Bazon Brock
Ausgabe 4913 | 06.12.2013 | 06:00 14

Wirken ohne Werk

Kunst In Berlin hat die Christoph-Schlingensief-Retrospektive eröffnet. Er hat begriffen, was politische Kunst heute ist: Journalismus mit anderen Mitteln

Helmut Kohl rief bekanntlich die „geistig-moralische Wende“ aus, und Christoph Schlingensief wurde von dieser unfrommen Lüge, also von der Verkohlung des Publikums durch Kohl, erweckt. Als ehemaliger Messdiener war er höchst moralsensibel. 20 Jahre lang versuchte Schlingensief das Gespenst Kohl zu löschen. „Tötet Helmut Kohl“, forderte er. Oder „Legt ihn wenigstens trocken!“ Und er überbot Loriots Badewannendrama, indem er postulierte, es sollten Tausende gewichtiger Zeitgenossen in den Wolfgangsee springen, um mit der so ausgelösten Riesenwelle die Ödylle am Seeufer wegzuspülen.

Was war das politisch Wirksame an diesem, wie einem Dutzend weiteren grandiosen Konzepten des vor mehr als drei Jahren verstorbenen Künstlers?

Mit seinen Aktionen wurde schlagartig offenbar, dass die Bundesrepublik aus dem Geiste des Politkabaretts geboren und gehütet worden war. Jeder Machtoption wurde eine Doppelgestalt der kabarettistischen Rationalität zur Seite gestellt. Der von Ex-Nazis reklamierte Carl Schmitt wurde von Carlo Schmid überblendet und überformt: Beide übrigens aktive Kunstfreunde, Schmitt war sogar Dada-Propagandist, bevor er dem Führer folgte. Schmid übersetzte aus dem Französischen die Programmatiker des Modernismus und lehrte Politik als literaturwissenschaftliche Disziplin.

Zwei weitere Karyatiden am Bau der BRD waren Ludwig Erhard und Heinz Erhardt. Schon von Gestalt eine nahe liegende Analogie, aber erst der Erhardt’sche Blick auf die Politik Erhards enthüllte das, was die Kabarettisten seither als Realsatire erkennbar werden ließen.

So gut wie allen Historikern der Bundesrepublik ist entgangen, dass die Umbildung des einst braunen Volkes in der BRD (aber ex negativo nicht minder bedeutsam in der DDR) ganz entschieden vom Kabarett als moralischem wie erkenntnisstiftendem Verfahren geleistet wurde. Schlingensief war ihr Prophet wie Märtyrer. Seine Aktionstypik entspricht der karikaturgemäßen Verzerrung, Übertreibung, Zerlegung der Zumutungen der Politik. Man hatte bloß bis dato nicht damit gerechnet, dass die Karikatur auch als theatralische, dadaeske, happineske Real-life-Aktion wirksam werden könnte: Martin Kippenberger als bildender Künstler, Thomas Bernhard als Literat, Joseph Beuys in der Volkspädagogik.

Schlingensief hatte im Mülheimer Atelier von Werner Nekes seit 1984 gut aufgepasst. Über Jahre hörte er dort, was die zahlreichen aktionistischen Gäste zu loben wussten. Aber er wollte die Erzählungen überbieten – was ihm gelang. So bot er in Wien seine Ausländer-raus-Aktion in direktem Bezug zum Heldenplatzdrama von Thomas Bernhard an. „Scheitern als Chance“ replizierte das Diktum von Achternbuschs „Du hast keine Chance, aber nutze sie“. Die Animatorkonstruktion vereinheitlichte den Schwitter’schen Merzbau mit den Tier- und Menschenversuchsanlagen, wie sie Michel Foucault bloß als historische Phänomene untersuchte, obwohl sie in den Kaufhäusern bereits schamlos als selling fields genutzt wurden.

