Wirfühler

Linksbündig Die WM gleicht dem rheinischen Karneval mehr, als sie möchte

Einige intelligente Menschen sehen im Weltfußballverband Fifa die nach globalem Umsatz größte Mafiaorganisation der Erde. Wesentliche Merkmale der Mafia, nämlich die Infiltration in Länder, die gemeinhin als Rechtsstaaten gelten, erfüllt er in der Tat. Wichtige deutsche Gesetze, zum Beispiel die über Visaerteilungen und das Zahlen von Steuern, wurden extra für ihn außer Kraft gesetzt. Einen Parteienstreit darüber gab es nicht.

Dieser Sachverhalt wird hierzulande allenfalls in Kabarettprogrammen gewürdigt. Dass der Europäischen Union eine Expertise vorliegt, die den europäischen Fußball in Gefahr sieht, in kriminelle Hände von dubiosen Spieleragenten und großen Geldwäschern zu fallen, das passt nicht in die patriotismusbesoffene deutsche Landschaft. Um das zu erfahren, musste man am Tag des WM-Eröffnungsspiels schon in die Auslandspresse blicken, in diesem Fall in die Neue Zürcher Zeitung, die sich in Geldwäsche-Fragen naturgemäß bestens auskennen dürfte (oder man muss die exzellente Fußball-Presseschau des Gießener Wissenschaftlers Oliver Fritsch beziehen).

Der medienindustrielle Komplex in unserem Land interessiert sich dafür nicht. Er fabuliert über entkrampften guten Patriotismus und versucht sich - wie schon vor der letzten Bundestagswahl - in Autosuggestion darüber, wie "wir" fühlen und wie "wir" sind, nämlich gutgelaunt und optimistisch und insgesamt durch und durch weltmeisterlich. Der Kater wird wieder kommen, das ist sicher.

Dennoch gibt es keinen Grund, sich in beckmesserischer Weise über die Feierlust unserer Landsleute zu ergehen. Die WM setzt nämlich durchaus wesentliche Teile des Kapitalismus vorübergehend außer Kraft. Wenn, wie in der WM-Vorrunde, die ersten Spiele bereits um 15 Uhr beginnen, dann bleibt kaum Zeit zum Arbeiten. Und während der knapp bemessenen effektiven Arbeitszeit wird gefachsimpelt über Favoriten und Außenseiter, über die Tagesform und die Attraktivität von Spielern und über das letzte Bier, das am Vorabend schlecht gewesen sein muss. Alles Fragen, die übrigens längst keine reine Männersache mehr sind. Wer es nicht weiß, die deutschen Frauen sind schon lange Weltmeisterinnen, nur wie im wahren Leben viel schlechter bezahlt.

Weltmeisterschaft hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem rheinischen Karneval. Es wird gefeiert, gelärmt, gesungen. Man versammelt sich in Stadien, auf öffentlichen Plätzen, in Gasthäusern, im heimischen Garten oder Wohnzimmer und lässt "die Sau raus", und das für einen Monat. Viele, die das hassen, verreisen. Viele, die es lieben, reisen an.

"Die Welt" ist es freilich - leider - nicht, die bei uns zu Gast ist. Die größten Völker zum Beispiel, China und Indien, sind nicht dabei. Russland fehlt ebenfalls, alle nicht qualifiziert. Und die Länder, die dabei sind, entsenden Angehörige ihrer Oberschicht. So war es mir vergönnt, in der Bahn das Gespräch zweier junger Männer aus Kolumbien und einer deutschen Studentin zu verfolgen. Die Herren wollten unbedingt noch Eintrittskarten erwerben, koste es was es wolle. Die Studentin war geschockt, könne sie doch "für das Geld zwei Wochen Urlaub machen". Wer sich als Lateinamerikaner ein Reisepaket für 4.000 Euro leisten kann, für den spielt Geld wohl in der Tat keine große Rolle mehr.

Trotzdem tut es unserer Republik durchaus gut, mal wieder von fremden Menschenmassen "überschwemmt" zu werden. Das Straßenbild internationalisiert sich, die Atmosphäre verändert sich vorteilhaft. Und die Marketingabteilungen der Städte überschlagen sich in der Betonung ihrer Gastfreundlichkeit.

Das gemeinsame Feiern, die Ausgelassenheit, die kleinen Grenzüberschreitungen zeigen vor allem, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Dass er Gemeinsamkeit sucht, umso intensiver, je mehr sie gesellschaftlich entschwindet. Dem tragen nicht nur die "Weltjugendtage" des Vatikan, sondern auch die Weltsozialforen Rechnung. Menschen aus fremden Ländern kennenlernen, mit ihnen Gemeinsamkeiten entdecken ist sexy. Die Leute suchen Spass und gute Laune, auch Schönheit und Attraktivität im Fußball, wo sowohl die Künstler als auch solide Handwerker geliebt werden. Alles Dinge, die uns durch die ökonomischen und politischen Veränderungen immer mehr genommen werden. So ist diese Weltmeisterschaft auch ein Hinweis, was neben Analysen und Scharfsinnigkeit geboten werden muss, wenn man politisch erfolgreich sein will: Genuss und Lebensfreude.


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00:00 23.06.2006

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