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Putins Mythen: Was der Jugoslawien-Krieg mit der Ukraine zu tun hat

Balkan Die Deutschen seien manchmal naiv, erschreckend geschichtsvergessen und zugleich vermessen in ihren Ansichten. Für eine vernünftige Position im Ukraine-Krieg muss man die Balkankriege verstehen, sagt die Kroatin Alida Bremer
Sarajevo, 1994
Sarajevo, 1994

Foto: Derek Hudson/Getty Images

Nicht erst in der Fernsehansprache zum 8. Mai, auch in seinem Gespräch mit Wladimir Putin am 15. Februar äußerte der Bundeskanzler einen Gedanken, den deutsche Intellektuelle ähnlich artikulieren. „Für meine Generation ist Krieg in Europa undenkbar geworden, und wir müssen dafür sorgen, dass das so bleibt“, sagte Olaf Scholz in Moskau. Auch Jürgen Habermas sprach später von 77 Jahren ohne Krieg in Europa, obwohl einst bei ihm der serbische Premierminister Zoran Đinđić studiert hatte, der nach den jugoslawischen Kriegen ermordert wurde.

Putin jedenfalls kam Scholz’ Vorlage gelegen: „Aber wir haben doch bereits Krieg in Europa erlebt. Dieser Krieg wurde von der NATO gegen Jugoslawien entfesselt (...).“

Natürlich erwähnte Putin nicht, warum es für jenes Bombardement Serbiens 1999 keine UN-Resolution gab – sie wäre am russischen und chinesischen Veto gescheitert. Er erwähnte auch nicht, dass es eine andere NATO-Intervention gegeben hat, an der die Russen im Rahmen einer UNPROFOR-Mission indirekt beteiligt waren, nämlich jene von 1995. Sie beendete die Belagerung Sarajevos. Es war die erste NATO-Intervention auf dem Balkan, die demonstrierte, wie schnell Frieden hergestellt werden kann, wenn sich einer hochgerüsteten Armada, die ein Land ohne Armee angreift, das zusätzlich ein Waffenembargo auferlegt bekam(!), eine starke Militärmacht gegenüberstellt.

Seit 1986 lebe ich in Deutschland. Mit der Zeit lernte ich vor allem die Freiheit und den Rechtsstaat schätzen, ich bewundere die wissenschaftlichen und intellektuellen Leistungen, die in diesem Land vollbracht werden. Allerdings staune ich über die Selbstgewissheit, mit der bisweilen in der deutschen Öffentlichkeit Behauptungen zirkulieren, die ausschließlich aus der deutschen Erfahrung abgeleitet werden und deshalb manchmal naiv und zugleich vermessen anmuten.

Aus der Ferne verfolge ich seit 1990 alle Nachrichten aus dem Südosten Europas. Die Krise hatte sich im Schatten des Falls der Berliner Mauer entwickelt und war das erste Signal dafür, dass der Mauerfall und die Perestroika nicht unbedingt friedlich verlaufen würden. Den darauffolgenden Krieg auf eine angeblich balkanische Neigung zurückzuführen, sich gegenseitig umzubringen oder – wie Marion Gräfin Dönhoff sich auszudrücken beliebte – „ihren serbokroatischen Hass“ auszuleben, war fehlgeleitetes Wunschdenken, dessen Desillusionierung wir seit dem 24. Februar 2022 erleben. In der Zeit schrieb die Gräfin 1991, dass „sogar die Sowjets“ es schafften, „sich in geordnete föderale Strukturen einzupassen“, nur diese Balkanleute nicht. Die Arroganz und Ignoranz dieser Denkrichtung rächt sich heute in ganz Europa. Denn der Zerfall Jugoslawiens war keine Balkan-Folklore aus der kolonialistischen Imagination deutscher Zeitungen.

Slobodan Milošević zettelte eine Serie von Kriegen an

Man muss sich die Ereignisse noch einmal vergegenwärtigen. Im Januar 1990 forderten die slowenischen und kroatischen Delegierten freie Wahlen, während der Vorsitzende der serbischen kommunistischen Partei, Slobodan Milošević, der seit 1984 einen nationalistischen, unitaristischen und autoritären Kurs eingeschlagen hatte, noch mehr von der alten Ordnung wünschte, sodass am Ende die Delegierten der beiden westlichen Republiken den 14. Kongress des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens verließen. Milošević usurpierte daraufhin die nun serbisch dominierte Jugoslawische Volksarmee und zettelte eine Serie von Kriegen an, die erst nach der NATO-Intervention 1999 beendet wurde.

