Wo die Angst lauert

Gespannte Ruhe Jeder Becher Glühwein wird zum Zeichen der Besonnenheit, die Deutschen wollen sich ihren Alltag nicht nehmen lassen

Damals, als die zweite Intifada losging, erzählt B., war ich in Jerusalem – die Stadt verwandelte sich mit einem Schlag. Man kann sich das vorher gar nicht vorstellen, wie die Angst eine Stadt durchdringt. Weil Schüsse fallen – weil Geräusche zu hören sind, die sich so anhören, als wären es Schüsse. Später gingen wir dann doch noch in die Altstadt, als einzige; die Straßen blieben menschenleer, „die dicke Luft der Angst“.

Aber so ist es doch gar nicht, jetzt in Berlin, widerspricht A. Die Einheimischen gehen ihren Geschäften nach, die Touristen besichtigen die Sehenswürdigkeiten; ich hatte in der Nähe der Gedächtniskirche zu tun: Der Weihnachtsmarkt machte auf, und die Leute schlürften ihren Glühwein wie eh und je. Dabei wäre der christliche Weihnachtsmarkt ein wirklich schönes Ziel für den Terror-Muslim; in Straßburg damals ging’s ja schief – man fängt gleich selbst an, sich Ziele für ihre Attacken auszudenken.

Stimmt. Als ich heute am Holocaust-Mahnmal vorbeifuhr, fielen mir die vielen Touristen auf, die trotz des nassen, dunkelgrauen Novemberwetters wieder so gerne hierher gekommen waren: Der aufgeweckte islamistische Terrorist, dachte ich, muss doch dieses Monument für seinen Anschlag erwogen haben, die Juden Europas. Zwar stellte sich in meiner Einbildung gleich die Kinoszene ein, wie die Bombenexplosion die Stelen durch die Luft wirbelt, aber die Einbildung blieb schwach, ich fuhr ruhig weiter und dachte bald an was anderes.

Alles nur Ablenkung?

Die Reporter haben Schwierigkeiten, die Angst der Bürger abzufragen. „Man denkt schon daran, wenn man sich auf den Weg in die Innenstadt macht“, antwortet eine Mutter pflichtschuldig. „Ich komme aus Spandau, da fühle ich mich sicher. Aber dass meine Tochter manchmal richtig Angst hat, das finde ich schlimm.“ Aber dass Kinder zuweilen Angst haben, hätte unsere Freundin J., eine Pädagogin, gespottet, das ist doch gesund; was soll ich da sagen: Ich habe als Kind die Angst vor dem Bombenkrieg in der Stadt voll abgekriegt.

Nein, kein Bombenkrieg steht ins Haus. Bemerkenswert sind wieder die Leserbriefe, die den Feind nicht als Eindringling von außen erkennen, sondern als inneren Feind, den Staatsapparat. Der Innenminister bringt al Qaida ins Spiel, um die Aufmerksamkeit der Bürger abzulenken vom Massenprotest gegen die Castor-Transporte und Stuttgart 21, schreibt eine Frau aus Bochum (noch weiter weg als Spandau, hätte unsere Freundin J. gespottet). Die Bundesregierung, schreibt ein Mann aus Brandenburg, will die Bürger einschwören auf die imperialistischen Kriegsziele der USA, während die deutschen Bürger mehrheitlich den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan fordern – also zaubert der Innenminister flugs al Qaida aus dem Hut.

Diese Gedanken kann man natürlich auch anspruchsvoller formulieren. Die monumentale These des bösen Staatsrechtlers Carl Schmitt lautet, der Inbegriff des Politischen sei die Unterscheidung von Freund und Feind. Gerade in unseren Kreisen wurde viel Redezeit auf den Nachweis verwendet, dass es den Feind gar nicht gibt. Der Feind ist eine Projektion meines eigenen Hasses auf den Anderen; erkenne ich diesen Hass als meinen eigenen, verschwindet der Feind wie ein Gespenst im Sonnenlicht (und der Andere wird als meinesgleichen, womöglich als Freund erkennbar).

Mit dem Mut des Alltags

Gern erhielt nach dem 11. September dieser Gedanke die Form: Dass ja die USA, als es in Afghanistan gegen die Sowjetunion ging, gemeinsame Sache mit den Islamisten, mit den Taliban machten, so dass bei gründlicher Analyse Osama Bin Laden und al Qaida als Produkt der USA zu erkennen seien. Was mich, ja, tut mir leid, immer an gewisse Altnazis in den Fünfzigern erinnerte: Sie rieben sich die Hände wegen des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion – hatte Roosevelt einst nicht Stalin überhaupt erst aufgebaut im Kampf gegen das Deutsche Reich? War die mächtige Sowjetunion nicht ein Produkt der USA? Hätte er uns mal machen lassen…

