Wir werden alle Bernd

Netzidentitäten Tratsch der Woche: Ein Medienverleger soll in einem Blog vielfach anonym kommentiert haben. Die größere Frage dahinter: Brauchen wir persönliche Identitäten im Internet?

Was für Blogs spricht: Jeder kann ihre Einträge öffentlich kommentieren. Ist ein Text relevant, finden sich unter ihm hundert Kommentare. Bestenfalls erfährt man so nicht nur, was der Blog-Autor denkt, sondern auch dessen Bewertung durch Dritte: zum Beispiel andere Kenner der Materie.

So die Theorie. In der Praxis kann man sich oft fragen: Wie ernst will ich Kommentatoren wie Bla, Goofy D. oder Hans Wurrst nehmen? Das sind einige Namen, mit denen Kommentare im Blog des Journalisten Stefan Niggemeier unterschrieben wurden. Dem Leserbrief eines Professors Soundso aus Soundso würde man sicher mehr Wert beimessen – äußert er sich doch mit dem Gewicht seiner bürgerlichen Identität.

Ich kann mich aber im Netz so bezeichnen, wie ich will: als Bla oder mit meinem Taufnamen. Ebenso kann ich behaupten, Professor Soundso zu sein. Bin ich frech, spiele ich alle zugleich. Ein solcher Verdacht besteht gerade gegen den Medienmanager Konstantin Neven DuMont: Von dessen Computer soll jemand mit den drei oben genannten Blödsinns-Namen und mehr als hundert weiteren bei Niggemeier kommentiert haben.

Damit wäre er nicht bloß als einzelne Stimme aufgetreten, sondern hätte die Existenz einer ganzen Menschenmenge vorgetäuscht. Zumindest, wenn wir glauben, Texte im Netz sollten nachvollziehbar wirklichen Personen zuzuordnen sein. Vielleicht ist dieser Glaube aber gar nicht mehr zeitgemäß. Dann sollten wir jedem Sabotage-Akt danken, der ihn zersetzen hilft.

Bernd, Bernd und Bernd

Schaut man genau hin, dann fließen nicht Menschen oder Personalausweise durchs Internet, sondern Einsen und Nullen: frei gestaltbarer, entkörperlichter Text. Diese Form hat von Anfang an zum spielerischen Umgang mit Netz-Identitäten verleitet. So waren selbstgewählte Fantasie-Namen vielerorts schon immer die Norm: aus Paranoia vor Mitlesenden und aus Freude an Neuerfindung des Ichs.

Geschadet hat's nicht. Die Wikipedia etwa kommt gut auch ohne bürgerliche Namen aus. Der deutsche Platon-Artikel bezeugt als letzte Autoren einen Nwabueze und einen D41d4l05. Trotzdem ist er sicher zurecht als "exzellent" markiert. Statt Professorentiteln zählen hier gut formulierte Sätze und nachprüfbare Quellverweise. So verdienen sich auch lächerlichste Namen im Wikipedia-Universum noch Respekt.

Andernorts ist man schon weiter: Im Forum 4chan und seinem deutschen Gegenstück Krautchan zählt die Autoren-Signatur gar nichts mehr. Jeder Beitrag kann dort mit egal welchem Namen unterschrieben werden. Einen Namen sichern kann sich niemand. Meist kommen einfach die Voreinstellungen Anonymous beziehungsweise Bernd ran. So kann niemand auf frühere Äußerungen festgenagelt werden. Keiner kann beweisen, der Gleiche oder ein Anderer zu sein oder auf seinen sozialen Stand pochen. Respekt verschwindet ebenso wie das Einschießen auf die Person statt aufs Argument. Der Text an sich zählt; nicht mehr, woher er kommt oder für wen er steht.