Die Begründung, die er sich dafür ausgedacht hatte, ähnelt in vielerlei Hinsicht jener von Putin bei dessen Angriff auf die Ukraine; die Taktik, die Rhetorik, die Ziele sind erstaunlich ähnlich. Dass der serbische nationalistische Diskurs andere latent vorhandene Nationalismen im multinationalen Staat weckte, war schon seit Miloševićs Machtergreifung zu erwarten gewesen. Doch der Nationalismus war eher ein Instrument der neuen geopolitischen Aufteilung als primäre Ursache der Krise. Die primäre Ursache war der Gegensatz zwischen Autoritarismus und Demokratie. Dass dieser Gegensatz im jugoslawischen Fall immer auch ein Gegensatz zwischen dem serbischen – von Russland stets unterstützten – hegemonialen Anspruch und den Unabhängigkeitsbestrebungen der anderen Völker in der Region war, gehört wesentlich zu der Geschichte Südosteuropas. Auf die panslawischen und orthodox-christlichen Mythen mit hegemonialen und totalitären Ansprüchen antworten die benachbarten kleineren Völker nicht selten mit einem aggressiven Nationalismus.

Erst nach der Intervention von 1999 war die Voraussetzung dafür geschaffen, die Macht von Slobodan Milošević zu beenden. Nachdem ihn der proeuropäische Ministerpräsident Zoran Đinđić 2001 an das Tribunal in Den Haag ausgeliefert hatte, flüchteten Miloševićs Frau Mirjana und sein Sohn Marko nach Russland, da sie wegen des Verdachts gesucht wurden, unter anderem in mafiöse und politische Morde involviert gewesen zu sein. Đinđić wurde 2003 ermordet. Die Auftraggeber des Attentats wurden nie ermittelt; ein Zeuge wurde ebenfalls ermordet. Dieser Zeuge hatte Marko Milošević vorgeworfen, von Russland aus an dem Mord beteiligt gewesen zu sein, jenem Land, in dem der Bruder seines Vaters Slobodan serbischer Botschafter war. Und in dem seine Mutter Mirjana starb und die Wahrheit über die Morde unter anderem an dem Politiker Ivan Stambolić und dem Journalisten Slavko Ćuruvija mit ins Grab nahm.

Die russischen Geheimdienste waren mutmaßlich am Attentat auf Đinđić beteiligt. 2016 versuchten sie, die montenegrinische Regierung, die der NATO beitreten wollte, zu stürzen. Weder grenzt Montenegro an Russland noch gehörte das Land zur sowjetischen Einflusssphäre. Außerdem unterstützen die Russen offen und intensiv Milorad Dodik, der im serbischen Teil Bosniens die Polizei in schwer bewaffnete Paramilitärs verwandelt hat – die Militärparade in Banja Luka im Januar 2022 konnte man als wahre Bedrohung verstehen. Und die neueste Ideologie in Serbien heißt in Anlehnung an die „russische Welt“ „serbische Welt“.

Es ist mir unbegreiflich, wie häufig in Deutschland die Schuld am Zerfall Jugoslawiens Genscher, Fischer, der NATO gegeben wird, ohne je nach Russland zu schauen. Noch heute ist in Serbien die Meinung verbreitet, die auch Putin so verschlagen einsetzt: dass der erste Krieg in Europa nach 1945 die NATO-Intervention von 1999 war. Ausgeblendet werden dabei die Panzer, die 1991 nach Slowenien rollten, die Zerstörung von Vukovar 1991 (das kroatische Mariupol, natürlich wie alles bei diesem Vergleich in bescheideneren Dimensionen, aber dem Wesen nach identisch), der blutige Nikolaus-Tag 1991 in Dubrovnik, die weißen Bänder, die Nicht-Serben in Prijedor seit 1992 tragen mussten, die in den Lagern von Omarska, Trnopolje, Manjača starben oder die vertrieben wurden, die Massenvergewaltigungen, die Belagerung Sarajevos, die 400 UN-Soldaten und Beobachter, die 1995 als Geiseln genommen wurden, der Völkermord in Srebrenica, der Krieg im Kosovo, der ohne die NATO-Intervention 1999 noch schlimmer als jener in Bosnien und Herzegowina hätte enden können.