Aber B. liegt natürlich richtig mit ihrer Erinnerung an das Jerusalem der Intifada. In dem Augenblick, da in Deutschland der erste Anschlag stattfindet, da das Flugzeug, und sei’s bloß eine Cessna, in die Kuppel des Reichstags stürzt; oder eine Bombe, meinetwegen, in der Walhalla bei Regensburg explodiert, weil die Gotteskrieger das für ein zentrales Nationalheiligtum halten, mit dessen Zerstörung man Deutschlands Stolz und Ehre empfindlich verletzen kann (ich sag’s ja, man fängt gleich selbst an, Anschlagsziele auszugucken); wenn Geräusche in den Straßen zu hören wären, die der Bürger als Schusswechsel oder Bombenexplosionen deuten kann – in diesem Augenblick hätte sich die ontologische Verfassung, die Seinsweise der Republik verwandelt.

„Am 11. Mai, zwischen 18.59 und 19.02 Uhr, verwüsteten in Frankfurt drei selbstgebastelte Rohrbomben Eingangsportal und Offizierskasinos des V. US-Korps im IG-Farben-Haus; Oberstleutnant Paul A. Bloomquist, 39, von hochfliegenden Eisenteilen getroffen, verblutete – 13 Menschen wurden verletzt.

Am 12. Mai, kurz nach 12.15 Uhr, detonierten auf zwei Büroschränken in der Augsburger Polizeidirektion zwei Stahlrohr-Sprengkörper mit Batterie und Uhrwerk; fünf Polizisten erlitten Verletzungen, die Decke zum vierten Stockwerk wurde zerschlagen.

Am 15. Mai, 12.40 Uhr, explodierte in der Klosestraße zu Karlsruhe ein roter VW, als Gerta Buddenberg, Frau eines Bundesrichters, den Schlüssel ins Zündschloss steckte; die Richtersfrau, an beiden Beinen verletzt, blieb ,wie durch ein Wunder‘ (ein Polizeisprecher) am Leben.“

Nein, das sind keine Meldungen aus einer Spiegel-Nummer des nächsten Jahres, sie stammen aus dem Spiegel vom 22. Mai 1972 und erzählen von den Heldentaten der RAF; wenig später wurden Ulrike Meinhof, Andreas Baader und die anderen verhaftet. Ich erinnere mich gut, um auf den Feind als Projektionsfigur zurückzukommen, wie ich 1970, als das Radio meldete, Ulrike Meinhof sei untergetaucht, das automatisch für eine Erfindung der Springer-Presse hielt. Heinrich Böll baute 1974 seine Erzählung über die verlorene Ehre der Katharina Blum auf diese Prämisse: Es gibt die RAF gar nicht; sie ist eine Projektion der Medien und des Polizeiapparates.

Der Feind existiert

Das war falsch gedacht, denn es gibt Feinde, und sie können schweres Unheil anrichten. Davor aber, ehe dies Unheil eintritt, so denkt jetzt offenbar die Republik, gilt Bangemachen nicht, Spandau hin, Kinderangst her. Man möchte es an den Touristen, die es bedauern, dass sie in Berlin nicht die Reichstagskuppel erklimmen dürfen, weil sie aus Sicherheitsgründen gesperrt ist, ebenso ablesen wie an den Einheimischen, die U-Bahn fahren, die Weihnachtsmärkte und die Kaufhäuser besuchen und die bewaffneten Sicherheitskräfte ignorieren – man möchte an den Deutschen die britische „stiff upper lip“ erkennen, mit der sie auf die Bomben der IRA antworteten und auf das Attentat in der Londoner U-Bahn (und die Bombenangriffe der deutschen Luftwaffe).

Auf die „stiff upper lip“ – statt auf den Krieg der Kulturen, der sich jetzt in Deutschland fortsetze, weshalb wir unbedingt sofort… – scheint auch der Innenminister Thomas de Maizière zu vertrauen. In der Porträtgalerie des Amtes ist er der erste, der lieber unter- als übertreibt – man erinnere sich an die sicherheitshysterischen Anfälle von Wolfgang Schäuble oder Otto Schily; wer mag, darf sich des Innenministers von Konrad Adenauer erinnern, der immer und überall kommunistische Zersetzung erkannte und Gerhard Schröder hieß. Als Außenminister dann begann er so etwas wie Entspannungspolitik mit dem Sowjetimperium.

Ja, es gibt den Feind, und ihn zu verleugnen macht dumm. Aber man darf sich nicht dazu verführen lassen, die Unterscheidung von Freund und Feind für den Inbegriff des Politischen zu halten, so dass endlich richtig loszulegen das Gebot der Stunde wird. Und das scheint erstaunlicherweise den neugierigen Touristen und den routinierten Einheimischen ebenso klar wie dem Bundesinnenminister und seinem Sicherheitsapparat. Play it cool, Sam.

Michael Rutschky ist Essayist und Schriftsteller. Im Freitag schrieb er zuletzt über Authentizitätswahn

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11:15 25.11.2010

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