Ladungsfähige Adressen

So sehr sich die Gesellschaft dem öffentlichen Diskurs anvertraut, so sehr vertraut sie auch darauf, dass er nur durch von ihr autorisierte Vertreter geführt wird: greifbare, verantwortliche Bürger. Aufrechte, die ihre Namen und Karrieren für ihre Überzeugungen und Versprechen verpfänden. Pseudonyme und Anonyme werden nur an Rändern geduldet, denen ein besonderer politischer Wert zugestanden wird.

Dass kulturell und gesellschaftlich wirkender Text sich aber allgemein frei macht von der Pflicht greifbarer Autoren, das wirkt unheimlich. Wie soll die Gesellschaft verkraften, dass sich in ihr Anschuldigungen, Provokationen und Ideen ausbreiten und verselbständigen, für die niemand verantwortlich und dingfest gemacht werden kann? Wo es maximale Öffentlichkeit trotz beliebiger und wechselnder Namenswahl ermöglicht, stellt das Netz diese Frage immer wieder neu.

Abwehr-Reaktionen sind unübersehbar. Am Liebsten wäre es der Politik, wenn kein Buchstabe und kein Byte durchs Netz ginge, für den man nicht einen Verantwortlichen isolieren und haftbar machen kann. Dieses Anliegen einigt Impressumspflicht, Vorratsdatenspeicherung und Forenhaftung.

Auch der Netz-Riese Facebook mag das greifbare Individuum. Alle Texte und Vorgänge werden hier in soziale Beziehungen zwischen Benutzerkonten aufgelöst. Und Facebook wacht, dass Benutzerkonten bürgerliche Namen tragen und echten Personen entsprechen. Als Belohnung kann ich meine Facebook-Identität vielerorts als Personalausweis vorzeigen. In Neuseeland ist sie sogar schon gerichtlich ladungsfähig. Aber reicht das, den Bedeutungsverlust des bürgerlichen Namens für den öffentlichen Diskurs aufzuhalten?

Gehört mir mein Name?

Der Autor dieser Zeilen hatte viele Fantasie-Namen im Netz, bevor er sich immer mehr auf einen konzentrierte: plomlompom. Anders als mein bürgerlicher Name sollte diese ausgedachte Zeichenfolge mich eindeutig identifizieren. Eine Sicherheit allerdings, dass niemand außer mir je etwas unter diesem Namen schreibt, hatte ich nie.

Inzwischen gibt es bei Twitter fremdbetriebene Benutzerkonten, die dieses plomlompom ohne mein Zutun automatisch ausweiten und fortentwickeln. Das Profil plomlolpom zum Beispiel übersetzt meine Äußerungen in eine englische Kunstsprache – und ist dabei am Ende oft pointierter als das Original. Der plomlombot dagegen zerlegt meine Sätze in Statistik und bastelt daraus neue, die vage nach mir klingen. Gelegentlich werden wir verwechselt. Gelegentlich finde ich seine Sätze passender als meine eigenen.

Mit welchem Recht könnte ich oder jemand anderes da eine feste Zuordnung von plomlompom zu meiner Person beanspruchen? Es gibt offenbar eine Netz-Identität unter diesem Namen, die viel mit mir zu tun hat, aber auch ihr eigenes Ding dreht. Zudem pflege ich nebenher noch andere Netz-Identitäten, teils allein und teils zusammen mit anderen – weder gehe ich also ganz in plomlompom auf, noch plomlompom ganz in mir. So lässt sich schwerlich auf klare personale Zuordnungen von Name und Texten beharren.

Würde ich nun unter diesem Namen in einem Blog kommentieren, dann könnte ich kaum darauf pochen, durch die Autorität meiner Person oder Personenmenge ernstgenommen zu werden. Es gäbe nur einen Anspruch, den ich an meine Leser stellen könnte: dass der Text nach seiner eigenen Sinnhaftigkeit, Nachprüfbarkeit, Plausibilität, Schönheit bewertet werde. Vielleicht ist das der einzige Maßstab, der künftig überhaupt noch taugt.

15:30 22.10.2010

Kommentare 9