Wieso ich für Präsenzunterricht bin

#WirWerdenLaut Unser Autor schrieb über eine Petition zur Corona-Lage in den Schulen. Er erntete Entrüstung und Hass. Hier reagiert er darauf

Ja, ich hatte mit Reaktionen gerechnet. Aber nicht mit so einem Sturm der Entrüstung. „Bestürzend“ sei das, was ich da verfasst hätte, „Schwurbel, Wissenschaftsfeindlichkeit und Propaganda“. Ich sei „unehrlich, ignorant und entbehrlich“. „Wenn es den gut geschützten Erwachsenen nicht passt, wie sich Schüler:innen aus der Gruppe mit der höchsten Inzidenz selbst zu ihren Wünschen und Nöten in der Pandemie äußern“, schrieb ein von mir geschätzter Professor für Klinische und Kinder- und Jugendpsychologie, dann „werden diese Kinder und Jugendlichen von eben diesen Erwachsenen medial diffamiert und entmündigt“. Eine andere Professorin fragte: „Was ist los mit Ihnen?“ Und das waren noch die freundlicheren Kommentare.

Ich hatte einen Kommentar über einen offenen Brief von mehr als 100 Schülersprechern geschrieben, dessen begleitende Petition inzwischen über 130.000 Unterschriften erreicht hat. Ich lobte die erfolgreiche Medienkampagne der Jugendlichen und einige ihrer Forderungen. Kritisierte andere. Und hinterfragte dabei zentrale Botschaften auf ihre Plausibilität und Mehrheitsfähigkeit hin.

Ja, es gab auch viel Zustimmung zu meinem Text. Doch die Heftigkeit, die persönlichen Angriffe haben mich getroffen. Warum? Weil sie so gar nicht dazu passen, wie ich selbst meine Arbeit als Journalist und Blogger verstehe. Ich möchte jemand sein, der es sich nicht zu einfach macht, der abwägt und mit Daten und Fakten argumentiert. Der auch mal zuspitzt, dabei aber nicht persönlich wird. Natürlich gelingt mir das nicht immer. Aber ist das diesmal wirklich so gründlich schiefgegangen?

Bevor ich auf diese Frage eingehe, möchte ich etwas tun, was ich sonst tunlichst vermeide, weil es nicht meinem Verständnis von Journalismus entspricht. Ich möchte von mir erzählen. Ich bin Vater von drei Kindern, drei Jungs zwischen vier und neun. Während ich diesen Text schreibe, liegt der Große allein in seinem Zimmer im Bett. Mit positivem Corona-Schnelltest. Hat er sich in den Ferien beim Judo angesteckt?

Schulschließungen beenden

Das heißt: Nächste Woche werden wir wohl alle hier zu Hause verbringen. Mit Homeschooling, soweit das angeboten wird. Sorgt mich das? Nicht wirklich. Meine Frau und ich sind Freiberufler, wir können uns die Zeit einteilen. Unsere Jungs haben ihr eigenes Zimmer, wir haben einen Laptop für den mittleren, ein iPad für den großen. Im ersten Lockdown, der mittlere ging noch in die Kita, sind wir auch gut klargekommen mit dem Zuhausesein. Wir haben die intensive Zeit als Familie sogar genossen. Trotzdem habe ich als einer der ersten Bildungsjournalisten gefordert, die Schulschließungen zu beenden. Im ersten Corona-Winter plädierte ich (zum Unverständnis vieler Kollegen) dann dafür, die Erwachsenen stärker einzuschränken und die Schulen dafür offen zu lassen.

Ich könnte jetzt zur Begründung alle möglichen epidemiologischen Studien anführen, die Warnungen von Kindermedizinern und Pädagogen. Von denen es schon im Januar 2021 reichlich gab. Die Wahrheit ist allerdings: Es gab genauso viele Studien und wissenschaftliche Expertisen, die für das Zusperren der Schulen sprachen. Ausschlaggebend war für mich etwas anderes.

