Wo der Asphalt endet

Bulgarien Nicht nur auf dem Balkan werden die Roma oft so behandelt, als wären sie die Corona-Krankheit selbst

Tagelang waren Miroslava und Christiana telefonisch nicht erreichbar. Ihre Mutter Mariana konnte die Internetgebühren nicht bezahlen, weil sie wegen der Corona-Krise schlagartig ihren Job in einer Fischfabrik im bulgarischen Sliven verloren hat. Ohne Arbeit und Sozialversicherung kann Mariana nicht für ihre Töchter sorgen. Die 29-Jährige lebt mit den Teenagern bei ihren Großeltern, zu fünft in zwei Zimmern. Der Vater ihrer Kinder war bald nach Christianas Geburt von einer Reise auf der Suche nach Arbeit nicht zurückgekehrt. Das ist Alltag für viele Frauen im Roma-Slum Nadeshda.

Nadeshda bedeutet „Hoffnung“ und ist der Inbegriff von Hoffnungslosigkeit. Hier gilt: „Wo der Asphalt endet, beginnt das Viertel der Roma.“ Das Ghetto liegt umgeben von einer hohen Backsteinmauer am Rand von Sliven in einem Industrierevier, direkt an den Bahnschienen. Keine Grünfläche, kaum ein Busch oder Baum, dafür jede Menge Müll, Ratten und oft Pfützen von geplatzten Wasserrohren. 25.000 Menschen leben hier auf 0,2 Quadratkilometern, dreißigmal so dicht wie in Berlin.

Solidarität aus Gießen

Zum Einkaufen oder zur Apotheke in Sliven gelangt man über eine Schotterstraße, die jetzt von der Polizei verbarrikadiert ist, nachdem rechtsextreme Politiker dafür gesorgt haben, Roma im ganzen Land durch „nationale Maßnahmen“ vom Rest der Bevölkerung zu isolieren. Es wird behauptet, „die Zigeuner“ brächten das Corona-Virus in Umlauf.

Roma, wo immer sie leben, stehen seit Jahrhunderten unter Generalverdacht. Einst von den Nazis verfolgt und ermordet, werden sie bis heute als schmutzig, kriminell und primitiv stigmatisiert. „In der Not sucht sich die Mehrheitsgesellschaft Schuldige an ihrer Misere und instrumentalisiert die traditionell als Außenseiter konnotierten Gruppen wie Juden oder Sinti und Roma als Sündenböcke“, sagt der Historiker Wolfgang Benz, Autor von Sinti und Roma: Die unerwünschte Minderheit.

Der zweite Ausgang von Nadeshda, ein Fußgängerweg durch einen Tunnel, führt unter den Bahnschienen hindurch. Er ist vergittert und von Polizisten bewacht, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Passieren darf nur, wer einen Mundschutz trägt und Geld besitzt. Nur, wer in Nadeshda hat schon Geld? Aus Mangel an Bildung leben viele davon, Wertstoffe zu sammeln, Ware informell auf Wochenmärkten zu verkaufen oder zu musizieren. Wegen der Pandemie ist selbst das nicht mehr möglich. Laut Gerüchten gibt es im Ghetto sechs Infizierte. Genau weiß das niemand, die Behörden lassen die Menschen im Stich. Weniger denn je können sie sich angemessen mit Lebensmitteln und medizinisch versorgen. Adäquate sanitäre Einrichtungen haben nur wenige, nicht jeder kommt an sauberes Wasser. Die gerade in Virus-Zeiten notwendige Hygiene ist für die meisten kaum einzuhalten. Es droht eine humanitäre Notlage. Dank „Musik statt Straße“ funktioniert Marianas Telefon wieder. Die Gießener Initiative wurde 2008 von Georgi Kalaidjiev und Maria Hauschild gegründet, um Straßenkindern durch klassische Musik aus dem Teufelskreis des Ghettos zu helfen. Kalaidjiev stammt aus Nadeshda und hat dort Verwandte. „Ich selbst bekam als Kind eine Chance und will diese Erfahrung an andere weitergeben“, so der Geiger, der weltweit mit berühmten Musikern spielte und bis zum Ruhestand Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters Gießen war. „Musik erweitert den Horizont und kann soziale Grenzen sprengen“, sagt der 73-Jährige, der mit Hauschild gegen Rassismus und für die Integration der extrem gespaltenen Gesellschaft kämpft. Seit 2016 erhält die begabte 16-jährige Miroslava durch ihre Initiative Geigenunterricht und schulische Nachhilfe. Mittlerweile besucht sie sogar das Gymnasium von Sliven, wohin es selten ein Roma-Kind schafft. Weil jetzt alle Schulen geschlossen sind, hat Miroslava Angst, den Anschluss zu verpassen.

