Wo die AfD abblitzt

Kommunalwahl Bei der Wahl in Niedersachsen zeigt sich, dass die Rechtspopulisten in einem speziellen Milieu offenbar nicht punkten können
Jürgen Busche | Ausgabe 37/2016 7

Alte, erfahrene Kommunalpolitiker, mit denen zu reden sich immer lohnt, sagen es gern und oft: In der Kommunalpolitik stören Parteien nur. Nicht zuletzt deshalb ist es ein verzweifeltes Beginnen, wenn Parteienforscher zu ergründen suchen, weshalb Kommunalwahlen dieses oder jenes Ergebnis gezeitigt haben. Wer im Dorfe oder in der Stadt einen Onkel wohnen hat, der weiß das und ist höflich und bescheiden. Zuletzt in Niedersachsen hat die CDU nur wenige Prozentpunkte verloren und ist stärkste Partei im Lande geblieben. Die SPD hat etwas mehr verloren, aber zusammen mit den Grünen in der Landeshauptstadt Hannover kräftig eins auf die Mütze gekriegt: die gemeinsame Mehrheit ist hin. Die AfD ist weit hinter ihren Erwartungen geblieben, was nichts Besonderes ist, da sie als eine soeben erst hinzugekommene Partei in den rund 2.200 Kommunalversammlungen unmöglich gleich landesweit erfolgreich sein kann. Immerhin scheint zwischen Ems und Elbe die Flucht bewährter Kommunalpolitiker aus anderen Parteien nicht so stark gewesen zu sein.

Eines ist aber dort, wo Unterschiede der Regionen ins Auge springen, doch bemerkenswert. Im gut katholischen westlichen Niedersachsen hat die AfD deutlich schlechter abgeschnitten als anderswo. Auch in der durchdringend evangelisch geprägten Grafschaft Bentheim kam sie auf 1,1 Prozent. Die traditionell christlichen Milieus haben die Wende zur neuen Rechten verweigert.

Stellt sich die Frage: Was besagt das für Bayern, wo die CSU gerade erst wieder mit ihrer Annäherung an AfD-Töne die mahnenden Worte der christlichen Kirchen in den Wind schlägt? Das kann man erklären. In Bayern kommen seit zweihundert Jahren ein deftiger Antiklerikalismus und eine tiefe Volksfrömmigkeit gut miteinander aus. Man identifizierte sich gern mit dem Staat – und die Kirche sollte taufen, verheiraten und beerdigen. Darüber hinaus mochte der Pfarrer privat beliebt sein, aber politisch war die Kirche zwar rege, aber kaum bestimmend. Das war dort, wo generationenlang die Preußen herrschten, anders. Dort durften die Katholiken nur kommunalpolitisch tätig sein. Der König saß weit weg, und im Zweifelsfall war ein Wort aus Rom wichtiger als das aus Berlin. Die höchste regionale Autorität war (und ist mancherorts) der Bischof. So war es kein Zufall, dass auf die jüngsten verbalen Exzesse der CSU der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki scharf reagierte.

Die sieben bayrischen Oberhirten müssen da vorsichtiger sein, wenn sie ihre Schäflein beisammen halten wollen. Aber von Niedersachsen zu lernen, kann nicht falsch sein.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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