Wir werden flüssig sein

Energie Die deutsche Bundesregierung unterstützt den Bau von Flüssigerdgas-Terminals. Die USA freut's, das Klima nicht

Die Hafenstadt Brunsbüttel in Schleswig-Holstein will wieder einen Namen in der Energiebranche haben. So wie früher, bevor das örtliche Kernkraftwerk 2007 wegen Baumängeln stillgelegt wurde. Zumindest sehen das der Bürgermeister und die ansässige Industrie so: Seit Monaten warten sie auf die Investitionsentscheidung der German LNG Terminal GmbH – eines deutsch-niederländischen Konsortiums, das in Brunsbüttel eine Anlandestation für Flüssiggasimporte bauen will. Noch stehen allerdings einige ziemlich hohe Hürden im Weg.

Die Terminal-Befürworter in Brunsbüttel mögen sich als Vorreiter einer neuen Ära fühlen: Erdgas gilt der Bundesregierung immerhin als Brückenkraftstoff der Energiewende, hier soll er in seiner flüssigen Form als LNG, als „liquefied natural gas“, angeliefert werden. Das sei auch deshalb sinnvoll, weil Deutschland damit seine Infrastruktur diversifiziere: Zusätzlich zu Pipelines könnten in Zukunft auch Schiffe von Übersee LNG liefern.

Der Haken dabei: Erdgas mag eine bessere CO₂-Bilanz aufweisen als Kohle. Doch rechnet man die Methan-Entweichung in der Produktion und beim Transport mit ein, dann ist es nicht klimaverträglicher als andere fossile Brennstoffe. Vor allem dann, wenn es durch Fracking in den USA gewonnen und zu LNG verflüssigt wird – dabei wird besonders viel Methan freigesetzt. Das belegt eine Studie von 16 renommierten US-Forschungseinrichtungen, die 2018 publiziert wurde.

Kritikerinnen des Ausbaus, etwa die Grünen-Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden, warnen vor sogenannten Lock-in-Effekten – das heißt, dass Erdgas wegen der Lebensdauer der neuen Infrastruktur viel länger verwendet werden würde, als es mit den Klimazielen vereinbar wäre, wenn die neuen Terminals erst mal in Betrieb sind.

Die Landesregierung von Schleswig-Holstein will den LNG-Ausbau trotzdem. „Das steht in unserem Koalitionsvertrag. Die Landesregierung hat sich klar für den Bau des Terminals entschieden“, sagt Harald Haase, Sprecher des Wirtschaftsministeriums von Schleswig-Holstein und Mitglied der Task-Force für das LNG-Terminal Brunsbüttel, einer Arbeitsgruppe, die sich mit dem Ausbau beschäftigt. Hier hofft man, mit dem Terminal die nötige Infrastruktur für den späteren Übergang zu synthetischen Gasen zu schaffen.

LNG bringe auch Vorteile für die Klimabilanz der Schifffahrt, sagt Haase. Laut Plan werde aber nur ein kleiner Teil des angelieferten LNG für die Schifffahrt veranschlagt, kritisiert Christian Barz, Grünen-Fraktionschef in der Ratsversammlung der Stadt Brunsbüttel: „Der Großteil des gelieferten LNG soll regasifiziert und ins Gasnetz eingespeist werden.“ Dabei seien die Kapazitäten des deutschen Erdgasnetzes gut ausgelastet. Wenn es wirklich um die Schifffahrt gehe, könnte diese sich auch LNG von anderen Terminals holen, etwa dem in Rotterdam. Das ist aktuell nur mit rund 18 Prozent ausgelastet – ähnlich wie viele andere LNG-Terminals in der EU.

Dass Europas LNG-Terminals jetzt schon eine Überkapazität haben, bestätigt auch Norbert Brackmann, Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft. Dennoch unterstütze er den Bau neuer Terminals, sagt Brackmann. Zwar wollte er zunächst nur ein Small-Scale-Terminal, das für die Zwecke der Schifffahrt ausreichend gewesen wäre. „Aber Investoren haben das als unwirtschaftlich von der Hand gewiesen. Deshalb haben wir nach anderen Möglichkeiten gesucht, wie der Aufbau einer LNG-Tankinfrastruktur sinnvoll gestaltet werden könnte“, fügt er hinzu. Jetzt sollen große Terminals gebaut werden, die nicht nur Schiffe mit LNG versorgen, sondern auch das Gasnetz. Die Wirtschaftlichkeit der Terminals könnte dadurch verbessert werden, indem die Kälte, die bei der Verdampfung entsteht, an umliegende Industriebetriebe abgegeben wird, so Brackmann.

Trump vs. Nord Stream 2

Rückenwind für den Bau kam im März 2019: Da beschloss das Kabinett, dass die Kosten für den Anschluss an das Fernleitungsnetz nicht mehr von den LNG-Anlagebetreibern getragen werden, sondern von den Netzbetreibern – die können die Kosten dann auf die Netznutzer umlegen.

