Wirrwarr der Begeisterung

Bühne David Marton, der neue Star des Musiktheaters, inszeniert in der Berliner Schaubühne Monteverdis „Die Heimkehr des Odysseus" als bewegliches Tischgespräch

Die erste Empfehlung für diesen bizarr-faszinierenden Monteverdi-Abend Die Heimkehr des Odysseus an der Berliner Schaubühne ist die, Homers Odyssee zu lesen – in der Prosafassung von Wolfgang Schadewaldt. Man wird dann vieles mit Gewinn wiedererkennen. Oder überhaupt erkennen, was so eine mythologische Erzählung an Energie und Reichtum enthält. Jene Erzählung von der zehnjährigen Irrfahrt des Odysseus in seine Heimat nach der zehnjährigen Belagerung Trojas – und wie er dort die schmarotzenden Freier seiner treuen Gattin vorfindet, sie im Kampf besiegt und tötet.

Von dieser „Heimkehr des Odysseus ins Vaterland“ handelt eine der ersten Opern der Geschichte anlässlich des Karnevals Venedig 1639/40. Sie ist, wie uns der neue Star der Opernwelt, David Marton, mit seiner Bearbeitung für die Berliner Schaubühne zeigt, so fruchtbar wie am ersten Tag; will sagen wie vor fast 3.000 Jahren.

Über lange Strecken sind wir Zuschauer/Zuhörer eines Gespräches im Hause Penelope über den abwesenden Laertes-Sohn Odysseus. Kommt er, kommt er nicht? Die selbstgeladenen Gäste sitzen zu Tisch und unterhalten sich wie im absurden Theater. Immer wieder kommt das Gespräch auf den Hausherrn. Es stellt sich – umständlich, langsam, indirekt (aber alles ist hier indirekt) – heraus, dass dessen Rückkehr womöglich gar nicht wünschenswert ist: Die Ehe mit Penelope war nicht glücklich, Sohn Telemach erinnert sich kaum und will eigentlich auch nicht – von den Freiern ganz zu schweigen. Und was von Odysseus berichtet wird, macht ihn zu einem eher unsympathischen, arroganten, rechthaberischen Gesellen. Als er schließlich doch noch erscheint, bestätigt er die wenig schmeichelhaften Erinnerungen der Tischgesellschaft: Sein berühmter Witz ist stumpf, seine Erzählungen sind langweilig, seine Intelligenz wohl eher durchschnittlich. Penelope wird ihn zurücknehmen wie ein gebrauchtes Möbelstück, ohne Liebe und Glücksgefühl, er selbst verspricht, dem Telemach ein guter Vater sein zu wollen. Am Ende geht das Leben so weiter wie bisher, auch ohne ihn.

Schauspielerische Suggestivkraft

Viel Handlung ist da nicht. Auch nicht viel Musik, jedenfalls nicht viel Monteverdi. Was von dem aber zu hören ist, ist gesanglich auf hohem Niveau und kunstvoll integriert in ein Wirrwarr von Einzelhandlungen, Clownerien, absurden Szenen und Gesprächen, von Textfragmenten der verschiedener Art (nicht nur Homer), von musikalischen Bruchstücken diverser zeitlicher und stilistischer Provenienz, die allesamt und als theatralischen Gesamteindruck das rätselhafte Gefühl verborgener, tiefsinniger Botschaften transportieren. Mythologisches Geröll, das uns vor die Füße geschleudert wird mit der unerfüllbaren Aufforderung, es auszusortieren und zu entschlüsseln.

Man bleibt rat- und hilflos, und kann sich dabei nur schwer der Suggestivkraft der schauspielerischen Ensembleleistung entziehen, die gewissermaßen die Unverständlichkeit dieser, wie es im Programmzettel raunend heißt, „Archäologie der Gegenwart“ kompensiert. Eine Unverständlichkeit, die leider textlich potenziert wird durch einen Mangel an Sprechkultur, ausgenommen Ernst Stötzner, den Senior dieses sonst ganz wunderbar aufeinander eingespielten und bei allem Gewusel immer die Ordnung wahrenden Teams.

Vielleicht sollten wir also nicht im literarischen Sinne „verstehen“ – andernfalls müsste der Kritiker hier offen sein Unvermögen eingestehen.

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11:15 31.01.2011

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