Wir werden die Zahlmeister sein müssen

Im Gespräch Günter Mitlacher vom Forum Umwelt und Entwicklung über Naturschutz, gerechten Ausgleich und die Ziele der Bonner Konferenz

FREITAG: Das Thema Biodiversität und Naturschutz und das Programm der Bonner COP9-Verhandlungen sind fast unüberschaubar. Können Sie kurz skizzieren, worum in Bonn gestritten wird?
GÜNTER MITLACHER: Die Konvention über die biologische Vielfalt ist zunächst einmal das umfassendste Thema der Konferenz, dabei geht es um alle Lebensgemeinschaften und Ökosysteme dieser Welt, die auch unser Klima beeinflussen. Das fängt an bei Wäldern, Seen, Mooren, Fließgewässern und Wüsten und allen Problemen, die damit verbunden sind: die Rodung von Wäldern, das Leerfischen der Meere, Nutzungsfragen und natürlich die Artenvielfalt. Dazu wurden Arbeitsprogramme entwickelt: Welche Schutzgebiete werden ausgewiesen, wie gehen wir um mit den Wäldern? Wie erhalten wir die landwirtschaftliche Vielfalt? Ein viertes, wichtiges Thema in Bonn wird sein, wie man den Zugang zu den genetischen Ressourcen regeln und einen gerechten Ausgleich erzielen kann, das so genannte Access-Benefit-Sharing-Abkommen (ABS). Es soll definieren, wie wir die indigenen Völker am Profit beteiligen, der mit der biologischen Vielfalt und ihrem Wissens darüber gemacht wird. Bislang kommt dieser nur den Unternehmen, die sie verwerten, und damit den Industriestaaten zugute. Hier geht es um die Lösung eines Nord-Süd-Problems.

Welchen Einfluss haben die indigenen Völker auf die Verhandlungen?
Sie sind im Rahmen ihrer Staaten daran beteiligt, denn es handelt sich um eine Staaten-Konvention. Als Gruppe sind sie auch bei den Verhandlungen dabei, nicht nur als Beobachter, sondern mit vollen Rechten, und sie bringen sich dort intensiv ein.

Wer die Artenvielfalt erhalten will, muss Schutzzonen ausweisen. Wie wichtig sind diese für Flora und Fauna?
Wir verzeichnen derzeit einen rapiden Verlust von Tier- und Pflanzenarten, der geschätzt um das Tausendfache über der natürlichen Aussterberate liegt. Damit verlieren wir auch das in ihnen enthaltene Potential an Vorbildern für unsere technische Entwicklung, an medizinischen Möglichkeiten. Derzeit sind 40 Prozent der Weltwirtschaft von der biologischen Vielfalt abhängig - denken Sie daran was passiert, wenn die Bienen aussterben und das Bestäubungsgeschäft nicht mehr übernehmen. Gleichzeitig geraten die Ökosysteme aus dem Gleichgewicht. Die Schutzgebiete sind ein Instrument, die Artenvielfalt zu erhalten, derzeit sind das global etwa zwölf Prozent. Das reicht von den Nationalparks bis hin zu nachhaltig genutzten Gebieten. Eine neue und interessante Initiative der Bundesregierung ist das Life-Web, eine Art Basar, auf dem Schutzgebiete angeboten werden. Dafür können Staaten oder Unternehmen, aber auch Naturschutzverbände oder Einzelpersonen Geld oder Know how anbieten. Wir erhoffen uns davon einen neuen Schub, wir sagen aber auch ganz deutlich, dass wir dafür mehr Mittel brauchen. Man schätzt, dass derzeit jährlich etwa sechs Milliarden Dollar für Schutzgebiete aufgewendet werden, wir brauchen aber an die 30 Milliarden. Dazu kommt, dass das meiste Geld bislang in den entwickelten Staaten aufgewendet wird, und nicht dort, wo die meiste Artenvielfalt zu finden ist.

In Teilen der Welt haben Schutzgebiete auch dazu geführt, dass die dort lebende Bevölkerung vertrieben wurde, in Afrika geht man von 14 Millionen Menschen aus.
Da ist ein Problem. Wenn wir strenge Schutzgebiete ausweisen, können wir der dort lebenden Bevölkerung nicht verwehren, sich zu entwickeln und ihre Lebensform der Zivilisation anzupassen. Das kann dann in Konflikt geraten mit den Zielen des Naturschutzes. Im Amazonasgebiet wiederum gibt es Völker, die bei ihrer herkömmlichen Lebensweise bleiben wollen. Brasilien hat deshalb Indigenen-Schutzgebiete ausgewiesen. In Afrika haben wir dagegen erlebt, dass einzelne Staaten Schutzzonen eingerichtet und die dort wohnende Bevölkerung vertrieben hat.

Deutschland will als Gastgeber in Sachen Naturschutz punkten, aber der hiesige Artenschutz und der Kampf um die Schutzgebiete zeigt, dass wir von einer Vorreiterrolle weit entfernt sind. Ein Beispiel sind die bedrohten Buchenwälder.
Tatsächlich steht hierzulande auf dem Prüfstand, wie viel Buchenwald wir uns beispielsweise leisten, und es gibt einen harten Kampf mit der Forstwirtschaft, die in den Wäldern nachhaltige Nutzungsplantagen sieht und den Artenschutz dem unterordnet. Wir meinen, dass es auch großflächige Gebiete geben muss, die überhaupt nicht genutzt werden. Mitteleuropa ist das Kernland von Buchenwäldern, für die wir eine besondere Verantwortung tragen. Die NGOs fordern mindestens fünf Prozent ungenutzte Buchenwälder. Andererseits ist das Schutzsystem - das wir hierzulande verfolgen, das muss klar sein - weltweit nicht realisierbar. Wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen und können Gleiches von den Entwicklungsländern zumindest fordern; aber wir können nicht gleichzeitig unseren Wohlstand auf deren Rücken aufrechterhalten. Wir müssen globale Verantwortung übernehmen, das heißt letztlich, dass Deutschland auch Zahlmeister für das globale Schutzgebietssystem sein muss. Deutschland sollte den Fonds mit zwei Milliarden Euro füllen, das müsste jeder G8-Staat tun.

Welche politischen Konstellationen zeichnen sich ab, und was erwarten Sie von den Verhandlungen?
Die EU agiert derzeit noch als Block, wie sich das entwickelt, bleibt abzuwarten. Ein großer Bremser ist beispielsweise Kanada wegen seiner Probleme mit der indigenen Bevölkerung, aber auch Japan als Biotechnologiestandort und dem Interesse an einem offenen Markt; problematisch waren bislang Australien und Neuseeland, wobei sich mit dem Regierungswechsel in Australien möglicherweise Bewegung abzeichnet. Wir versuchen, das seitens der NGOs zu beeinflussen. Wir müssen in Bonn ein Mandat für die Ausarbeitung eines Rechtstextes bekommen, der Biopiraterie verhindert. Wenn das nicht passiert, hat die Konferenz ihr Ziel verfehlt. In Bonn muss außerdem der illegalen Abholzung ein Ende gesetzt werden, und es müssen Waldschutzgebiete ausgewiesen werden, um das Klimaproblem in den Griff zu bekommen. Die Konferenz wird an diesen Zielen gemessen.

Das Gespräch führten Ulrike Baureithel und Dirk Friedrich Schneider

Günter Mitlacher ist Mitarbeiter des Forum Umwelt und Entwicklung und koordiniert das NGO-Netzwerk "Biologische Vielfalt"

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00:00 16.05.2008

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