Wir wollen unser Öl nicht trinken

Vorgeschichten eines angekündigten Krieges Der Irak versucht, trotz der Drohungen aus den USA einen Anschein von Normalität zu wahren

Wir haben diese Fahrerei so satt", seufzt mein Reisegefährte, ein Wissenschaftler aus Bagdad. Dabei ist die Wüstenautobahn von der jordanischen Grenze in die irakische Metropole ein durchaus gut erhaltenes Relikt aus besseren Zeiten. Ein deutsches Bauunternehmen hat die sechsspurige Rennbahn durch die endlose Sandfläche einst projektiert - sie mutet an wie ein Stück Deutschland mitten in der Wüste samt Auffahrten, Brücken und Rastplätzen mit Sonnenschirmchen und Sitzgruppen, die in der unwirtlichen Gegend niemand benutzen mag. Ende der achtziger Jahre fertiggestellt, ist das 550 Kilometer lange Betonband heute wichtigste Verbindung des Irak zur Außenwelt. Linienflüge gibt es praktisch nicht mehr, seit die Golfkriegs-Alliierten 1991 über die Hälfte des Staatsgebiets ein scharf überwachtes Flugverbot verhängt haben. Ein Sitzplatz in einer der Royal Jordanian-Maschinen, die mit Einzelgenehmigung der UN "in humanitäre Mission" zwischen Amman und Bagdad pendeln, ist teuer und steht nicht jedermann zur Verfügung. Wem es möglich ist, aus dem Irak in den Rest der Welt zu reisen, kommt an der mühseligen Zehn-Stunden-Rallye zwischen klapprigen Lastzügen und dahindonnernden Öltankwagen nicht vorbei.
Zwei blutige Kriege und elf Jahre Embargo haben den einst wohlhabenden Ölstaat auf den Standard eines Entwicklungslandes gedrückt. Unübersehbar ist der fortschreitende Verfall einer Infrastruktur, die vor 20 Jahren investitionsfreudig aufgebaut wurde. Nicht nur die Tankzugflotte stammt aus den Siebzigern: auch die klapprigen und verbeulten Uralt-Vehikel, die neben wenigen modernen Limousinen den archaischen Bagdader Straßenverkehr bestreiten, verleihen der Tigris-Metropole einen Hauch von Havanna.

Sanktionsdiktat: Unter der Fuchtel des "Komitees 661"