Unsere großen Kinder besuchen hier in Teltow, in Brandenburg, eine sogenannte Brennpunktschule. Viele ihrer Mitschüler leben in mehr oder minder renovierten Plattenbauten, in kleinen Wohnungen, viele Eltern sind arbeitslos oder haben Niedriglohn-Jobs. Das Einzugsgebiet der Schule umfasst auch unsere Nachbarschaft: Einfamilienhäuser, größtenteils Akademiker und Zuzügler aus Berlin. Einige der Kinder gehen in die Klassen unserer Söhne. Viele von ihnen besuchen lieber die evangelische Grundschule ein paar Straßen weiter. Als unser Großer in den ersten Videokonferenzen saß, fiel auf, dass mehrere seiner Mitschüler nie oder selten auftauchten. Wenn ich dem Unterrichtsgespräch lauschte, redeten da immer nur drei, vier Kinder. Als irgendwann, zunächst tageweise, der Präsenzunterricht wieder startete, war es erschreckend, wie das Lerntempo in der Klasse stecken blieb. Unser Sohn und seine Kumpels aus der Einfamilienhaus-Nachbarschaft lösten Extra-Aufgaben, mit den Übrigen wiederholte die sehr engagierte Klassenlehrerin Stoff von vor sechs Monaten. Während weiter die Hälfte des Präsenzunterrichts ausfiel, die Lücken wuchsen und ständig Kloppereien im Klassenraum und auf dem Schulhof gemeldet wurden. Dann berichtete eine befreunde Lehrerin, dass sich im Lockdown an ihrer Berliner Schule zwei Oberstufenschüler das Leben genommen hatten.

Es ist eine Position

Das hat mich geprägt in meiner Arbeit als Journalist. Nein, das ist nicht objektiv. Aber es passte zu dem, was ich von anderswo hörte und was viele Pädagogen, Soziologen und Psychologen herausfanden. Ich habe all das erzählt, um die Motivation zu erläutern, die mich bei meiner Corona-Berichterstattung treibt. Womit ich wieder beim Ausgangspunkt dieses Artikels angekommen bin, bei meiner Kritik an Teilen des offenen Briefs der Schülersprecher, der unter dem Hashtag #WirWerdenLaut in den sozialen Medien kursiert.

Was ich schrieb, sei „adultistischer Mist“, hieß es – so als würde ich die Jugendlichen nicht ernst nehmen. Das mit dem Adultismus habe ich anderen auch schon vorgeworfen, wenn sie von oben herab Fridays for Future und Greta Thunberg als von erwachsenen Aktivisten gesteuert darstellten. Habe ich nun das Gleiche getan? Ich finde: nein. Der wissenschaftliche Konsens zum Klimawandel ist viel eindeutiger als die wissenschaftlich arg umstrittene Erkenntnislage zum richtigen Umgang mit Schulen in der Corona-Pandemie.

Die Jugendlichen haben sich mit ihrem offenen Brief auf eine – nur eine – Seite dieser Debatte gestellt. Als „unterstützende Wissenschaftler“ werden führende Vertreter von No-Covid-Positionen aufgeführt. Das schmälert nicht das Engagement der Schülervertreter. Aber es darf, es muss erwähnt werden dürfen – ohne dass es gleich heißt, man nehme die Jugendlichen deshalb nicht ernst. Ich nehme die Jugendlichen ernst. So ernst, dass ich finde: Lasst uns über ihre Forderungen diskutieren.

Am meisten Bauchschmerzen bereitete mir das im offenen Brief der Jugendlichen enthaltene Plädoyer, die Präsenzpflicht zugunsten einer „Bildungspflicht“ auszusetzen. Manche Kinder, Jugendlichen und ihre Familien mögen davon profitieren. Viele aber nicht. Weitgehende Einigkeit besteht hingegen bei Kindermedizinern, dass die allermeisten Infektionen von Kindern komplikationslos und ohne Langzeitfolgen verlaufen. Im Gegensatz zum Verlust an Bildung und Teilhabe. Das galt schon vor Omikron und jetzt erst recht.

