Wo bleibt das Subjekt?

Wo bleibt das Subjekt Wolfgang Englers soziologische Erzählung "Die Ostdeutschen als Avantgarde" stellt viele kluge Fragen und bleibt doch manche Antwort schuldig

Als der Berliner Kultursoziologe Wolfgang Engler 1999 seine pointierte Analyse Die Ostdeutschen - Kunde von einem verlorenen Land vorlegte, fand dies eine überraschend große Aufmerksamkeit. Von der einen Seite gab es Lob ob des frischen Tones und der analytischen Schärfe, im Jahr darauf sogar den Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung für "Das politische Buch 2000", von der anderen Seite hagelte es Kritik, weil er die diktatorischen Merkmale der DDR nicht genügend herausgearbeitet habe. Drei Jahre später nun gibt es einen deutlich dünneren Fortsetzungsband, in dem Engler die Problemgeschichte der Ostdeutschen über das Jahr 1989 hinaus fortschreibt und die letzten zwölf Jahre untersucht. Dies nutzt er zugleich, um seinen Kritikern zu antworten und seine Kategorien von der "arbeiterlichen Gesellschaft" und von den prägenden drei Generationen zu verteidigen. Wieder gelingt es ihm, mit Bezügen auf Dokumentarfilme, sinnlichen Wahrnehmungen aus der gebauten Umwelt, wissenschaftlichen Analysen und soziologischen Untersuchungen eine anschauliche Gesellschaftsgeschichte auszubreiten, die in ihrer lakonischen Prägnanz kaum treffender sein könnte.

Er erklärt, wieso sich eine so starke ostdeutsche Identifikation herausgebildet hat, warum es zu keinem ernsten Streit zwischen den Generationen gekommen ist, weshalb die Kollektiverfahrungen nützlich sind für den plötzlichen Umstieg auf moderne Teamarbeit, warum Ostdeutsche ihr Scheitern nicht psychologisieren, sondern als soziales Problem begreifen und welchen Ausweg es aus dem wirtschaftlichen, demographischen und urbanen Niedergang des Ostens geben könnte.

Das Ganze verbindet er mit einer zentralen These, die sich schon im Titel andeutet. Danach machen die Ostdeutschen gegenwärtig Erfahrungen, die künftig für die Entwicklung in ganz Deutschland von größter Bedeutung sein werden, weshalb sie auch (ungewollt) in die Rolle der Avantgarde geraten sind. In diesem Teil Deutschlands müssen nach dem Ende der traditionellen Arbeitsgesellschaft einfach neue Formen des sozialen Lebens ausprobiert werden, da es eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung nicht mehr geben wird.

Dieses Problem bildet auch den Kern des Buches, was bereits bei der Auswahl der Vorabdruckpassagen in den Zeitungen deutlich wurde und was zugleich das zentrale Thema der Buchpremiere im verfallenen Ostberliner Stadtbad Oderberger Straße war, wo der Autor Anfang September mit dem Berliner Publizisten Matthias Greffrath darüber diskutierte, was denn nun eigentlich vom avantgardistischen Osten zu lernen sei. Dabei stellte sich das gleiche Dilemma heraus, das man auch als Leser am Ende der knapp 200 Seiten verspürt: Es gibt noch keine Antworten, nur das Konstatieren eines tiefgreifenden Wandels, aus dem einmal ein Aufbruch erwachsen könnte. Die Verhältnisse werden vermutlich zur "Freisetzung neuer Arten des Denkens und Handels führen", doch wie diese genau aussehen werden, weiß der Autor auch noch nicht. Alles, was er momentan zu leisten vermag, ist zur "Desorientierung falscher Gewissheiten" beizutragen. Das kann in Zeiten, da einem die Politiker immer wieder glauben machen wollen, dass es auf diesem oder jenem Weg gewiss bald zur drastischen Absenkung der Arbeitslosenzahlen kommen werde, schon ganz nützlich sein, doch erwartet man von einer Avantgarde, also von den Vorkämpfern, schon etwas mehr. Sie sollten eigentlich wissen, wofür sie kämpfen. Das aber wissen die Ostdeutschen so wenig wie der Autor.

Engler musste daher auch in der Debatte mit Greffrath eingestehen, dass trotz der fortschreitenden globalen Rationalisierung via Informationstechnologien bisher noch kein kollektives Aufbegehren gegen die massenhafte "Enteignung von der Arbeit" zu erkennen sei, wie es das mit dem Protest gegen die "Vernutzung der Natur" in den achtziger Jahren vergleichbar gegeben hat, als sich die grünen Bewegungen formierten. Selbst der entsprechende Themenwechsel in der Öffentlichkeit stehe noch aus, der aber notwendig sei für die Herausbildung neuer kollektiver Subjekte. Engler geht es um nicht weniger als die "Schaffung eines neuen kulturellen Modells", wonach dem Leben auch dann Sinn und Erfüllung gegeben werden kann, wenn Arbeit fehlt oder nur in sehr geringem Maße vorhanden ist. Er verlangt von der Politik gesetzgeberische und institutionelle Reformen, die einen tiefgreifenden Orientierungs- und Funktionswandel einleiten, so dass tatsächlich Vorsorge für ein erfülltes Dasein ohne Erwerbsarbeit getroffen wird. Hierbei fällt auch das Stichwort vom allgemeinen "Bürgergeld", nur bleibt unklar, wer dies eigentlich im gegebenen Wirtschaftsgefüge erarbeiten soll.

Engler stößt bei der Analyse der Schrumpfungsprozesse in Ostdeutschland zu den Grundfragen der modernen postindustriellen Gesellschaften vor, doch bleibt die Frage nach den Vorkämpfern dieses Transformationsprozesses letztlich ungeklärt. Ob es tatsächlich die Ostdeutschen sein werden, wie der Titel suggeriert, muss die Zukunft erst noch zeigen.

Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen als Avantgarde. Aufbau-Verlag, Berlin 2002, 207 S., 16,50 EUR

00:00 11.10.2002

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