Wo Brücken träumen

58. BERLINALE Das Universum Kino in einem Film - Guy Maddins Experimentaldokumentation "My Winnipeg" im Forum

Das Internationale Forum des jungen Films gilt als die experimentierfreudigste und am wenigsten kommerzielle Sektion der Berlinale. Was aber ist ein junger Film? Und wie lässt sich das Programm dieser Reihe umreißen, zumal im Unterschied zu den Filmen im parallel laufenden Panorama? Natürlich: eine ganze Reihe, wenn auch längst nicht alle, der vertretenen Regisseure hat das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht. Andererseits sind aber auch manche Filme älteren Datums. So stammt Charles Burnetts My Brother´s Wedding, ein kleines Meisterwerk des Black Cinema aus dem Jahr 1983 und wird nun in einem neu erstellten Director´s Cut wieder gezeigt. Kent MacKenzies The Exiles, der von jungen Indianern in Los Angeles handelt, ist gar von 1961 und auf der Berlinale in einer restaurierten Fassung zu sehen. Worum aber geht es im Forum, was sind die Fragen und ästhetischen Konstellationen, die sich womöglich als roter Faden durch das heterogene Programm dieser Reihe ziehen? Eine besonders kluge Entscheidung hat der Sektionsleiter Christoph Terhechte in dieser Hinsicht mit der Wahl des Eröffnungsfilms getroffen: My Winnipeg, das neueste Meisterwerk des kanadischen Experimentalfilmers Guy Maddin, der mit 51 Jahren zwar kein Jungspund mehr ist, aber angesichts seiner Filme eine größere Berühmtheit verdient hätte, widmet sich den grundlegenden Fragen des Filmemachens und bringt zugleich nicht weniger als eine Archäologie des Kinos auf die Leinwand. Vielleicht ist ja genau das die freie Übersetzung des Begriffs "junger Film": ein intellektuelles oder künstlerisches Kino, das sich jenseits des kommerziellen Verwertungszusammenhangs selbstbezügliche Verspieltheiten leistet. Dass das Forum mit My Winnipeg eröffnet, schließt zugleich eine Klammer; war dort doch im letzten Jahr Guy Maddins Brand Upon the Brain! als Abschlussfilm zu sehen. Mit einem Filmorchester, live agierenden Geräuschemachern und der leibhaftigen Isabella Rosselini als Filmsprecherin am Mikrofon geriet der hochkomplexe und im Grunde schwer verständliche Film allein aufgrund seiner außergewöhnlichen Aufführungsumstände zum opulentesten Ereignis dieser Filmfestspiele; eine echte Gala - im Unterschied zu allen anderen Eröffnungs- und Preisverleihungszeremonien am Potsdamer Platz.

My Winnipeg verzichtet nun auf jede Unterstützung von außen, der Film hält seine trotzdem nicht minder grandiosen Effekte allein auf Ton- und Bildspur bereit. Dabei handelt es sich, das sagt zumindest Maddin selbst, bei dem für den kanadischen Documentary Channel produzierten Film tatsächlich um eine Dokumentation. Allerdings muss man die Definition des Genres dazu ziemlich weit fassen. Um faktische Wahrheit und einen objektiven Blick, das sagt schon der Filmtitel, geht es zumindest nicht. Winnipeg, die Heimatstadt des Regisseurs, wird durch die gefärbte Brille des Autors betrachtet. Maddin rekapituliert mythische Erzählungen von längst ausgerotteten, aber mit magischen Kräften ausgestatteten Büffeln und solche von stadtbekannten Spiritisten; zeigt Bilder von einer Pferdeherde, die einmal im Fluss einfror, um dann wie eine apokalyptische Skulptur aus dem Eis zu ragen; erzählt die Geschichte der Arlington Street Bridge, einer riesigen Brücke aus Stahl, die einst für Ägypten konstruiert worden war, dort den Nil überqueren sollte und von der Stadt Winnipeg nur deshalb zu einem Spottpreis gekauft werden konnte, weil sie am Ende aufgrund einer Fehlkonstruktion zu kurz geraten war. Maddin, dessen beschwörende Erzählstimme den Film aus dem Off begleitet, verdichtet diese Anekdoten aus dem stadtgeschichtlichen Gedächtnis zu einer surrealen Erzählung davon, wie sich all dies in die soziale Skulptur der Menschen aus Winnipeg einschreibt. Also davon, wie verliebte Pärchen sich die erfrorenen Pferde angeschaut hätten, um gleich darauf miteinander ins Bett zu gehen. Das Resultat: Humans made of Horses. Und davon, wie die Brücke sich aus ihrem unglücklichen Schicksal wegzuträumen beginnt. Auf einmal treten ihren schneebedeckten Stahlträgern Bilder vor Augen, von einer glühend heißen Wüste und von ägyptischen Palmwedeln. Wo selbst die Brücken träumen, sind auch die Menschen nicht von dieser Welt. In Winnipeg, sagt Maddin, gibt es zehnmal mehr Schlafwandler als in jeder anderen Stadt. Und so sind die Straßen voll von diesen Taumelnden; die meisten haben ein dickes Schlüsselbund in der Hand, mit dem sie sich zu jedem Haus Zutritt verschaffen können, in dem sie einmal gelebt haben. Maddin selbst aber hat stets nur einen Schlüssel in der Hand: den zum Haus seiner Kindheit. Und da er Filmemacher ist und alles von der Steuer absetzen kann, mietet er das Haus noch einmal an, zieht hier mit seiner Mutter ein und Schauspielern, die seine Geschwister spielen, um zentrale Kindheitsreminiszenzen vor der Kamera nachzustellen. Traum und Erinnerung, tatsächliche Orte und die Orte der Fantasie verdichten sich in diesem Film, der in grobkörnigem Schwarzweiß altes Archivmaterial mit neu gedrehten Videosequenzen vermischt, zu einer Wahrheit, die so stark wird, dass sie durch den Realitätsgehalt einer historischen Chronik nicht mehr anzufechten ist. My Winnipeg schließt die Ästhetik des Weimarer Stummfilms so lange mit der der amerikanischen Wochenschau und des surrealen Kunstkinos kurz, bis ein Film herauskommt, an dessen Ende man tatsächlich alles Wissenswerte über diesen verdammten Ort gelernt zu haben glaubt.

Vielleicht ist es im Anschluss daran ungerecht, die formale Schlichtheit zu bekritteln, mit der die Fotografen Renaud Barret und Florent de La Tullaye in Victoire Terminus, Kinshasa ihre Videokameras auf eine Gruppe von Boxerinnen in der kongolesischen Hauptstadt gehalten haben. Denn die Geschichte dieser Riot-Girls, die in demselben Stadion, in dem einst Mohammed Ali gegen George Foreman gekämpft hat, für die afrikanischen Meisterschaften trainieren und darüber ihre arbeitslosen Ehemänner und einen sinnlos anmutenden Wahlkampf korrupter Politiker vergessen machen, ist es ebenso wert, erzählt zu werden. Adyta Assarats Wonderful Town schließlich behandelt eine tragisch endende Liebesgeschichte in einem südthailändischen Dorf, in dem die absurden Rachefantasien der Bewohner dieselbe tödliche Gewalt entfalten können wie vor zwei Jahren erst der alles vernichtende Tsunami. Solche Filme laufen dieses Jahr im Internationalen Forum des jungen Films. Guy Maddins Werk hat die Sektion eröffnet und wird am Ende alles andere überstrahlen.

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