Was ist das Entscheidende für die Würdigung Schlingensiefs? Er akzeptierte die Kennzeichnung des modernen Aktionismus als Journalismus sofort. Kippenberger zum Beispiel spielte den Beleidigten, als man ihm klarzumachen versuchte, dass er im besseren Sinne Bildjournalist sei. Schlingensief verstand, was die Stunde der Kunstevolution anzeigte. Man musste sich entscheiden, ob man sich in Gottesanmaßung zum Werkproduzenten oder in der Nachfolge Christi zum Wirken ohne Werk bekennen wollte. Der Geist der „heiligen deutschen Kunst“ kann durchaus in beiden Feldern wirksam werden.

Werk oder Wirkung?, hieß und heißt die Herausforderung. Journalismus ist die offensichtlichste Form der Wirkung ohne Werk, wie sie Jesus und Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer, Priester, Dramaturgen, Regisseure und Schausteller mit großer Beispielhaftigkeit zur Geltung gebracht haben. Alles, was Schlingensief als Chance wahrnahm, war zeitgeistig und systematisch auf Wirkung angelegt, auf Überzeugung und Einsicht. Nicht auf Provokation, Klamauk und egomanen Aufmerksamkeitsradau.

Ist euch Journalisten nicht aufgefallen, dass ausgerechnet jene Künstler besonders milde, höflich, wohlerzogen aufgetreten sind, die ihr als Radikalisten ausrieft? Schlingensief, Meese, Beuys. Da kann man doch ihre Wirkungsabsicht nicht im Zerschlagen von Konventionen oder ähnlichem Unsinn sehen wollen. Schlingensief war wegen seiner Wirkungsstärke ein höchst zurückhaltender Arbeiter im Tränenfeld der öffentlichen Belange. Wie bei allen Aufklärern reizte das Lachhafte der Politphraseologie seine Lachkraft.

Wer Beuys, Meese, Qualtinger und Polt erlebte und erlebt, rühmt ihre Lachkraft, pferdig wiehernd wie Beuys, scheppernd wie das „Määähhh“ einer Herde eingeschüchterter Sündenböcke à la Meese oder kraftvoll zustimmend wie Polt in der Rolle des Selbstmörders. Der Auftrag zur Vervollkommnung unserer politischen Bildung, meine ich, könne nur darin lauten, sich möglichst oft daran zu erinnern, wie engelhaft verklärt Schlingensief gelacht hat.

Bazon Brock, geboren 1936, ist emeritierter Ästhetikprofessor und gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Fluxus-Bewegung

Dies ist die für die Druckausgabe gekürzte Fassung des Beitrags von Bazon Brock. Die Langfassung finden sie hier

 

schlingensief

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 49/13.

Kommentare (14)

Berufsjugendlicher v2.0 07.12.2013 | 15:15

Vielen Dank Bazon Brock, aber der Untertitel reizt nicht zum Lesen.

Wer schreibt denn die Untertitel? Alles im Präsenz, das ist schon beim Michael Jäger bemerkt worden.

https://www.freitag.de/autoren/zyxw

Oder ist das Ausdruck einer Gegenwartsphilosophie, nichts ist vergangen oder weil die Schweizer kein Präteritum kennen oder weil das Denken sowieso im Kreis verläuft.

Noch kurioser ist, dass dieser Artikel drei verschiedene Überschriften und Untertitel hat.

Die Printversion:

BTW in der Langversion warnt Brock davor, die Erinnerung an Schlingensief ins Bombastische zu heben, genau das passiert ja hier.

Die Überschrift der Langversion:

Rüdiger Grothues 07.12.2013 | 17:05

In der Tat, die Existenz der beiden Fassungen des Schlingensief-Artikels wirft Fragen auf.

So bin ich auf einen Textteil gestoßen, den ich nicht verstanden habe, und der war in der Printversion nicht enthalten (der Satz schon, aber gekürzt um diesen Textteil, siehe hier bei der Langfassung).

