Wir Zonenrandgebietskinder

Ich hatte eine harte Jugend. Eine schöne, aber harte Jugend. Ich kann zwar nicht kultige NVA-Saufgelage-Geschichten erzählen wie die Surfpoeten, wie ...

Ich hatte eine harte Jugend. Eine schöne, aber harte Jugend. Ich kann zwar nicht kultige NVA-Saufgelage-Geschichten erzählen wie die Surfpoeten, wie Jana Hensel unterdrückte Innerlichkeit nach außen kehren oder wie Claudia Rusch das unfreie Leben in der Freien Deutschen Jugend bejammern, aber leicht war das Erwachsenwerden in der alten BRD auch nicht. Am Rande des westdeutschen Wohlfahrtsstaats zwischen Harz und Solling aufgewachsen, litt ich als waschechter 68er (Geburtsjahrgang natürlich) unter den Zwängen des Individualismus.

Stundenlang musste man durch die Neubaugebiete von Differenz signalisierenden, immergleichen Einfamilienhäusern rennen, um ein Kind im passenden Alter zum Spielen zu finden. Schon damals war es schwer, jemanden für Fußball und Hüttenbau zu begeistern. Die Kinder von den Neubau-Eltern mussten alle auf dem Grundstück bleiben und durften oft auch nicht mit uns Schmuddelkindern aus den Kollektivwohnungen verkehren. Wenn man mal dort spielte, durfte man natürlich nichts unordentlich und sich selbst nicht dreckig machen.

Unseren Militarismus bekamen wir Jungs nicht im Wehrkundeunterricht ab, das gab´s ja in der Schule nicht. Stattdessen hatten wir einen Chemielehrer, der immer von der guten, alten Hitlerjungenerziehung sprach - ganz ironisch natürlich. Außerdem zeigte der Norddeutsche Rundfunk unter dem Titel "Vor vierzig Jahren" jeden Samstag eine Wochenschau aus dem Krieg. Schneidige Panzerattacken, schicke Messerschmitt-Flugschauen und hin und wieder ein russischer Untermensch befriedigten die militärerotischen Triebe von uns pubertierenden Jungen auch viel besser als irgendwelche pädagogischen Tipps von Lehrern. Bevor erklärendes Historikergewäsch im Anschluss die Nazipropaganda relativierte, wurde natürlich ausgeschaltet. Wer wollte das schon hören.

Aber wir waren auch oppositionell. Im Nato-Parka gegen Atomkraftwerke zu demonstrieren, war sozusagen der Mainstream. Richtig ärgern konnte man seine Eltern und Lehrer dagegen nur, wenn man Feindsender hörte. Schließlich konnte man bei uns DT-64 empfangen. Und deshalb war ich in der Lage, alle Musik der Welt auf Kassetten aufzunehmen und musste nicht die teuren Platten kaufen. Das war sogar praktischer Widerstand gegen den Konsumismus. Aus gesellschaftlichen Organisationen wegen ideologischer Verfehlungen ausgeschlossen zu werden, war allerdings ziemlich einfach. Ein roter Stern am Revers und schon hatte man ein Parteiausschlussverfahren der Jusos am Hals. Bei denen hing man zu dieser Zeit als kleiner linker Provinzler noch herum. Sie brachten mir bei, dass Helmut Schmidt die Erfahrungen seiner Wehrmachtszeit noch im Kampf gegen die Rote Armee Fraktion gebrauchen konnte und wie er zum Heros der Eigenheimzulagebewegung avancierte. Außerdem lernte ich, wie man in der Partei zu etwas kommen konnte, aber das war auf Dauer zu hart für meine junge Leber. Die Grünen waren übrigens schon damals bei den wirklich coolen Leuten unbeliebt. Da trieben sich nur die fusseligen Kirchgänger rum, die selbstgestrickte Pullover trugen und genau so redeten wie die Jungs von der Jungen Union.

Warum ich das alles erzähle? Nun, ich wohne seit ein paar Jahren im Osten von Berlin und habe das Gefühl, meine Nachbarn wissen gar nicht, was ich alles durchmachen musste. Denn wir sind nicht alle mit 18 schon im eigenen Golf zur Schule gefahren. Von wegen. Um am Samstag in die nächste Disco in dreißig Kilometer Entfernung zu kommen, mussten wir stundenlang um Papas Käfer betteln. Der Käfer war, für die Jüngeren unter uns, ein älteres Modell der Firma Volkswagen, das noch zur Nazizeit entwickelt wurde, damit jeder Deutsche ein Automobil bekomme. In ihm stank es immer nach Benzin und im Winter war es bitterkalt. Dafür war´s schön eng und man konnte den Mädchen, sofern sie mitfuhren, näher kommen. Leider fuhren selten welche mit. Wir waren ja nicht so freizügig wie die Ostjugendlichen. Unsere ganze Erziehung lief eher auf karrieristische Verklemmung hinaus. Und es gab auch nicht an jeder Ecke einen Jugendklub, wo man sich hätte treffen können. Man musste immer in die Kneipe oder die Eisdiele und konsumieren. Wir Jungs aus den ärmeren Schichten hatten da natürlich schlechtere Karten bei den Mädchen, zumal uns unsere Eltern keine Mopeds kaufen konnten. Sex haben oder nicht war bei uns eine Klassenfrage!

Ehe nun alle vor lauter Mitleid in Tränen ausbrechen, soll das als Einblick in unsere Jugend genügen. Also bitte, ihr Hensels, Ruschs und Hein-Juniors: Verschont uns in Zukunft mit euren als Romane feilgebotenen Tagebüchern, sonst rüsten wir nach, und das wird dann keine schwiemelige Internatspoesie sein, sondern sich am literarischen Helden unserer Jugend orientieren. Der hieß Charles Bukowski.

00:00 24.10.2003

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