Unmittelbar nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait hatte der Sicherheitsrat mit seiner Resolution 661 im August 1990 ein umfassendes Wirtschaftsembargo verhängt, von dem lediglich Lebensmittel, Medikamente und vom Komitee 661, das aus den Mitgliedern des Sicherheitsrats besteht, freigegebene humanitäre Güter ausgenommen sein sollten. Die Waffenstillstandsresolution 687 vom April 1991 band dann eine Aufhebung der Sanktionen an eine international verifizierte Zerstörung aller irakischen Massenvernichtungswaffen. Seit Dezember 1996 ist - nach mehreren Anläufen - das Programm "Öl für Lebensmittel" in Kraft, das limitierte Ölexporte des Irak erlaubt, um vom Erlös den Kauf dringend benötigter Güter zu ermöglichen. Alle Importe müssen weiter vom Komitee 661 genehmigt werden. Was irgendwie militärisch genutzt werden kann, ist tabu.
Die Sanktionen treffen nahezu jeden in diesem Land, das seit über zehn Jahren in einer Art dauerndem Belagerungszustand lebt - vom Zeitungsverleger, der wegen Papiermangels nur noch ein Zehntel der früheren Auflage druckt, bis zum Familienvater, der die Seinen nur mit Hilfe der subventionierten Lebensmittelrationen durchbringen kann. Auf das Lebensmittelkartensystem ist man stolz - auch bei der UNO sei es als eines der besten der Welt anerkannt, sagt Fakhaldin Rashan, Generaldirektor im Handelsministerium. Jedem Einwohner garantiere der Warenkorb zum symbolischen Preis von 250 Dinar (0,15 Euro) einen Monat lang täglich 2.400 kcal an Grundnahrungsmitteln.
Dennoch fehlt es an allen Ecken und Enden - Wasser- und Nahrungsmittelversorgung, Hygiene und Gesundheitswesen leiden unter dem Embargo ebenso wie Bildung und Forschung. Für die Iraker, deren gut ausgebildeter Wissenschaftselite einmal die ganze Welt offen stand, ist es schwer zu ertragen, dass Auslandsreisen kaum noch erschwinglich und Visa für westliche Länder fast nicht zu bekommen sind. Viele, denen sich die Chance dazu bot, haben sich abgesetzt; irakische Wissenschaftler bevölkern die Universitäten der ganzen arabischen Welt. Dem brain drain durch Abwanderung und Nachwuchsmangel steht die Verarmung der breiten Massen und der im Verborgenen genossene Reichtum weniger gegenüber. "Die Sanktionen haben den Irak entprofessionalisiert", kritisierte schon vor Jahresfrist der deutsche UN-Diplomat Hans von Sponeck, der anderthalb Jahre das "Öl für Lebensmittel"-Programm geleitet hatte.
Ein Besuch im "Saddam-Hussein-Kinderhospitals" gehört zum Pflichtprogramm für jeden ausländischen Gast. Rund 1.000 kleine Patienten kommen täglich in das 360-Betten-Haus, etwa hundert werden zur Behandlung aufgenommen. Klinikchef Dr. Al Dilami führt durch ein Gebäude, in dem nicht nur der Fahrstuhl längst ausgedient hat. Er habe krebskranke Kinder, die nicht austherapiert werden könnten, weil die benötigten Medikamente nur unregelmäßig einträfen und Ersatzteile für Sterilisatoren nicht zu beschaffen seien. Kinder müssten sterben, weil das Komitee 661 einfach Lieferungen blockiere.
Bis zu 1,6 Millionen Menschen sollen nach irakischen Angaben mittelbar oder unmittelbar durch das UN-Embargo ums Leben gekommen sein. Eine UNICEF-Studie stellt fest, dass sich die Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit seit Beginn der Sanktionen mehr als verdoppelt hat. Denis Halliday, früherer UN-Koordinator für humanitäre Hilfe im Irak, geht für die Jahre 1990-1998 von über einer Million Todesopfern aus, davon allein 600.000 Kinder unter fünf.
Die Regierung des Irak hat zwischenzeitlich durchaus Wege gefunden, sich mit dem Sanktionsregime zu arrangieren. Wer es sich leisten kann, bekommt für Dollar alles - vom zollfrei ins Land geschafften Computer bis zu exklusiver ärztlicher Behandlung in einer Privatklinik. Auch der stellvertretende Gesundheitsminister, der beredt die Misere der staatlichen Krankenhäuser schildert, geht nach Feierabend - im Irak heißt das: 14 Uhr - seinem Zweitberuf nach und kümmert sich um Privatpatienten. Das Land selbst aber, das über die zweitgrößten - manche sagen gar, die größten - Ölreserven der Welt verfügt, siecht dahin.
Das Programm "Öl für Lebensmittel" ermöglicht zwar lebenswichtige Einfuhren, wie die Erlöse aus dem Ölexport (bis zu zehn Milliarden Dollar in sechs Monaten) jedoch verwendet werden, entscheidet vorzugsweise das Komitee 661. Ein beträchtlicher Teil fließt in Reparationen an Kuwait und wird für Kosten der UN-Präsenz abgezweigt. Fast 40 Prozent der Einnahmen seien das, behauptet der erwähnte Fakhaldin Rashan vom Handelsministerium, während man für humanitäre Leistungen nur ein Drittel der Erlöse ausgeben dürfe. Lieferverträge in Milliardenhöhe lägen wegen der Willkür des Komitees auf Eis.
So bleiben dem Regime oft nur graue Kanäle, um nicht völlig ausgetrocknet zu werden. Allein Syrien, so wird unter der Hand angedeutet, "transferiere" jeden Tag 300.000 Barrel irakisches Öl, was die Regierung in Damaskus - immerhin nichtständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat - gegenüber Washington und London beharrlich leugnet. Schmuggel blüht überall und als border trade besonders an den Wüstengrenzen. Dass die Fahrer der alten Tanklaster, die mit "legaler" Ölfracht auf der Autobahn nach Jordanien jagen, in der Regel noch eine Privatration mitführen, die sie jenseits der Demarkationslinie unter der Hand verkaufen, ist kaum verwunderlich, kosten doch 100 Liter Benzin in Bagdad ganze zwei US-Dollar - in Amman das Zwanzigfache.

