Wisch und weiter

Hip-Hop Rapsongs werden immer kürzer. Was als Anpassung an Social Media und Streaming begann, entwickelt ein Eigenleben
Wisch und weiter
Tierra Whack weiß: One minute ist eigentlich fast schon 2 much

Foto: Rich Fury/Getty Images

Als ihr Hund gestorben ist, war das der Rapperin Tierra Whack gleich zwei Songs wert. Oder, um genau zu sein: zwei Songs in einem. Das Stück namens Pet Cemetery von ihrem letztjährigen Debüt Whack World beginnt mit Klavier und Hundegebell, eine Snare-Drum knattert raptypisch los, aber Whack nutzt ihre niedlichste Singsangstimme, um einen Dialog mit Gott zu eröffnen. Ob denn wirklich alle Hunde in den Himmel kämen, will sie wissen, und weil ihr niemand antwortet, muss sie den Einsatz erhöhen. Pet Cemetery wird vom unfertigen Doo-Wop-Schnipsel zum formvollendeten Gospel, Menschen klatschen in die Hände, ein Chor hebt an zum Donnergesang – und dann ist plötzlich alles vorbei. Wie auch die 14 anderen Stücke auf Whack World ist Pet Cemetery exakt eine Minute lang.

Den Trend zum ultrakurzen Rapsong und -album hat Whack nicht erfunden, aber die 23-Jährige aus Philadelphia macht derzeit das Beste daraus. Whack World ist eine freiförmige Aneinanderreihung von Refrains und halben Strophen, es hangelt sich durch verschiedene Spielarten von Rap und R ’n’ B, kippt vom Banalen unvermittelt ins Profunde und wirkt doch nie gehetzt. Den Songs bleibt selbst dann Luft zum Atmen, wenn man sie in Verbindung mit den 15 Videos betrachtet, die ihnen Whack zur Seite gestellt hat. Zwar bestehen stilistische und inhaltliche Verbindungen zwischen diesen Clips, doch was sie offenbaren, ist keine zusammenhängende Geschichte, sondern eine Stoßrichtung. Whack World ist Rapmusik zum Durchscrollen, Weiterwischen und Wiederholen. Ein Album wie eine Instagram-Story.

Superstars können länger

Hip-Hop gilt als letztes relevantes Jugendphänomen der Popkultur, und natürlich hat das auch mit Social Media zu tun. Es gibt Rapperinnen und Rapper, deren Karrieren exklusiv und lukrativ auf Youtube stattfinden. Die größten Stars der Szene tratschen via Twitter und befehden sich öffentlich in pedantischen, gut vermarktbaren Kleinkriegen. In Deutschland lebt „Bushido vs. Capital Bra“ nicht zuletzt von der Eigenpromotion, die vor allem Letzterer auf Instagram betreibt. In den USA steht Lil Nas X mit der zweiminütigen Country-Rap-Single Old Town Road seit Wochen an der Spitze der Charts. Seine Karriere begann er als professioneller Twitter-Troll.

Kürzere Songs verlangen nicht nur weniger Aufmerksamkeit von einem scheinbar vielbeschäftigten, schnell gelangweilten Rap-Publikum. Sie lassen sich auch leichter in die einflussreichen Playlists von Spotify und anderen Streamingdiensten einschleusen. Noch vor wenigen Jahren buhlten aufstrebende Rapper mit gratis veröffentlichten Mixtapes um Zuneigung auf einem zunehmend unübersichtlichen und übersättigten Markt. Um einen Plattenvertrag zu ergattern, brachte man im Idealfall bereits eine selbst aufgebaute Anhängerschaft mit an den Verhandlungstisch. Inzwischen reicht es nicht mehr, die eigene Arbeit zu verschenken. Sie muss vorab angepasst werden an die Erwartungen eines Publikums, von dem es heißt, es wolle immer mehr vom ewig Gleichen hören.

Nur noch Superstars wie Drake und das milliardenfach gestreamte Trio Migos aus Atlanta scheinen ihre Musik ohne Rücksicht auf das Hip-Hop-Playlisting vermeintlicher Tastemaker und tatsächlicher Algorithmen veröffentlichen zu können. Sie behandeln ihre Alben selbst wie Playlists, persönlich kuratiert aus der Vielfalt des eigenen Materials und meistens schier endlos in die Länge gezogen, damit den Fans gar keine Zeit bleibt, um die Aktivitäten der Konkurrenz zu verfolgen. Ein Stream für Drake ist schon mal keiner für Nicki Minaj.

Die unzähligen weniger populären Rapperinnen und Rapper setzen hingegen auf immer kürzere, in immer kürzerer Abfolge veröffentlichte Tracks. So wird nicht nur mehr Rapmusik als je zuvor produziert, sondern vor allem mehr schlechte. Tierra Whack mag den feinen Unterschied zwischen Weiterwisch- und Wegwerfsongs erkennen. Für viele andere Künstler ist er schlicht unerheblich. Der 18-jährige Lil Pump aus Florida verdankt den Erfolg seiner beiden bisherigen Top-Ten-Alben nicht nur überwiegend kurzen, sondern vor allem auf das Nötigste zusammengekürzten Stücken. Sein größter Hit heißt Gucci Gang, und wie ein Autor des Onlinemagazins Pitchfork nachzählte, bringt es Lil Pump in weniger als zwei Minuten auf mehr als 50 Wiederholungen des Markennamens aus dem Songtitel. Diese Art von Kurzschluss-Rap kann erfrischend wirken, bei echten Sprachanarchisten sogar dadaistische Züge annehmen. Meistens aber fördert sie Bequemlichkeit und Einfallslosigkeit.