Hört Schülern keiner zu?

Deshalb gibt es andere Forscher als die als Unterstützer aufgeführten Wissenschaftler – vermutlich sind es nicht weniger –, die die bestehenden Hygiene-Regeln im Unterricht für ausreichend halten. Nicht nur deshalb muss man es hinterfragen dürfen, wenn die Initiatoren des offenen Briefes für sich in Anspruch nehmen, für alle Schüler oder auch nur für deren Mehrheit zu sprechen. Die 130.000 oder 150.000 Unterstützer der Petition sind eben nur ein Bruchteil von den drei Millionen Schülern, die die Initiatoren nach eigenen Angaben repräsentieren, bei mehr als zehn Millionen Schülern insgesamt. Zumal unter den Petitionsunterzeichnern offenbar Tausende Lehrkräfte, Eltern und komplett schulfremde Personen sind. Inzwischen hat auch die Bundesschülerkonferenz (BSK), die ständige Konferenz der Landesschülervertretungen in Deutschland, mitgeteilt, dass sie den offenen Brief begrüße, aber nicht voll unterstützen könne – wegen „klarer Differenzen“ in einigen Punkten. Vor allem bei der Debatte um die Aussetzung der Präsenzpflicht, die nach Meinung der BSK die Chancenungleichheit verstärke.

Ist denn der im offenen Brief vermittelte Eindruck, es werde nicht mit Schülern geredet, sondern über sie, richtig? Ja, es gibt frustrierende Situationen der Nicht-Kommunikation. Aber es gibt auch regelmäßige Gesprächsformate in vielen Bundesländern. Und diese Woche erste Treffen von Bundes- und Landesschülervertretern mit Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) und der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Karin Prien (CDU) – vereinbart Wochen vor dem offenen Brief. Es handelt sich allerdings teilweise nicht um die Unterzeichner des Briefs.

Was ich anerkennenswert finde: Da ist eine Gruppe von Schülersprechern, die sich engagieren, die eine Aktion auf die Beine stellen, woraus sich eine der aktuell größten Petitionen auf change.org entwickelt. Einige Forderungen halte ich für so richtig, wie es bestürzend ist, dass sie noch gestellt werden müssen: die Bereitstellung kostenloser FFP2-Masken, die Aufstockung des pädagogischen und schulpsychologischen Personals, die Entlastung der Abschlussjahrgänge von Leistungsdruck und das Vorhandensein von Echtzeitdaten zum Infektionsstand an den Schulen.

Andere Forderungen, wie die oben erwähnte Aussetzung der Präsenzpflicht, teile ich nicht. Was mich umtreibt: Wie können wir gemeinsam den Blick nach vorn richten? Wie miteinander den Weg finden in eine neue Normalität nach Omikron? Wie können wir die Jugendlichen überzeugen, dass sie, solange sie und ihre Angehörigen gesund und geboostert sind, keine ernstliche Sorge haben müssen wegen einer Infektion, dass wir den gesundheitlichen Risikogruppen an den Schulen besondere Schutzrechte geben müssen, dass aber für das Gros der Schüler das Fernbleiben von der Schule das größere Risiko darstellt?

Ich würde mir wünschen, dass wir mehr an jene Kinder und Jugendlichen denken, deren Eltern angesichts ihrer wenig privilegierten Lebenssituation das höchste Corona-Risiko tragen, die zugleich am meisten unter den Folgen der Aussetzung der Präsenzpflicht leiden. Die aber in unserem mehrheitlich von Akademikern und Akademikerkindern geprägten Diskurs am wenigsten zu hören sind.

Vor Veröffentlichung dieses Textes bekam ich dann noch das PCR-Ergebnis meines Sohnes. Es ist zum Glück negativ.

Jan-Martin Wiarda ist Bildungsjournalist. Er bloggt unter jmwiarda.de

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