Wo Arbeit nicht Ausbeutung bedeutet

Ärzteflucht ins Ausland Viele Mediziner gehen in skandinavische Länder, weil sie dort bessere Arbeitsbedingungen vorfinden

Tausende Ärzte haben diese Woche wieder gegen schlechte Bezahlung und miserable Arbeitsbedingungen protestiert. Arztpraxen blieben geschlossen und Mediziner gingen auf die Straße. Mit ihrem Protest signalisieren sie nicht nur, dass sie nicht mehr bereit sind, unbezahlte Überstunden und überlange Dienste in Kauf zu nehmen. Sie richten sich auch gegen das umstrittene Arzneimittelspargesetz, das nach Ansicht der Mediziner zu einem Versorgungsnotstand der Patienten führen könnte.

Viele Ärzte, die mit dem hiesigen Gesundheitssystem unzufrieden sind, wandern ins Ausland ab, wo sie günstigere Arbeitsbedingungen vorfinden. Rund 2.600 deutsche Mediziner arbeiten in Großbritannien; Schweden hat 750 Lizenzen an deutsche Ärzte vergeben, in Norwegen praktizieren etwa 650 Ärzte aus der Bundesrepublik. Das Ölwunderland hat auf mangelnden Ärztenachwuchs Ende der neunziger Jahre reagiert und eine groß angelegte Werbeaktion gestartet mit Annoncen in deutschen Fachblättern und überregionalen Tageszeitungen. Das Land lässt sich die Versorgung durch Mediziner einiges kosten: Nicht nur die Gehälter sind angemessen (für deutsche Verhältnisse mit 4.000 bis 5.000 Euro netto überdurchschnittlich). Die ausgeprägte Freizeitkultur der Norweger wirkt sich auch auf die Arbeitswelt positiv aus. Wer in dem nördlichen Land länger als 40 Stunden in der Woche arbeitet, gilt schnell als Außenseiter. Arbeit bis an die Leistungsgrenze ist in Norwegen unbekannt.

Budgetierung führte zum Konkurs

Auch Rainer Hansen hat in den vergangenen fünf Jahren nicht mehr als 40 Stunden in der Woche gearbeitet. Von Deutschland hat sich der 51-Jährige verabschiedet, für immer. "Wer zu spät geht, den bestraft das Leben," sagt er. Hansen könnte sich "jeden Tag zu dem Entschluss gratulieren, Deutschland verlassen zu haben". Bis Sommer 1989 hat er in der DDR als Facharzt für Sportmedizin gearbeitet. Bis Mai 1991 war er dann in Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern angestellter Arzt in der Poliklinik. Dann kam die Selbstständigkeit als niedergelassener Arzt. Doch von ehemals fünf Angestellten konnte nur eine bleiben. Dieser Wendepunkt für die Praxis kam durch die Budgetierung in den Jahren 1995/96. "Über Nacht wurden Leistungen auf einmal ganz anders bewertet und rechneten sich nicht mehr." In einem Schreiben an den Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern (KVMV) kündigte er im Januar 1999 nach der Insolvenz seiner Praxis die Mitgliedschaft: "Ich gebe auf, weil mir durch die KBV/KVMV vermittelt wird, ein lästiger Kostenfaktor zu sein, weil ich mich spätestens nach Quartalsmitte dafür entschuldigen muss, trotz erschöpfter Budgets weiter zu arbeiten, weil Sie es geschafft haben, dass ich an der Arbeit keine Freude mehr habe - und das ist der schwerste Vorwurf, den ich Ihnen machen muss."

Bis Anfang 2000 war Hansen nach dem Praxis-Konkurs arbeitslos. In einer Annonce des Ärzteblattes hatte er gelesen, dass in Skandinavien Ärzte gesucht werden. Im Internet suchte Hansen nach einer Stelle in den geografisch reizvollen Gegenden Norwegens. Die Wahl fiel auf Langevag bei Alesund. Im August 2000 zog er mit seiner Tochter nach Norwegen. Seitdem habe er wieder Spaß an seiner Arbeit, sagt Hansen. In Norwegen arbeite er wieder zu 100 Prozent als Arzt und nicht wie in Deutschland zu 60 Prozent als Kaufmann. "Ich muss nicht rechnen, welche Leistung mir am meisten Punkte bringt. Ich muss mich hier nicht darum kümmern, ob ich mit meiner Arbeit auch überlebe. Ich muss hier keine akrobatischen Kunststückchen machen, um auf ein angemessenes Geld zu kommen. Das ist der wesentliche Unterschied und natürlich führen die geringeren Patientenzahlen dazu, dass jeder Arzt hier entspannter arbeiten kann."