Bunkermentalität: Unsichtbare Narben unter einer Fassade der Gelassenheit


Große Erwartungen richten sich wieder einmal auf Moskau - Russland hat Kontrakte über 4,3 Milliarden Dollar mit dem Irak unterschrieben, von denen das UN-Komitee 2,3 Milliarden hartnäckig blockiert. Auch um ein stärkeres deutsches Engagement wird massiv geworben. Vor dem Golfkrieg 1991 Handelspartner Nr. 1, bewegt sich das Volumen des deutschen Irak-Geschäfts heute unter ferner liefen. Mercedes-Lastkraftwagen etwa können nur auf Umwegen über Russland eingekauft werden.
Deutschland habe in Bagdad nach wie vor einen guten Ruf, auch wenn es offenbar am "amerikanischen Fieber" leide, raunt ein irakischer Intellektueller. Berlin wolle sich gewiss stärker engagieren, habe aber Angst vor den USA. Frankreich jedenfalls dränge offensiv in dieses Vakuum und habe auch die diplomatische Präsenz - anders als Deutschland - ausgebaut. Ein klares Zeichen für die europäischen Ambitionen Bagdads ist zweifellos die Umstellung des irakischen Ölgeschäfts auf den Euro noch 2001 - für die junge Einheitswährung immerhin ein Nachfrageschub von einigen Milliarden.
Einer der irakischen Politiker, die stets Konzilianz gegenüber Europa signalisieren, ist Tariq Aziz, Vizepremier und langjähriger Außenminister Saddams. Er residiert im Ministerratsgebäude, einem monumentalen Repräsentationsbau mit Lichthöfen und Bogengängen, der orientalischen Prunk im neoklassizistischen Gewand entfaltet. Seine Gäste empfängt Aziz nach wie vor im Kampfanzug: Der Irak sei nicht Afghanistan, und wer einen Hasen fangen könne, sei noch lange nicht fähig, einen Löwen zu erlegen, meint er gleich zu Beginn. Gehe es denn wirklich um eine Rückkehr von Waffeninspektoren? Das würde einen Angriff der USA bestenfalls verzögern, nicht verhindern. Es wäre doch töricht, sie wieder ins Land und damit erneut sensible Ziele für spätere Bombardements ausspähen zu lassen. Da es nicht gelungen sei, eine Liaison des Irak mit al Qaida zu konstruieren, greife man eben jetzt auf die bekannten Vorwände Massenvernichtungswaffen und Inspektoren zurück.
Naji Sabri - Aziz´ Nachfolger als Außenminister - sieht das ähnlich, auch wenn bei seiner Erklärung nie ein aggressiver Unterton herauszuhören ist. Der Diplomat gilt als neuer Mann aus der Umgebung des jüngsten Sohnes von Saddam Hussein - 26 Monate Botschafter in Wien scheint er mit westlichen Gepflogenheiten bestens vertraut, was ihn in der Sache freilich kaum weniger resolut als Aziz argumentieren lässt: Irak habe nie atomare oder biologische Waffen besessen, lediglich chemische, die bis 1994 vollständig vernichtet wurden. Seither habe man nichts gefunden und Rolf Ekeus, Chef der Inspektorengruppe, sei schon 1996 mit der Erklärung aufgetreten, seine Mission sei zu 95 Prozent erfüllt. Warum also würden die Sanktionen nicht endlich aufgehoben? Zudem sei es doch Beschlusslage der Vereinten Nationen, Massenvernichtungsmittel im gesamten Nahen und Mittleren Osten zu eliminieren. Der Irak sei dazu bereit, doch Israel habe nun einmal das größte Arsenal an derartigen Waffen.
Immer klingt da bei den politischen Eliten eine offenbar tief verinnerlichte Bunker-Mentalität durch: Wollten die USA angreifen, würden sie auch einen Vorwand finden, aber man werde sich zu wehren wissen, eine Mischung aus Trotz und Resignation.
Ähnlich fatalistisch sieht offenbar auch die Mehrzahl der Iraker dem als unvermeidlich angesehenen nächsten Militärschlag der USA entgegen. Von Kriegsfurcht ist auf den Straßen und Basaren kaum etwas zu spüren. Erst auf Nachfragen geben Hotelangestellte, Straßenhändler oder Busfahrer ihre Angst vor neuen Bomben zu. Die sichtbaren Narben des Krieges von 1991 wurden zwar geschlossen, die unsichtbaren aber schmerzen unter einer Fassade der Gelassenheit.
Entisar Ahmed weiß davon ein Lied zu singen, und sie tut es täglich mehrmals, seit vielen Jahren schon. Die junge Frau aus dem altehrwürdigen Samarra führt Besucher durch den Bunker im Stadtteil Al-Amiriya, der am 13. Februar 1991 von einer US-Flügelrakete zerstört wurde. Über 400 Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, seien dabei ums Leben gekommen, erzählt Entisar, nur 14 hätten überlebt. Mit dramatischer Geste zeigt sie, wo Kinder in ihren Betten verbrannt seien und man die Silhouetten der Körper noch erkennen könne.
"Bush is criminal", steht unter dem fratzenhaft verzerrten Porträt des Vaters des US-Präsidenten. Wer das Nobelhotel Al Raschid betritt, muss dem buntmarmorn in den Fußboden eingelassenen Altpräsidenten ins Gesicht treten. Dennoch sucht man Antiamerikanismus im irakischen Alltag vergebens. Der Dollar ist allgegenwärtig, Englisch zweite Geschäftssprache, die Jungen trinken Coca Cola - und vor dem Glamour-Lokal Talk of the Town werden Werbezettel im Mickey-Mouse-Kostüm verteilt.
Die Sehnsucht nach einem normalem Leben scheint groß in der Bevölkerung, und die Politiker geben sich bescheiden: Man wolle doch nur in Frieden gelassen werden. Der Irak brauche den Kontakt mit Menschen aus Europa und dem Rest der Welt, meint Außenminister Sabri. Sein Land habe die amerikanische Ölversorgung nie bedroht und wünsche normale Beziehungen mit den USA: "Wir wollen unser Öl nicht trinken; wir haben es bisher verkauft und wollen es weiterhin verkaufen."

00:00 05.04.2002

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