Dazu kommen verschiedene Fördermöglichkeiten wie die Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW). Erst durch diese Anreize werde der Bau der Terminals wirtschaftlich möglich gemacht, sagt Brackmann. Für zukunftsfähig hält er die Terminals trotzdem – wegen der Möglichkeit, die Infrastruktur später auf erneuerbare Gase und Wasserstoff umzustellen.

Aber ist das so problemlos möglich? Grundsätzlich sei es kein Problem, die Terminals für Biogas und synthetisch hergestellte Gase zu nutzen, sagt Julian Röder, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Energiesysteme und Energiewirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Es sei aber unsicher, wie das zum Beispiel im Fall von Wasserstoff funktionieren solle.

Hinter alledem wirkt ein Faktor, der wenig mit Klimaschutz und der Energiewende zu tun hat und viel mit Geopolitik: Nord Stream 2, die Pipeline aus Russland quer durch die Ostsee, die Deutschland mit zusätzlichem Erdgas versorgen soll, steht kurz vor der Fertigstellung. Sie hat eine Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern. Die NordStream-Leitungen 1 und 2 können dann zusammen jährlich 114 Milliarden Kubikmeter liefern. Zum Vergleich: Deutschland hatte 2018 einen Verbrauch von rund 88 Milliarden Kubikmetern. Zum Teil würde das gelieferte Erdgas zwar auch in andere EU-Staaten weitertransportiert, doch hätte das Überangebot von Pipeline-Gas wohl deutliche Auswirkungen auf den Gasmarkt. Sollte Nord Stream 2 fertiggestellt werden, würde der Konkurrenzdruck auf LNG deutlich größer – was die US-Sanktionen gegen die Pipeline erklärt, die den Bau Ende Dezember zum Stillstand brachten.

Die Bundesregierung rechnet nach wie vor damit, dass die Pipeline fertiggestellt wird. Überhaupt habe der Bau der LNG-Terminals mit diesem Streit gar nichts zu tun, heißt es auf Anfrage. Im Mittelpunkt stünde die Diversifizierung der Energieversorgung. Die Infrastruktur könnten schließlich nicht nur die USA, sondern alle Anbieter nutzen. Dazu kommt die Rechnung, dass das viele Gas die Preise senken wird: „Der direkte Zugang zu einem zunehmend liquiden LNG-Markt kann sich mittel- und langfristig positiv auf die Gaspreise in Deutschland auswirken“, so das Bundeswirtschaftsministerium.

Zukunftstechnologie a. D.

Anders sieht die Sache die Bundestagsabgeordnete Verlinden: Für sie passen weder neue Gas-Pipelines noch LNG-Terminals zu den Pariser Klimazielen. „Aus energiepolitischer Sicht ist das eine Sackgasse. LNG ist keine Brückentechnologie“, sagt sie. Jede Investition, die dort hineinfließe, fehle stattdessen beim Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Der Brunsbüttler Lokalpolitiker Barz glaubt, der Druck aus den USA wirke als Triebkraft für den Bau eines eigentlich unwirtschaftlichen LNG-Terminals. „Ich glaube, wenn Trump seinen letzten Arbeitstag antritt, ist auch das Projekt hier gestorben“, sagt Barz, und: „Dann ist das Projekt hier eine Investitionsruine.“

Noch ist nicht klar, ob das LNG-Terminal in Brunsbüttel gebaut wird und ob weitere anderswo folgen. Potenzielle Projekte gibt es auch in den Hafenstädten Wilhelmshaven, Stade und – in kleinerem Maßstab – Rostock. Bislang hat keines der Konsortien eine Investitionsentscheidung getroffen.

In Brunsbüttel war eine Entscheidung für 2019 angekündigt, doch es gibt noch ein Problem: Das Terminal würde in der Nähe einer Chemiefabrik und des alten Atomkraftwerks gebaut werden. Alle drei sind sogenannte „Störfallbetriebe“, also Einrichtungen, die bei einem Unfall eine Gefahr für ihre Umgebung darstellen könnten und laut baurechtlichen Bestimmungen in genügendem Abstand zu anderen Störfallbetrieben liegen müssen. So steht es in einem Gutachten, das die Deutsche Umwelthilfe (DUH), lokale Umweltgruppen und die Hamburger „Fridays for Future“-Bewegung in Auftrag gegeben hatten. Man sei trotzdem optimistisch, sagt Katja Freitag von der German LNG Terminal GmbH, dem Konsortium, das das Terminal in Brunsbüttel plant.

Unterstützung kommt von der Bundesregierung, die das Projekt weiter zu forcieren scheint. Auch wenn die zur „Brückentechnologie“ heruntergestufte einstige Zukunftstechnologie Flüssiggas schon sehr bald alt aussehen könnte.

Alicia Prager recherchiert zu Wirtschafts- und Klimafragen, oft mit Blick auf die EU

06:00 18.02.2020

Ausgabe 13/2020

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