Deshalb aber schon wieder Streamingdiensten und Social Media die Schuld geben? Das ganze Teufelszeug noch mehr verteufeln? Es ist zweifelsohne richtig, dass Spotify, Facebook und Co. ihren Teil zu einer Rap- und Poplandschaft beitragen, die so konsequent durchvermarktet und stromlinienförmig komponiert erscheint wie selten zuvor. Und es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass vor allem die großen Streamingdienste immer tiefer in musikalische Produktionsprozesse eingreifen. Es ist aber auch wie immer mit der Kunst: Wo neue Technologien ins Spiel kommen, da finden sich auch Leute, die durch den unvorhergesehenen, vielleicht sogar subversiven Umgang mit ihnen zu neuen künstlerischen Ausdrucksformen gelangen.

So spricht aus jeder Minute von Tierra Whacks Debüt die Absicht, das ungewöhnliche Format der Platte mit ungewöhnlichen Geschichten und Stimmungen zu verbinden. Sie erzählt von einer black experience, die im aktuellen US-Rap ebenso alltäglich wie unterrepräsentiert erscheint. Welche Rapperin erzählt schon todernst und zugleich sehr witzig von ihrem verstorbenen Hund? Wer sonst stellt Verbindungen her zwischen den Brettspielen seiner Kindheit und der Hip-Hop-Dating-Szene von heute?

Es war nicht von Anfang an so bei Whack. Noch vor wenigen Jahren versuchte sie sich unter anderem Namen an weniger gewagten Effekthaschereien. Sie erzählte von Gang- und Dealer-Vergangenheiten, die weder zu ihrer Lebensrealität noch zu ihrem verspielt-verknappten Stil passten. Diese ursprünglichen Anpassungsversuche an vermeintliche Hip-Hop-Konventionen verbinden sie mit Earl Sweatshirt und Chris Crack, zwei weiteren Künstlern und digital natives, die inzwischen einen innovativen Umgang mit kurzen Rapsongs pflegen.

Nischen in Big Data

Crack war Drogendealer, Waffenbesitzer und Gelegenheitsrapper in Chicagos West Side. Heute füllt er seine unablässig erscheinenden Minialben (bei Redaktionsschluss acht in den letzten elf Monaten) nicht mehr mit Geschichten aus dieser Zeit, sondern berichtet wortwitzig und mit surrealen Übertreibungen von den Verwirrungen seines Familien- und Liebeslebens. Nicht jede Zeile des 30-Jährigen bedeutet die Welt, nicht jedes Szenario erscheint sorgfältig ausgearbeitet, aber immer stimmt die Verpackung. Schon die Songtitel von Crack – Going Out On Weekends Is Desperate, Education Is Not Intelligence, Black People Can’t Be Racist – klingen wie ausgeschnitten aus einer beliebigen Social-Media-Schlammschlacht.

Den gemeinen Umgang mit wenigen Worten beherrscht auch Earl Sweatshirt aus Los Angeles, aber eigentlich will er weg von dem ganzen Kram. Das einstige Mitglied des Flegel-Kollektivs Odd Future debütierte zu Beginn des Jahrzehnts als Provokateur aus dem Kinderzimmer. Mit frühreifer Wortgewandtheit rappte Sweatshirt über Mord und Vergewaltigung, Sex und Schuleschwänzen, als wollte er die Filme von George Romero und Russ Meyer gleichzeitig in Rapmusik übersetzen. Heute ist er 25 Jahre alt und klingt wie ein Rapper, dem beim Anblick seiner Feeds und Timelines der Kopf explodiert.

Ende letzten Jahres ist Some Rap Songs erschienen, das dritte Album von Earl Sweatshirt, eine 15 Songs und 25 Minuten lange Jazz-Rap-Meditation über die Einsamkeit in Zeiten permanenter Vernetzung. Mit ineinander verschwimmenden und abrupt abbrechenden, vor Worten, Samples und Informationen fast zerberstenden Stücken illustriert Sweatshirt Gefühle von digitaler Überforderung und Depression. Zugleich entgeht ihm natürlich nicht, dass auch er seine Musik in die vorgefertigten Förmchen jener Plattformen füllt, die solche Gefühle überhaupt erst heraufbeschwören. Für Sweatshirt ein Dilemma, mit dem sich arbeiten lässt. Den Verflechtungen von Streaming, Social Media und künstlerischer Integrität steht er zumindest nicht vollkommen machtlos gegenüber. In den Systemfehlern und Ungereimtheiten von Big Data findet er Nischen, die es zu erforschen und einzurichten gilt.

Daniel Gerhardt war Chefredakteur der Spex

06:00 02.07.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 3