Wo der Fluss endet

Im Innern von Afrika Was heute das Action-Kino ist, waren im 18. Jahrhundert die Berichte von Entdeckungsreisen. Einer stammt von Mungo Park, der als erster Europäer dem Niger folgte und vor 200 Jahren starb

Natürlich hätte er seine Ferien auch in einem kleinen Gasthof am Loch Ness verbringen können. Doch der junge Schotte Mungo Park zieht es 1796 vor, dem Emir von Ludamar, Ali Ibn Fatoudi, einen Besuch abzustatten. Nicht ganz freiwillig, wie es scheint. Ali ist Maure und hat noch nie einen Schotten gesehen. Mungo Park ist im Auftrag der Afrika-Gesellschaft auf der Suche nach dem Niger. Außerhalb von Alis Zelt beträgt die Temperatur 53 Grad Celsius. Das Zelt ist aus Ziegenhaargarn gewebt, im Innern ist es mit 45 Grad auch nicht richtig kühl.

Der Maure sitzt mit gekreuzten Beinen auf einem Damastkissen und zischt: "Umdrehen!" Im Zelt drängen sich Frauen und Kinder. Sie zählen Parks Finger und Zehen. "Sicher hat seine Mutter ihn als Baby in Milch getaucht", sagt jemand. Der Entdeckungsreisende denkt an Major James Houghton, seinen Vorgänger: Ire, zweiundfünfzig Jahre alt und pleite. Von Afrika keinen blassen Schimmer, aber für dreihundert Pfund und eine Kiste schottischen Whiskey billig zu haben. Er trank aus fauligen Teichen und aß Affenfleisch. Dank einer eisernen Konstitution überlebte er sämtliche bekannten Infektionen - bis er den Mauren von Ludamar in die Hände fiel. Die zogen ihm seine Sachen aus und banden ihn am obersten Kamm einer Düne fest ...

Neugierig sind sie, die Damen in Alis Dorf! Eines Abends besuchen sie Park in seiner Hütte, Füße und Fingerspitzen mit dunkler Safranfarbe kunstvoll verziert. Das darf doch nicht wahr sein! Der Entdeckungsreisende schaut sich nach Johnson um, seinem Dolmetscher. Nie ist er da, wenn man ihn braucht. Die wollen tatsächlich nachsehen, ob die nazarini, wie sie die Christen nennen, ebenfalls beschnitten sind. Geistesgegenwärtig zeigt Park auf die Jüngste und Schönste: "O.k., aber nur, wenn sich alle anderen verziehen." Die Damen kichern und tuscheln, dann trollen sie sich. "Der jungen Frau musste der Vorzug, den ich ihr gegeben hatte, auf keine Weise zuwider gewesen sein, denn sie schickte mir am Abend etwas Mehl und Milch", schreibt Park dazu in seinem Buch Reisen im Innern von Afrika.


Ende des 18. Jahrhunderts ist die Landkarte westlich von Timbuktu weiß. Im Innern von Westafrika ist die sagenhafte Stadt am Niger weit und breit der einzige Ort, dessen Lage man halbwegs korrekt anzugeben weiß. Nicht dass die Europäer am Niger kein Interesse gehabt hätten. Bereits fünf Jahrhunderte vor Christus gab der Fluss Herodot Stoff zum Grübeln. Doch kein Europäer hat ihn bisher zu Gesicht bekommen und zu Hause darüber berichten können.

Andere Länder, andere Sitten: Am Ufer des Faleme, Nebenfluss des Senegal, zerstampfen die Einwohner kleine Fische von der Größe unserer Sardellen in hölzernen Mörsern, lassen sie zu großen Klumpen geballt in der Sonne trocknen, und fertig ist das Fischmus. Nach Bedarf schneiden sie davon ab, kochen es in Wasser und mischen es mit Kuskus. Park rümpft die Nase, so übel riecht das Zeug. Aber die Mauren aus dem Sahel, von Fisch nicht gerade verwöhnt, essen die Pampe mit Begeisterung und lassen sich ihre Leibspeise einiges kosten.

Dafür hat der Schotte überhaupt kein Verständnis: Obwohl sie im Königreich Khasso Vieh und Getreide im Überfluss besitzen, können alle, ob reich oder arm, gar nicht genug kriegen von Ratten, Maulwürfen, Heuschrecken und Eichhörnchen. Pisi ist eine große Stadt ohne Ringmauern, gegen Überfälle bloß durch eine Zitadelle gesichert. Zu einem Fest lässt Park seine Leute abends lieber allein ziehen. "Alles halb so schlimm und ziemlich lecker", sagt Tami, der Schmied aus Bambarra. "Aber was das hier wohl ist? Hab´ ich zwischen Fisch und Kuskus gefunden." Er stiert auf ein Stück harte Haut in seiner Rechten. Park schaut sich das Ding genau an. "Schlange", sagt er schließlich, dreimal froh, daheim geblieben zu sein. Angewidert das Gesicht zu verziehen, verbietet ihm seine gute Kinderstube.