Ein 16-jähriger Bräutigam

Noch unterrichten die zwölf Mitarbeiter von „Musik statt Straße“ ihre 37 Schüler, soweit es geht, ü

Romeo Franz, selbst Profimusiker, ist EU-Abgeordneter für die Grünen. Unter dem Motto „Save Roma from Corona“ fordert er die EU-Kommission auf, Roma den gleichen Schutz wie der übrigen Bevölkerung zuteilwerden zu lassen und gegen verschärften Rassismus öffentlich einzuschreiten. In Osteuropa und auf dem Balkan werden Roma behandelt, als wären sie die Krankheit selbst. „Ihre fundamentalen Menschenrechte werden mitten in Europa jetzt noch massiver als zuvor verletzt“, so Franz. Ihn verfolgen Bilder von behinderten Kindern – nackt auf Gassen in rumänischen Slums, von Ungeziefer zerbissen, von Ratten angefressen: „Antiziganismus ist tödlich.“ Seit Jahren kämpft er dafür, dass die EU-Staaten verbindlich gegen diesen spezifischen Rassismus gegenüber Menschen mit Roma-Hintergrund vorgehen. In Rumänien konnte sich Franz selbst davon überzeugen, dass EU-Gelder die Schutzbedürftigen oft nicht erreichen. Er weiß, dass Vorurteile und Korruption nur durch konzertierte Anstrengungen der EU bekämpft werden können.

Daniel Strauß, Vorsitzender des Deutschen Landesverbands Sinti und Roma in Baden-Württemberg, erinnert daran, dass diese Minderheit vor nur 40 Jahren in vielen deutschen Städten noch unter ähnlichen Bedingungen wie heute in Osteuropa lebte. „Es bleibt aber auch bei uns schwer, sich aus segregierten Vierteln zu befreien“, sagt der Sohn eines Auschwitz-Überlebenden, „es ist sogar eher wieder schwerer geworden.“ Auch in Deutschland existiert Antiziganismus und nimmt – wie die antimuslimischen Ressentiments und der Antisemitismus – mittlerweile sogar zu. Laut der „Leipziger Autoritarismus-Studie von 2018“ wollen 56 Prozent aller Deutschen Sinti oder Roma aus ihrer Umgebung verbannt sehen. Über 60 Prozent glauben, dass sie zur Kriminalität neigen. Drei der Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau am 19. Februar waren Roma.

„Wir sind seit tausend Jahren Europas größte Minderheit“, so Strauß, „es ist an der Zeit, dass Deutschland eine nationale Strategie für die gleichberechtigte Teilhabe von Sinti und Roma entwickelt, damit unsere Kinder eine Perspektive haben.“ Soeben stellte er als Vorstand der Hildegard-Lagrenne-Stiftung für Bildung, Inklusion und Teilhabe von Sinti und Roma in Deutschland die größte Studie der Nachkriegszeit vor, in der Vereine und Experten zur Lage deutscher Sinti und Roma befragt wurden. Für das vergangene Jahrzehnt konstatierten die Befragten bei Bildung und Berufsausbildung zwar leichte Verbesserungen, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt jedoch verschlechterte Bedingungen. 73 Prozent sehen sich mit mehr Antiziganismus konfrontiert, 41 Prozent fühlen sich von den Behörden diskriminiert. Die überwältigende Mehrheit wünscht, endlich gleichberechtigt am Leben teilhaben zu können.

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06:00 30.04.2020
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