Norwegen hat lange Zeit nicht genügend Ärzte-Nachwuchs ausgebildet. Nun profitiert das Ölland von dem Frust der Mediziner in Deutschland. Der Honorarkonsul der BRD in Alesund, Kjell Standal, kennt die Probleme der deutschen Ärzte in ihrem Heimatland. "Es ist problematisch für Ärzte in Deutschland, gute Positionen zu erreichen. Es herrschen Bürokratie und strenge Hierarchien." Standal sieht die Vorteile des norwegischen Gesundheitssystems aber nicht nur in der besseren Bezahlung und der geringeren Arbeitszeit. Deutsche Ärzte schätzten auch das höhere Ansehen ihres Berufsstandes in Norwegen und die skandinavische Duz-Kultur. Inzwischen studieren aber auch immer mehr Norweger in Oslo, Bergen, Trondheim und Tromsö Medizin und werden mittelfristig den Bedarf an Medizinern decken. Spätestens ab 2010 wird ein Überschuss an ausgebildeten Medizinern erwartet.

Hansen hat nach fünf Jahren in Norwegen seinen Platz gefunden. "Eigentlich vermisse ich hier nichts. Hier habe ich Meer und Berge. Manchmal wünsche ich mir aus Deutschland Kleinigkeiten, die mir aber die zahlreichen Besucher mitbringen." Ressentiments gegenüber den Deutschen habe er von Seiten seiner norwegischen Patienten nie erlebt. "Man muss für sein Geld auch arbeiten, aber man muss sich nicht schinden."

Immer Vollgas ist nicht möglich

Eine ähnliche Situation, wie sie Norwegen in den Neunzigern hatte, droht nun auch in Deutschland. Mittlerweile entscheidet sich jeder vierte Hochschulabsolvent des Faches Medizin für eine Stelle in der Pharmaindustrie, in der Verwaltung oder im Ausland. Dabei werden immer mehr Ärzte gebraucht. Bis zum Jahr 2015 suchen circa 47.000 Vertragsärzte Praxisnachfolger.

Der junge Erfurter Anästhesist Christian Icke hat seine Approbation bereits hinter sich und drei Jahre lang in einem Erfurter Klinikum gearbeitet. Auch er will weg - vor allem weg von den vielen Diensten ohne Aufstiegsmöglichkeiten. "Man kann locker 300 Stunden im Monat arbeiten - das sagt nichts aus". Der 33-Jährige hat sich zunächst für einen Abschied auf Zeit entschieden und ließ sich beurlauben, um für ein Jahr in einer Pariser Klinik zu arbeiten. "Ich hoffe, dass ich danach eine bessere Perspektive hier in Deutschland habe." In Erfurt arbeitete Icke unter einer enormen Arbeitsbelastung: "Wir haben in den letzten Jahren eine starke Fluktuation hinnehmen müssen. Die Abteilung mit 50 bis 60 Kollegen hat sich einmal komplett erneuert", berichtet er. Das Klima in den Krankenhäusern wird aufgrund der Arbeitsbedingungen immer schlechter. Christian Icke sieht auch mehr und mehr die Behandlungsmöglichkeiten gefährdet. Zwar erhielten die Patienten notwendige Therapien, die wissenschaftlich fundiert sind, aber die Ressourcen müssten "sehr sinnvoll" eingesetzt und Synergieeffekte genutzt werden. Das alles sei bei weniger Personal kaum machbar. Viele angestellte Ärzte, die in der Hierarchie jenseits des Oberarzt- oder Chefarztpostens arbeiten, hätten im europäischen Vergleich einen eher schlechten Verdienst bei großer Verantwortung und viel Arbeit. Zwar sehe er seine berufliche Zukunft schon in einer Klinik, doch die Zeit, die man als Assistenzarzt verbringt, müsse begrenzt sein.

Für seine berufliche Vita und auch im Hinblick auf den Facharzttitel verspricht sich der junge Anästhesist durch seinen Auslandsaufenthalt Vorteile. Doch mehr als der Wunsch, Karriere zu machen, treiben ihn private Gründe an. "Ich möchte eine Familie haben und das geht nur, wenn ich nicht mehr diese Dienstbelastung habe. Außerdem bin ich nicht glücklich, wenn ich mich nur auf den Job konzentriere." Die Belastung bei einem Arzt, der in der Klinikhierarchie weiter unten steht, trägt in den meisten deutschen Kliniken dazu bei, dass Abstriche im Privatleben in Kauf genommen werden müssen. Die Arbeitsbelastung bewertet der Erfurter auch mit Blick auf die Patientenversorgung äußerst kritisch. Zwar sei er Perfektionist und wolle immer eine gute Arbeit machen, doch immer Vollgas zu geben, sei nicht möglich, "bei keinem Arzt".

Anke Schmidt-Kraska recherchierte mit Unterstützung der Norwegisch-Deutschen-Willy-Brandt-Stiftung in Norwegen. Demnächst erscheinen die gesammelten Biografien der deutschen Ärzte.


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00:00 20.01.2006

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