Wirre Gegenwart groß denken

Bühne Erst verschoben, dann fanden die Autorentheatertage verschlankt statt, aus Österreich kam Herausragendes

Es war 1995, als der noch junge Intendant Ulrich Khuon in Hannover die Autorentheatertage ins Leben rief. Damals war die Lage für neue Stücke und ihre Autoren nicht gerade rosig. Sie fristeten ihr Dasein auf Probebühnen und in Nebengelassen, später berühmte Dramatiker wie Dea Loher und Moritz Rinke befanden sich noch in der Brutphase. Das änderte sich um 2000 und in den folgenden Boom-Jahren: Neue Dramatik war plötzlich wieder gefragt bei Theatern und Publikum. Khuon nahm sein kleines Programm mit nach Hamburg und brachte es schließlich nach Berlin. Hier mauserten sich die Autorentheatertage zu einem großen Festival der neuen deutschsprachigen Dramatik, in der Regel mit Gastspielen vom Wiener Burgtheater, aus Zürich oder wo sonst gerade heiße Eisen im Feuer lagen.

Für den Juni mussten sie abgesagt werden, verschoben kamen sie nun in einer reduzierten Variante in die insgesamt fünf Spielstätten des Deutschen Theaters. Statt eines Gastspielreigens gab es drei Uraufführungen (von denen eine Corona-bedingt ausfiel) und schnelle, sozusagen aninszenierte Präsentationen von zehn neuen Texten, die sich um die Krise drehen konnten, aber nicht mussten. Immerhin, ein Trost für alle, und man konnte es dem Haus und seinen Besuchern anmerken, wie gierig nach Festivalluft geschnappt wurde in den drei Tagen.

Die Uraufführungen waren aus einem Stapel von 170 Einsendungen von einer Jury ausgewählt worden, der Nina Hoss und Dea Loher sowie der renommierte Englische-Stücke-Übersetzer David Tushingham angehörten. Loher, die für ihre Kollegen eine Longlist vorsortiert hatte, meinte zur Eröffnung, ein wichtiges Kriterium sei wohl, dass die erste Lektüre lustvoll zum sofortigen Wiederlesen führen sollte. Das kann man dem Stück Beach House von Dorian Brunz (Jahrgang 1993) durchaus bescheinigen. Und mit der Uraufführung vom Schauspiel Leipzig in der Regie von Philipp Preuss bestätigen. Mit beeindruckendem Bombast aus verschiedenfarbigen Lichtgestängen und einer großsinfonischen Wummermusik von Alexander Nemitz wird das kleine, fein gezeichnete Sozialdrama, in dem sich eine Familie per Losgewinn nach Florida träumt, überdimensional auf die Bühne gestellt – es ist, als ob man sich ein Spiegelei in einem Hochofen brät.

Theaterglück mit Literatur

Bei Rosa von Praunheims Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs klaffen Text und Inszenierung nicht ganz so auseinander – in einer Kabarett-Revue kehrt Hitler zurück, um sich von einem eifrigen AfDler ausfragen zu lassen, inklusive seinem in der Kindheit von einer Ziege halb abgebissenen Penis. Die Sexualpathologie des Führers so auf der Bühne zu besprechen, gerät manchmal sogar in ernste Bahnen (was Praunheim vielleicht gar nicht vorhatte), aber damit die AfD fäkalisch zu beschmeißen, das ist kaum Kabarett. Bei den neuen Texten stachen, wie oft schon bei dieser Veranstaltung, die Österreicherinnen hervor. Neben einem Monolog von Elfriede Jelinek (über Wikipedia und echte Textschöpfung) stand das absurde Königsmärchen Staatsfragmente von Miroslava Svolikova. Eine Neuentdeckung ist die 1993 in Wien geborene Milena Michalek mit ihren Anrufungen aus der ideologischen Moderne – mit dem Anspruch, die wirre Gegenwart auch groß zu denken, vor allem als Sprachspiel für skurrile Figuren. In der Einrichtung mit Linda Pöppel und Almut Zilcher wehte von der großen Bühne etwas von Theaterglück mit Literatur herüber.

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06:00 11.10.2020

Ausgabe 49/2020

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