Wer schuldet wem Loyalität?

Es gibt stattdessen in der deutschen Öffentlichkeit einige tiefsitzende Vorurteile, zum Beispiel, dass Joschka Fischer ein Kriegstreiber war. Und noch immer lebendig ist die Propaganda, dass die Angegriffenen Nazis, Ustascha, Dschihadisten oder Knechte der Amerikaner gewesen seien. Nicht selten behaupten deutsche Kritiker der deutschen Jugoslawien-Politik, sie, die Deutschen, schuldeten den Serben Loyalität. Es gab im Zweiten Weltkrieg Nazis in Kroatien, aber auch Wiederstandskämpfer; auch heute gibt es dort Nationalisten, man kann damit jedoch weder den Angriffskrieg auf das Land rechtfertigen noch ihm das Recht auf die Selbständigkeit verweigern.

Ein ähnliches Muster kann man jetzt im Ukraine-Krieg beobachten. Die verfälschte Geschichte, nach der es in Serbien keine Kollaborateure gegeben habe und vor allem die Serben den Widerstand gegen die Nazis getragen hätten, ähnelt dem Mythos, dass es in der Sowjetunion nur die Russen waren, die unter den Deutschen zu leiden hatten. Die deutschen Schuldgefühle sind jedoch keine geeignete Grundlage für eine vernünftige Osteuropa-Politik.

Ich stamme aus einer Familie kroatischer Partisanenkämpfer, die unter großen Opfern 1941 bis 1945 sowohl die italienischen und deutschen Besatzer wie auch die kroatischen Ustascha und serbischen Tschetniks unter der Führung des Kroaten Josip Broz Tito bekämpften. Meine Großmutter Oliva Petrov wurde von den Deutschen in ein KZ verschleppt. Nicht zuletzt deshalb glaube ich an den gerechten Verteidigungskrieg der Ukrainer. Da Putin mit politischen Morden, Kriegen, Propaganda und Lügen gegen die demokratische Welt kämpft, muss sich diese freie Welt endlich dagegen wehren – ohne Ressentiments gegen sich selbst, ohne Whataboutism und ohne den notorischen Antiamerikanismus. Dass man dabei Diskussionen führen kann und soll, versteht sich von selbst. Dabei müssen die propagandistischen Muster der Nicht-Demokraten hinterfragt werden, statt verinnerlicht und wiederholt.

Den Menschen im Osten wird immer wieder das Recht abgesprochen, selbst darüber zu entscheiden, ob sie der EU und der NATO angehören wollen, womit nur die Doktrin Putins wiederholt wird. Die Begründung variiert, mal wird der Westen des Imperialismus beschuldigt, als ob Menschen, die sich nach westlichen Werten sehnen, keinen freien Willen hätten, mal glauben die Deutschen, dass sie den Russen Loyalität schulden. Immer wieder wird gesagt, dass Gorbatschow versprochen habe, es werde keine Osterweiterung der NATO geben. Man muss sich das einmal vor Augen halten: Es war Nazi-Deutschland, das diese Länder zunächst ins Elend gestürzt hat. Bei der Befreiung von den Deutschen wurden die Länder von der Roten Armee überrannt und in Jalta dem Einflussgebiet der UdSSR zugesprochen. Dann fiel die Berliner Mauer – und als Preis für die Wiedervereinigung Deutschlands soll es Garantien gegeben haben, dass jene Länder weiter unter russischem Einfluss verbleiben sollten? Ich bin froh, dass der Bundeskanzler trotz des bedauerlichen Ausblendens der Kriege im ehemaligen Jugoslawien diese Meinung nicht teilt.

Alida Bremer ist eine deutsch-kroatische Schriftstellerin, Übersetzerin und Kulturvermittlerin zwischen Südosteuropa und deutschsprachigem Raum. Zuletzt erschien von ihr der Roman Träume und Kulissen (Jung & Jung). Sie lebt in Münster

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