Und leider funktioniert der Link im Zusammenhang mit dem Thema Untertitel im Präsens/Michael Jäger nicht so richtig. Jedenfalls kann ich mir keinen Reim darauf machen.

Grüße von
Rüdiger

Berufsjugendlicher v2.0 07.12.2013 | 20:52

zyxw heißt er ja, der schrieb:

/++theme++freitag.theme/images/avatar_tile.pngzyxw 04.12.2013 | 09:15 "Vor 75 Jahren wird ..." Was ist das bloß für ein Deutsch, haben Sie schon mal etwas von Vergangenheitsformen gehört? Wir haben die noch in der Schule gelernt. "

zum Artikel:

"Michael Jäger04.12.2013 | 06:0016

Alles ist möglich

Zeitgeschichte Vor 75 Jahren wird in einem Berliner Institut die Kernspaltung entdeckt und das Atomzeitalter eingeleitet. Die Menschheit ist nun in der Lage, sich selbst auszulöschen"

Michael Jäger wies daraufhin, er hätte die Vergangenheitsform in seinem Artikel benutzt, aber der Untertitel, der sich darauf bezog - und den Präsens verwendet - sei nicht von ihm.

Ich finde es jedenfalls auffällig, dass hier Zeitbezüge konstruiert werden, die aktuelles Zeitgeschehen vorgaukeln.

Rüdiger Grothues 08.12.2013 | 18:32

Ja, Danke, jetzt führt der Link zum Ziel.
Ich finde die rigide Tendenz zur Gegenwartsform hin (Action!) gleichfalls nicht überzeugend.
Dasselbe vollzieht sich auch in der Literatur, ausgehend von angloamerikanischen Vorbildern.
Header allerdings müssen natürlich dem jeweils herrschenden Leseverhalten Rechnung tragen und als lärmende Türsteher auf das Kommende neugierig machen, um die flüchtige Leserin bei der Stange zu halten.
Ansonsten verweist dieser Schlenker auf einen SEHR WICHTIGEN ARTIKEL mit anregendem Kommentarstrang.

Rüdiger Grothues 08.12.2013 | 19:13

In der Tat, guter Hinweis, bei Johannes Grützke taucht das Wort "Erlebnisgeiger" konkret auf.
Vielleicht handelt es sich um einen mehr oder weniger überkommenen Begriff, den Bazon Brock benutzt, um auf die Beiträge der Popmusikstars zu verweisen im Bereich der "happineske(n) Real-life-Aktion", keine schwere Übung für die Akteure der Popszene. Und das bespielte Instrument besitzt in aller Regel Saiten. Das reicht vielleicht.

Roesike Axel 09.12.2013 | 04:07

Was kommt nach dem Großen Lachen? Soll dann noch was sein?

Schon hatte man sich damit abgefunden, angeschmiegt an eine weitere Phase aufklärender Intelligenz, dass man den Krieg nicht gegen die Paläste, aber gegen die (geschmacklosen) Hütten betriebe.

Doch das Lachen über den eigenen Untergang ist wohl schon ein gutes Stück Dressur und weniger journalistische Methode. Oder der Neue Journalismus ist ein künstliches Geschichtsbuch der Verfallsformen: sehet, es war schon verrottet…

Als man rosarote Bordsteine übereinander schichtete, wurde ein Werk geschaffen, und als man das Werk wieder beseitigte, wurde die Kurzweiligkeit der Neuen Vergänglichkeit (der Kunst) bewusst. Dem kommt wohl nur noch das Lachen in der Wahrheit nahe? Und der Neue Journalismus hat seinen Wert am Lachen von Gestern?

Dass darnach nur noch Wir sein werden!

Aber ist das nicht die Armut: Falsche Askese der Utopie? Dass man lachend aufwacht aus einem Traum, in dem man sich zu Tode gelacht hat… war das dann nicht ein Alptraum? Aber nein: die Neue Lust.

Oder soll das unser neues mutiges journalistisches Kunstleben sein? Aber nein: die Neue Politik.