Geboren am 10. September 1771 als siebtes von zwölf Kindern in der Gemeinde Selkirk, besteht Mungo Park bereits als Junge darauf, Chirurg zu werden. Priester - das hätten seine Eltern gerne gesehen - kommt gar nicht in Frage. In erster Linie zieht es ihn in die Ferne, und so bietet er nach drei gescheiterten Expeditionen ins Innere Afrikas der Afrika-Gesellschaft seine Dienste an. Sir Joseph Banks, der James Cook auf dessen erster Reise in den Pazifik begleitet hat, ist einverstanden. Von wegen leichte Kleidung: Als Park am 22. Mai 1795 von Portsmouth aufbricht, ist er gekleidet wie immer: auf dem Kopf ein großer schwarzer Filzzylinder, Hemd, Weste, blaues Samtjackett, Nankinghose und ein schwerer, langer Mantel mit Messingknöpfen. Sein Job ist klar: Er soll den Niger finden, schauen, in welche Richtung er fließt und herausfinden, wo er endet. Zwar sind europäische Händler zu dieser Zeit bereits am Nigerdelta in der Bucht von Benin vertreten. Doch sie haben keine Ahnung, wo dieser große Strom herkommt.


In Alis Zeltlager steht und fällt Parks Schicksal mit dem Eindruck, den er auf Alis Hauptfrau Fatima machen wird. Endlich - drei Monate halten ihn die Mauren nun schon fest - ist der Augenblick gekommen. Der Entdeckungsreisende ist in einem jämmerlichen Zustand: Seine Augen gelb verkrustet, die Wangen eingefallen, sein Bart eine Spielwiese für Zecken, Flöhe und Maden. Er stärkt sich mit einem Tiegel Kuskus und putzt Bart, Locken und Lenden. Seine Lumpen tauscht er gegen eine prächtige weiße jubbah.

Auf dem Weg zu Fatimas Zelt übt er schweißüberströmt ein paar Sätze aus seiner Arabisch-Grammatik: "Ich bin geschmeichelt, mich in ihrer Gegenwart zu sonnen" und "Erlauben Sie mir, Ihren Fußsohlen zu huldigen". Im Zelt brennen zwei Öllampen, sonst ist es ziemlich dunkel. Wandteppiche, Matten, zwei Würgfalken auf einer Sitzstange. Fatima sitzt auf einem Kissen, so groß wie ein Doppelbett. Eine dicke Frau hat Park erwartet, aber die hier - das ist unglaublich! Fatimas Reize beruhen auf einer einzigen Eigenschaft: ihrer Körperfülle. Sie wiegt dreieinhalb Zentner - im knochentrockenen Sahel das Ideal menschlicher Vollkommenheit. Zwar rangiert Park als Christ für Fatima irgendwo zwischen Kannibale und Werwolf; doch die Gattin des Emir ist dem Fremden gegenüber aufgeschlossen - Glück für Park, er darf Ali zurück nach Jarra begleiten, wo ihm die Flucht glückt.

Der Entdeckungsreisende erwacht mit bohrenden Kopfschmerzen und weiß nicht genau, wo er sich befindet. Am Abend zuvor hat er Sulu-Bier getrunken, schwarz geröstetes Malz der Mohrenhirse und reinstes Quellwasser, vergoren und gewürzt nach uralten Stammesrezepten. Das Zeug ist auch bekannt als bobutu daas - Verdreher von Gliedern und Sinnen. Weit kann es eigentlich nicht mehr sein bis zum Niger, denkt er und springt auf. Wenig später öffnen sich die Schleusen des Himmels, und die ersten fetten Tropfen knallen auf die versengte Erde. Die Regenzeit hat begonnen.

Anfangs und nach der monatelangen Dürre ein Fest für alle Sinne, sind die herabstürzenden Wassermassen für den Reisenden bald eine Tortur. Knietiefe Pfützen, der Morast zerrt an den Füßen. Reihenweise stürzen in den Dörfern die Hütten ein, weil ihre Wände vom Regen so durchweicht sind, dass sie das Dach nicht mehr tragen können. Jeder Morgen von Dunst und Nebel verhangen, die Luft feucht und stinkend. Nachdem er sich eine halbe Stunde abgemüht hat, sein Pferd durch eine Klamm zu ziehen, in der er bis zum Hals in brodelndem, gelbem Wasser steht, lässt Park sich völlig erschöpft zu Boden fallen. "Noch weit?" japst er. "Fragen Sie mich nicht, ich bin auch noch nie dort gewesen", antwortet Dolmetscher Johnson schlagfertig.

