zu hören. Juden und Araber seien eine unterschiedliche Spezies. Du kannst "ihnen" nicht trauen. Es ging auch armseliger: Sie wollen uns nur zerstören.

Oder ich erlebte die gönnerhaft konziliante Variante: Warum denn nicht? Warum sollte es nicht gut sein, wenn es noch ein paar Idealisten wie dich gibt.

Bei all diesen Interviews habe ich nirgendwo wirkliche Neugier gespürt. Niemand wollte wissen, wie man im Gaza-Streifen lebt oder überlebt. Keiner wagte es, auf die ausgeleierten Parolen zu verzichten: Es gibt den Terror, es gibt die Qassam-Raketen, es gibt die Überfälle, es gibt die Palästinenser, die unsere tapferen Friedensbemühungen zurückweisen - keiner erwähnt den Besatzungsalltag, die Zerstörung von Häusern, die Belagerung, Landnahme und Enteignung, ganz zu schweigen von gezielten Tötungen und einer fortschreitenden Verarmung der zivilen Bevölkerung. Als hätten wir nichts damit zu tun, als lebten wir unser normales, unschuldiges Leben, auf das boshafte Menschen ihre Qassam-Raketen richten. Ein sklavisches Wiederkäuen sinnloser (und falscher) Schlagworte, die nur dazu gut sind, jede Möglichkeit auszuschließen, die Situation zu begreifen. Kurzum: Es geht um ein halluziniertes Stück Gaza, das sich anbietet, um jeder unbequemen Wahrheit auszuweichen.

Die größte Einsicht, die ich auf unserer Reise und in der Zeit danach gewonnen habe: Ich konnte verstehen, warum Israelis "es nicht kapieren". Unsere Medienlandschaft ist mit Leuten besetzt, die es besser wissen müssten, aber es nicht besser wissen wollen. Sie fühlen sich in einem von Politikern gebauten Glashaus wohler als bei einer kreativen Aufgabe: Nämlich um Verständnis dafür zu ringen, was zum Teufel im Gaza-Streifen und in der Westbank los ist.

Trotzdem habe ich die Botschaft an meine israelischen Landsleute klar formuliert: Entgegen der Aussage unserer politischen Führung gibt es eine politische Lösung für den Konflikt und Partner für den Frieden. Wir sollten es niemandem erlauben, den Konflikt zu mystifizieren oder uns gar dazu hinreißen lassen, ihn als "Kampf der Kulturen" darzustellen.

Die Palästinenser sind nicht unsere Feinde. Deshalb rufe ich meine Mit-Israelis auf, der Sackgassen-Politik einer bankrotten Führung den Rücken zu kehren und gemeinsam mit palästinensischen Friedensaktivisten zu erklären: Wir weigern uns, Feinde zu sein! Als die unendlich stärkere Partei im Konflikt und als einzige Besatzungsmacht müssen wir Israelis für unsere fehlgeschlagene Unterdrückungspolitik Verantwortung übernehmen.

Jeff Halper ist der Direktor des israelischen Komitees gegen Hauszerstörungen - Israeli Committee Against House Demolitions ICAHD, siehe auch jeff@icahd.org.

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