Wisch und Wedel

Reinlichkeit Auf Pekings Straßen läuft die große Sammelausstellung von Schrubbern der Gegenwart. Soll die Wahl des Mopps etwa die Individualität der Bewohner zum Ausdruck bringen?

Die Straße, so hat Walter Benjamin einmal geschrieben, ist die „Wohnung des Kollektivs“. In China ist das tatsächlich noch so. Viel mehr als im Westen findet dort im öffentlichen Raum statt. Nicht nur aus Platzmangel in den eigenen vier Wänden, auch der Geselligkeit wegen. Uns wäre das längst zu privat. Jung und Alt trifft sich nach Sonnenaufgang für die Morgengymnastik in Peking im Park. An den Magistralen drängen sich Menschen um die in Schaukästen angeschlagenen Zeitungen und lesen gemeinsam. Ein paar Meter weiter stehen Friseure für einen Haarschnitt bereit. Ihr Salon besteht aus nicht mehr als einem Klappstuhl, ein für alle ausreichender Komfort.

Und auch die Hygiene ist nach außen verlegt. Jeden Morgen sieht man in den Altstadtbezirken, nur ein paar Hundert Meter vom Platz des Himmlischen Friedens entfernt, Menschen vor den Mauern der alten Hofanlagen bei der Körperpflege vor großen Waschschüsseln sitzen. Sicher, das liegt auch an den sanitären Zuständen in diesen Vierteln, die oft erbärmlich sind und nur aus einem Wasserhahn im Hof bestehen. Trotzdem ist es eine interessante Frage: Würden die Menschen ihre Routine ändern, kämen sie alle in den Genuss privater Nasszellen? Bestimmt nicht über Nacht. Anders gefragt: Welcher Deutsche hat in einem französischen Hotelzimmer nicht schon einmal das Bidet argwöhnisch inspiziert, dieses Wunderbecken der Intimpflege?

Räume deinen Winkel

Waschen und Putzen gehören in Deutschland einfach nicht in die Öffentlichkeit. Zu den stolzesten Exponaten deutscher Ordentlichkeit gehört die schwäbische Kehrwoche, die geregelte Reinigung gemeinschaftlich benutzter Bereiche in Mehrparteienwohnhäusern, wie es im Lexikon heißt. Der erste Erlass dazu stammt von 1492. Damals hieß es in der Stuttgarter Stadtverordnung, jeder solle „seinen Winkel alle vierzehn Tage, doch nur bei Nacht ausräumen“. Das hat sich über 500 Jahre gehalten. Der frühe Morgen ist die Stunde der Putzkolonnen und Reinigungswagen. Dass eine öffentliche Toilette geputzt wird, sieht man nur am seit einigen Jahren gebräuchlichen Reinigungsprotokoll, das neben den Toilettenspiegeln hängt. In Deutschland hat es sauber zu sein. Wie der Dreck aus dem Haus kommt, welche Gerätschaften dafür zum Einsatz kommen, das soll nicht weiter interessieren. Besen, Staubsauger, Schrubber und Lappen werden in Kammern und Wandschränken verborgen. Warum? „Schau Dir mal diesen schwarzen Wischmopp an, die Leute denken, bei uns ist nicht sauber“, sagte einmal eine WG-Mitbewohnerin zu mir.


In China scheint es umgekehrt zu sein, wie die Fotos von Jo Zarth zeigen. Er arbeitet als Grafik-Designer in Leipzig und beschäftigt sich schon länger mit der Alltagskultur in Fernost. Sein ganz besonderes Interesse gilt dem Design und der Ästhetik mobiler Garküchen. Bei seinen Recherchen in China sind ihm aber auch die Wischmopps ins Auge gefallen, als ständige Accessoires im Straßenmobiliar – und in einer erstaunlichen Vielfalt von Form und Farben. Bemerkenswert für eine Gesellschaft, die wir im Vergleich zu unserer als viel kollektivistischer und uniformer begreifen. Selbstgebundene Exemplare sieht man genauso wie Billigteile, die hierzulande wohl eher als Sicherheitsrisiko gelten würden.

Wieder stellen sich interessante Fragen: Weist der Chinese womöglich mit der Moppwahl auf seine Individualität hin? Oder folgt das Ausstellen des Mopps nur praktischen Überlegungen, der Pflege des Einsatzgeräts? Damit es länger im Dienst bleiben kann? Ganz sicher darf man sagen: Keinem Menschen ist es hier unangenehm, den Schrubber vor die Tür zu stellen. Wo ein Mopp steht, ist es rein.

Mehr Chinoiserien von Jo Zarth finden Sie online auf zarthcore.de

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08:00 05.06.2011

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