Aber es ist tatsächlich nicht mehr weit. Bei jedem Hügelkamm rast Park voraus und reckt den Hals. Schließlich erblickt er in der Ferne einen verschwommenen hellen Fleck. Endlich, da ist er! Breit wie die Themse, braun wie ein Abwassergraben, gespickt mit Flößen und Kanus, am Ufer ein Durcheinander aus planschenden Kindern, wühlenden Schweinen und Wäscherinnen mit weißen Hauben. Und er fließt tatsächlich nach Osten!

Mansong, der Herrscher von Bambarra, hat gerade ein gewaltiges Frühstück beendet, als ihn die Nachricht von der Ankunft Parks erreicht. "Gibt es in Deinem Land denn keine Flüsse?" fragt er den Reisenden. Dass jemand sein Königreich bereist, um einen Fluss zu finden, darüber kann er nur den Kopf schütteln. Weil er aber ein gütiger und edelmütiger Herrscher ist, schenkt er Park 5.000 Kauriemuscheln, die damals übliche Währung. Damit ist bei einem Verbrauch von 100 pro Tag die Reisekasse erst mal wieder gut gefüllt.

Am Morgen des 30. Juli 1796 trifft Park in Silla, 250 Meilen vor Timbuktu, eine angesichts seines elenden Zustandes vermutlich lebensrettende Entscheidung: Er kehrt um. Als er 1797 zwei Tage vor Heiligabend in Falmouth von Bord geht, ist er zwei Jahre und sieben Monate unterwegs gewesen. Daheim hat man so lange nichts mehr von ihm gehört, dass man ihn für tot hält. 1799 erscheint Reisen im Innern von Afrika und wird innerhalb weniger Wochen ein Bestseller. Als Park im gleichen Jahr Allison Anderson heiratet, ist er ein berühmter Mann. In rascher Folge werden drei Kinder geboren. Die Familie zieht ins schottische Peebles, wo Park ohne große Begeisterung seinem Beruf als Landarzt nachgeht. Bitter-ironisch hält er einige Winter in Peebles für ebenso geeignet, sein Leben zu verkürzen, wie eine weitere Afrikareise! Und die Frage nagt an ihm: Wo endet der Niger?


Die zweite Expedition steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Ohne Verschulden Parks verzögert sich die Abreise immer wieder. So ist er Mitte April 1805, knapp zwei Monate später als geplant, erst in Kaiai am Gambiafluss. Mit der Regenzeit kommen Durchfall und Moskitos, gegen die außer giftigem Kalomel und Chinin kein Kraut gewachsen ist. Ein Schwarm Bienen richtet Menschen und Esel übel zu, beim Übersetzen über einen Fluss wird Führer Isaaco von einem Krokodil schwer verletzt. Nachts versuchen Löwen die Esel zu reißen. Die geschwächten und schlecht vorbereiteten Soldaten, die Park in Gorée an der Westküste rekrutiert hat, sterben einer nach dem anderen. Von den 45, die von der Küste ins Landesinnere aufgebrochen sind, erreichen den Niger im August gerade noch zehn. Ende Oktober stirbt auch Parks Schwager an der Ruhr. Spätestens ab da will Park nur noch eins: zur Mündung des Niger, und koste es auch sein Leben. Mit den Mauren hat er auf seiner ersten Reise keine guten Erfahrungen gemacht, jetzt fackelt er nicht lange: Musketenbewehrt segelt er mit dem Rest seiner Truppe auf einem zusammen gezimmerten Boot den Niger flussabwärts. Ein Schirm aus Ochsenhäuten soll die Besatzung gegen Pfeile und Wurfspieße schützen.

Das kann nicht gut ausgehen: Am 1. Juli 1806 teilt der Charleston Courier in South Carolina seinen Lesern "den Tod des mutigen und unermüdlichen Reisenden Mungo Park" mit, zehn Tage später berichtet die Londoner Times, Park sei im Innern Afrikas von Einheimischen ermordet worden. Als sicher gilt, dass er mit den letzten seiner Männer stromabwärts bis Yauri, 450 Meilen nördlich der Nigermündung gekommen ist. Nach einem überstürzten Aufbruch dort gerät er wenig später in einen Hinterhalt und ertrinkt in den Stromschnellen bei Bussa. Erst 1830 gelingt den Brüdern John und Richard Lander, was Mungo Park nicht vergönnt war: Sie erreichen das Nigerdelta in der Bucht von Benin.

Daheim in Schottland hat Allison Park kurz vor Weihnachten 1805 ihr viertes Kind geboren, einen Jungen mit Namen Archibald. Er hat seinen Vater nie gesehen.


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00:00 21.07.2006

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